Kulmbach
E-Mobilität

Problemlos Sonne auf Kulmbachs Eku-Platz tanken?

Die Stadtwerke haben auf dem umgestalteten Eku-Platz Vorkehrungen für eine Ladesäule getroffen. Ingenieur Jürgen Öhrlein zweifelt den Standort an.
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Hier kommt die neue Ladesäule auf dem Eku-Parkplatz hin.Dagmar Besand
Hier kommt die neue Ladesäule auf dem Eku-Parkplatz hin.Dagmar Besand

Die Symbole zeigen an, wo es bald Strom zu tanken gibt: Zwei Stellplätze auf dem umgestalteten Eku-Platz sind reserviert; hier sollen an einer Ladesäule zwei Elektroautos zeitgleich ihre Akkus aufladen können. Jürgen Öhrlein hingegen fragt sich: Was macht die Tankstelle oberirdisch, wo sie der prallen Sonne ausgesetzt ist - und nicht in der Tiefgarage darunter, also im Schatten?

Der Ingenieur und Elektro-Pionier aus Rothwind, der zwei Elektrofahrzeuge der Marke Renault fährt, führt bei seiner Anmerkung Physik und Chemie ins Feld. "Es sollte den Stadtwerken eigentlich bekannt sein, dass bei Temperaturen jenseits der 35 Grad Celsius der Ladevorgang - egal bei welcher Art von Batterie - nicht mehr komplikationslos vonstatten geht. Das kennt man vom Handy auch. Es kann sehr viel länger dauern als normal, bis der Akku voll ist, bisweilen kann der Ladevorgang auch komplett abreißen, dann geht nix mehr."

Städte wie Bamberg hätten das bei der Installation der E-Tankstellen berücksichtigt und beispielsweise an der Konzerthalle in die Tiefgarage verlegt.

Um besagte 35 Grad als kritische Grenze zu erreichen, brauche es nicht einmal einen derartigen Hochsommer, wie ihn auch Kulmbach in den vergangenen Wochen erlebt hat, sagt Öhrlein. "Die 35 Grad und mehr habe ich schnell beisammen, vor allem bei dunklen Fahrzeugen." Dazu gibt das aufgeheizte Pflaster zusätzlich Wärme ab, die ihrerseits Einfluss nimmt auf den Akku, seine Kapazität und schließlich dessen Lebensdauer.

Die Wohlfühltemperatur

Unterstützung bekommt der Kulmbacher von Experten wie dem Erlanger E-Mobil-Experten Frank Juhlke. "Die absolute Wohlfühltemperatur eines Akkus liegt zwischen vier und elf Grad", bekundet Juhlke, der eines der ersten Elektro-Autos überhaupt in Deutschland fuhr. Manche Fahrzeugtypen verfügten über eine gesonderte Batterie-Klimatisierung, die sich beim Laden oder Fahren zuschaltet. Juhlke empfiehlt, bei extremer Witterung - auch hohen Außentemperaturen - den Wagen am Ladepunkt anzustecken und die Akku-Klimatisierung bis zum Weiterfahren zu benutzen. Je optimaler die Umgebungstemperatur, desto stö rungsfreier der Akku-Gebrauch.

Hersteller empfehlen Schatten

Selbst Akku-Hersteller empfehlen den Elektroauto-Besitzern, an heißen Tagen das Vehikel im Schatten zu parken oder auf einer Wiese statt auf Asphalt, um die Wärmeabstrahlung zu minimieren. Erste Wahl seien Tiefgaragen. Gleiches gelte übrigens für die Zeit des Aufladens.

Bleibt die Frage: Warum sind die Ladesäulen im Herzen Kulmbachs an besagter Stelle vorgesehen, wo sie Wind und Wetter ausgesetzt sind? "Der Standort der Ladesäulen wurde umfangreich mit den Planern, unserer Tiefbauabteilung, den Stadtwerken und Bayernwerk diskutiert", schreibt Pressesprecherin Ulrike Michael dazu auf BR-Nachfrage. Letztlich habe man sich "wegen der besseren Zugänglichkeit zu der Säule" für die Stellflächen auf dem Platz selbst entschieden. "Sollten Störungen auftreten, stellt das System der Ladesäule eine Notabschaltung sicher." Die Ladesäule wird demnach mit zwei Anschlüssen ausgestattet und hat eine Ladeleistung von 22 Kilowatt. Vorerst stelle die Stadt Kulmbach das Aufladen an der Säule kostenlos zur Verfügung. Mit dieser Säule wird es dann vier von der Stadt Kulmbach - in Kooperation mit Partnern - im Stadtgebiet bereitgestellte Tankmöglichkeiten geben.

"Ladenetz völlig ausreichend"

Das wiederum findet Jürgen Öhrlein gut. Das Ladenetz in der Region ist seiner Ansicht nach "völlig ausreichend" für die Ansprüche der E-Mobilisten. Allerdings hält er die Begründung der Stadt, was die Platzierung der Ladesäule angeht, für nicht nachvollziehbar. "Mir scheint, die Ladestation wurde einfach nur vergessen und erst auf Nachfrage überhaupt nachgerüstet. Und was nutzt mir eine ,Tankstelle', die bei Sonnenschein automatisch abschaltet? Da wäre zumindest eine - für das Bierfest verstellbare - Überdachung mit Solarzellen angemessen gewesen, sonst hat es keinen Sinn."

Noch nicht ausgereizt

Der ehemalige Kreisrat der Grünen sieht die Entwicklung der Elektro-Mobilität aber bei weitem noch nicht ausgereizt. Gerade vor dem Hintergrund der immer noch geringeren Reichweiten von E-Autos im Vergleich zu Verbrennern plädiert er für neue Denkansätze. "Die Regelfamilie hat ohnehin meist zwei Fahrzeuge. Das Elektro-Auto könnte für den täglichen Gebrauch auf Kurzstrecken verwendet werden, für die Langstrecken und besonders Autobahnfahrten bietet sich ein Auto mit Wasserstoff-Antrieb an."

Der Strom für die Elektrolyse, mit der Wasser in Sauerstoff und Wasserstoff aufgespalten wird, wäre eigentlich ausreichend vorhanden. "Wir halten viele Windkraftanlagen in der Nordsee vor, die unsinnigerweise zum Teil abgeschaltet werden, weil der Strom nicht ins Netz kommt. Da sind Unmengen verschenkt." Wasserstoff wiederum lässt sich lange speichern und in großen Mengen beispielsweise an Tankstellen bereitstellen.

Auch für die Tankstelle zu Hause gibt es neue Lösungen, bekundet Öhrlein. So hat eine österreichische Firma eine - nach eigenen Angaben - ungiftige und wartungsfreie Salzwasserbatterie auf den Markt gebracht, mit der auch der Privatmann sein Elektrofahrzeug mit dem von der Photovoltaikanlage erzeugten Strom aufladen kann.

"Da sind viele Entwicklungen am Start. Ich bin mir sicher, wir könnten schon viel weiter sein. Leider hat die Auto-Lobby vieles verhindert oder unter Verschluss gehalten", sagt der Ingenieur. Er hofft zudem auf die Forschungen des neuen Instituts für Batterietechnik, das jüngst an der Universität Bayreuth eingeweiht wurde.



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