Kulmbach
Prozess

Brutale Entführung in Kulmbach: Auf offener Straße überfallen und mit Messer verletzt

Ein Mann wurde in der Nähe des Kulmbacher Bahnhofs entführt. Mit einem Messer stachen die vier mutmaßlichen Täter auf ihn ein und erpressten Geld von der Familie des Opfers. Am Montagmorgen begann der Prozess in Bayreuth.
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Ein Mann wurde in ein Auto gezerrt. Die Täter stachen mehrfach mit einem Messer auf ihn ein. Symbolfoto: Christopher Schulz
Ein Mann wurde in ein Auto gezerrt. Die Täter stachen mehrfach mit einem Messer auf ihn ein. Symbolfoto: Christopher Schulz

So eine Geschichte - sie spielt im Schleusermilieu - kennt man sonst nur aus dem Krimi. Auf offener Straße wurde vor elf Monaten in Kulmbach ein Mensch in ein Auto gezerrt und entführt. Jetzt wird der Fall vor dem Landgericht Bayreuth aufgerollt: Es geht um erpresserischen Menschenraub, schweren Raub und gefährliche Körperverletzung. Angeklagt sind vier junge Männer - alle Iraner.

Es war schon dämmrig, als am Abend des 27. Oktober ein schwarzer BMW in Kulmbach vorfuhr. In dem Wagen mit Kölner Kennzeichen saßen die vier Iraner. Sie suchten einen Landsmann, der ein Schleuser sein soll. Von ihm wollten sie laut Anklageschrift Geld haben: 5000 und 10 000 Euro aus missglückten Schleusergeschäften.

Kontaktmann wartet

Bei McDonald's in Kulmbach traf man einen Kontaktmann. Er wusste, wo der Gesuchte wohnte. Um 18.30 Uhr kreuzten die vier Iraner in der Kronacher Straße auf. Nach kurzer Wartezeit kam der Betreffende zusammen mit einem Freund auf die Straße. Es muss einen heftigen Wortwechsel gegeben haben. Die Stimmung war aufgeheizt. Schließlich eskalierte die Situation - beobachtet von mehreren Zeugen.

Der Schleuser wehrte sich, wurde aber von einem der Besucher geschnappt. Der Bodybuildingtrainer (24) aus Braunschweig schob ihn zum Wagen. Mit einem Messer und einem Stich in den Oberschenkel half ein zweiter Iraner (34) beim Einsteigen nach. Dessen Bruder (32) steuerte den Wagen schnurstracks auf die Autobahn. Ab ging es nach Westen.

Ein PKK-Terrorist?

Unterwegs soll es im Auto sehr laut geworden sein. Es sei geschrien und gestritten worden, gab der vierte Angeklagte (29) vor Gericht an. "Ich hatte große Angst", sagte er. Denn der Schleuser sei ein übler Bursche: ein PKK-Terrorist mit 30 Jahren Knasterfahrung. Deshalb habe er sein Jagdmesser - inklusive Holzgriff 30 Zentimeter lang - mitgenommen und dem Mann auch einmal mit der stumpfen Seite auf den Kopf geschlagen, als er sich von ihm bedroht fühlte.

Der Geschädigte erlitt, so Staatsanwältin Janina Leinhäupl, "einen leichten Schnitt am Hals, eine nicht blutende Stichwunde am Oberschenkel, eine blutende Verletzung an der Hand, mehrere Prellungen und nicht nur unerhebliche Schmerzen". Während der Fahrt habe man Angehörige und Freunde des Mannes angerufen und Geld gefordert. Andernfalls werde er bestraft. Nach drei Stunden sei er in Offenbach freigelassen worden. Der Fahrer des Wagens habe gedroht, dass man ihm ins Bein schießen werde, wenn er nicht zahlt.

Eine Entführung auf offener Straße? Im kleinen Kulmbach? Zur Aufklärung des Falles hat die 1. Strafkammer des Landgerichts Bayreuth fünf Verhandlungstage angesetzt. Den Iranern wird schwerer Raub in Tateinheit mit erpresserischem Menschenraub in drei tateinheitlichen Fällen und gefährlicher Körperverletzung vorgeworfen.

Am Montag begann der Prozess. Die Angeklagten, die einen Monat nach der Tat festgenommen worden waren, wurden von je zwei Polizisten mit Fußfesseln in den Schwurgerichtssaal gebracht. Sie sitzen seit zehn Monaten in Bayreuth, Hof, Bamberg und Nürnberg in Untersuchungshaft.

Gewalt im Schleuser-Milieu

Ungeklärt ist bis jetzt der Status der Männer. Auf die Frage nach der Staatsbürgerschaft antworteten alle: Iraner. Mindestens zwei von ihnen wurden nach Deutschland geschleust. Drei von ihnen wohnen seit vielen Jahren in Köln. Die Brüder betreiben eine Kfz-Werkstatt, der 29-Jährige ist Pizzabäcker. Der Bodybuilder lebt in Braunschweig. Er machte - im Gegensatz zu den drei Mitangeklagten - noch keine Angaben.

Demnach wollten die Automechaniker einen Cousin von Teheran nach Köln holen. Den Kontakt zu dem Iraner in Kulmbach stellte der Pizzabäcker her, weil er dessen Bruder über Belgrad nach Deutschland geschleust hatte. Mit dabei damals: der Bodybuilder. Der Schleuser kassierte angeblich 5000 Euro, doch er blieb die Gegenleistung schuldig. Der Cousin saß in Serbien fest und musste in den Iran zurückkehren.

Tat nicht geplant?

Der Verlust der 5000 Euro, die der Onkel der Kölner Brüder bezahlt hatte, schmerzte die Familie. Die Entführung sei nicht geplant gewesen, so der 32-jährige Fahrer. Sonst hätte er doch niemals sein eigenes Auto genommen, sondern ein Fahrzeug gemietet. "Wir wollten einfach nur mit ihm reden." Während der Autofahrt sei der Mann auch nicht bedroht oder geschlagen worden. Er habe ihm am Schluss lediglich eine Ohrfeige gegeben. "Es war einfach zu viel Geld für uns", meinte der Angeklagte.

Nach Offenbach sei man gefahren, weil der Kulmbacher einen dortigen Geschäftspartner angerufen habe. Eine Geldübergabe fand allerdings nicht statt. Stattdessen habe der Schleuser um vier Wochen Aufschub gebeten. Angeblich sei beim Bodybuilder auch nicht um 10.000, sondern nur um 1500 Euro gegangen.

Für den Bruder des BMW-Fahrers erklärte dessen Verteidiger Frank Seebode, Köln, dass sein Mandant damals spontan entschieden habe, mit nach Kulmbach zu fahren. Noch in Arbeitskleidung sei er eingestiegen. Deshalb habe er ein kleines Messer bei sich getragen, mit dem er die Wuchtgewichte von Autoreifen entfernt. Damit habe er den Kulmbacher "einmal ins Bein gepikst, weil er nicht einsteigen wollte".

Die drei Iraner, die am ersten Verhandlungstag Angaben machten, erklärten übereinstimmend, dass sie einen großen Fehler gemacht hätten. Sie versicherten, einen Täter-Opfer-Ausgleich anzustreben, und entschuldigten sich beim Geschädigten, der gestern nicht im Gerichtssaal anwesend war und beim Fortsetzungstermin am 27. September aussagen soll.

Das Bemühen um Strafmilderung dürfte auch darauf zurückzuführen sein, dass den Angeklagten eine Mindeststrafe von fünf Jahren droht. Weniger gibt's nur, wenn auf einen minder schweren Fall erkannt wird.

 

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