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Kulmbach
Geschichte

Prominenz und Propaganda beim Bierfest

Die Kulmbacher haben beim ersten Bierfest 1939 den Bayreuther Festspielchor bejubelt und Winifred Wagner, die Führer-Vertraute, umschwärmt.
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Prominenz vom Grünen Hügel: Links Winifred Wagner, hinter ihr Heinz Tiedjen, der Leiter der Bayreuther Festspiele. Rechtes Bild: Der Chorleiter Friedrich Jung bei Trockenübungen vor schaulustigen Kulmbachern. (Foto vom 5./6. August 1939 aus der Bayerischen Ostmark).  Reproduktion: Wolfgang Schoberth
Prominenz vom Grünen Hügel: Links Winifred Wagner, hinter ihr Heinz Tiedjen, der Leiter der Bayreuther Festspiele. Rechtes Bild: Der Chorleiter Friedrich Jung bei Trockenübungen vor schaulustigen Kulmbachern. (Foto vom 5./6. August 1939 aus der Bayerischen Ostmark). Reproduktion: Wolfgang Schoberth
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Endlich: Punkt 18 Uhr fährt an diesem denkwürdigen Donnerstag, dem 3. August 1939, der Sonderzug am Kulmbacher Bahnhof ein. Aus den Abteilen steigen 230 Mitwirkende der Wagner-Festspiele. Hunderte von Schaulustigen haben sich rund um das Spinnerei-Gelände eingefunden, um vor allem den Größen zuzuwinken: Friedrich Jung, seit 1936 Leiter des Festspielchores; Heinz Tiedjen, einer der mächtigsten Kulturpolitiker der NS-Zeit; die größte Attraktion ist jedoch Winifred Wagner, die Schwiegertochter Richard Wagners und Herrin des Grünen Hügels.

In blendend weißem Kostüm winkt sie den Kulmbachern zu. Tags zuvor hat sie den Reichskanzler und "Führer" Adolf Hitler verabschiedet, der sich seit dem 24. Juli in Bayreuth aufgehalten hatte.

Für die Veranstalter der ersten Kulmbacher Bierfests ist die Visite des weltbekannten Chors ein enormer Erfolg.
Gleichzeitig ist sie Promotion dafür, die neuntägige Bierwoche als Dauereinrichtung zu etablieren. Zweifellos eine clevere Marketing-Idee im Dienst der hiesigen Brauereien, der Wurstfabrik Sauermann, Feinkost Wunder und der Gastronomie.

Fritz Schuberth - Bürgermeister von Kulmbach, Kreis leiter der NSDAP, Staatssekretär für Landwirtschaft - , der den Ausbau der Plassenburg zu einer "Kulturwarte Frankens" betreibt, ist der Haupt-Motor.
Wie es sich für eine Bierstadt gehört, wird der 230-Mann-Tross aus Bayreuth mit Marschmusik von den "Fränkische Dorfmusikanten" zum Zelt geleitet.

Das Zelt kocht

Nach einer Brotzeit gehen die Bayreuther zur Sache. Passend zum Ort wird musikalisch Süffiges geboten: Der "Jägerchor" aus Carl Maria von Webers "Freischütz" , ein Potpourri aus Wagner-Ohrwürmern ("Silberplatte") , kredenzt von einem Doppel-Quartett mit Chor-Begleitung, und Johann Strauss´ "Kaiserwalzer", gesungen von der Sopranistin Martl Köhler-Koch, einer strahlend blonden Opern-Diva. Das Zelt kocht. Jubelorgien für Sänger, Solisten und Begleiter.

Nazis nützen die Strahlkraft

Es geht nicht darum, die Qualität der Darbietungen zu bestreiten. Es geht um etwas anderes: Blättert man die Zeitungen Ende Juli/Anfang August 1939 durch, gibt es nur zwei Top-Themen. Die Vorbereitung der ersten Kulmbacher Bierwoche auf den Lokalseiten - und Hitlers Propaganda-Show in Bayreuth auf den reichsweit gedruckten Mantelseiten: Hitler mit Wieland und Winifred Wagner am Teetisch im Wahnfried-Garten, Hitler bei Künstler-Empfang im Festspielhaus, Hitler bei der Aufführung von "Siegfried" zusammen seinem Stellvertreter Rudolf Hess, Josef Goebbels, Albert Speer. Hitler in der Innenstadt im offenen Mercedes. Hitler beim Abschreiten angetretener HJ-Formationen und militärischer Verbände.

Kein Zweifel: Die Nazis nützen die künstlerische Strahlkraft des Grünen Hügels aus, sie reißen die Festspiele an sich. Und Winifred ist willige Helferin.

Kulmbacher gehen in den Krieg

Das erste Kulmbacher Bierfest endet am Sonntag, den 6. August 1939. Drei Wochen später überfällt Hitler Polen, der Zweite Weltkrieg beginnt. Am 13. September rücken auch die ersten 200 Kulmbacher in ihrer Landesschützenkompanie nach Osten ab.

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