Kulmbach
Gleichberechtigung

Politik: Wo sind die Frauen in den Stadt- und Gemeinderäten im Landkreis Kulmbach?

Stadt- und Gemeinderäte im Kreis Kulmbach sind nicht paritätisch besetzt. Manche sind sogar reine Männerrunden.
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Wenige Frauen - oder gar keine: Die Stadt- und Gemeinderäte im Landkreis Kulmbach.Grafik: Micho Haller
Wenige Frauen - oder gar keine: Die Stadt- und Gemeinderäte im Landkreis Kulmbach.Grafik: Micho Haller
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Kennen Sie Käthe Rehm? Margareta Lindner, Marie Meyer, Elfriede Frankenberger? Nein? Nun, diese Frauen saßen zwischen 1948 und 1951 im Kulmbacher Stadtrat. Vier von insgesamt 32 Räten, heute weitgehend vergessen. Ganz im Gegensatz zu Karl Jung, Ludwig Crößmann oder Hans Herold, Stadtratsmitglieder ab 1948 auch sie. An sie erinnert man sich noch, nach ihnen hat man Straßen benannt. Die Frauen: Nach sieben Jahrzehnten ohne Bedeutung.

Frauen in der Kommunalpolitik? Auch lange nach Käthe Rehm und ihren Mitstreiterinnen und 100 Jahre nach der Einführung des Wahlrechts für Frauen in Deutschland ist das ein Thema. Ein großes, ein wichtiges Thema. Denn obwohl im Artikel 3, Absatz 2 unseres Grundgesetzes eindeutig steht "Männer und Frauen sind gleichberechtigt", haben in der Politik immer noch überwiegend die Männer das Sagen. Daran ändert auch die Tatsache wenig, dass Deutschland seit 2005 von einer Frau regiert wird.

Belegen lässt sich das, was den Raum Kulmbach angeht, mit Zahlen. Während im Deutschen Bundestag immerhin knapp ein Drittel aller Abgeordneten weiblich ist, sind die Frauen im Kulmbacher Kreistag mit 14,7 Prozent deutlich unterrepräsentiert. In den Stadt- und Gemeinderäten im Kreis sieht es nicht besser aus.

Kulmbach: Nur 20 Prozent der Stadtratsmitglieder sind weiblich, in Stadtsteinach gar nur 12,5 Prozent. Neudrossenfeld, immerhin, bringt es auf 23,5 Prozent Frauen. Aber in Harsdorf und Guttenberg sind die Gemeinderäte reine Männerrunden.

Da lässt eine Gemeinde wie Ludwigschorgast aufhorchen, deren Gemeinderat eine Frauenquote von 44 Prozent aufzuweisen hat, mit einem Frauenanteil von 60 Prozent in der CSU-Fraktion sogar einen rekordverdächtigen Wert. Eine Gemeinde, die von einer Bürgermeisterin regiert wird: Doris Leithner-Bisani (CSU) ist die einzige erste Bürgermeisterin im ganzen Landkreis.

Geht man etwas ins Detail, wird deutlich, dass es wohl sehr auf die Partei ankommt, ob Frauen auch als Politikerinnen wahrgenommen werden. Generell scheint die CSU eine Partei zu sein, die es nicht so hat mit den Frauen. Stadtrat Kulmbach: immerhin 18 Prozent. Thurnau: Unter sieben CSU-Gemeinderäten nur eine Frau. Stadtsteinach und Mainleus: die CSU-Fraktionen komplett frauenfrei.

So wie übrigens bei der großen Zahl der Stadt- und Gemeinderäte auch die Fraktionen der Freien Wähler oder den ihr nahestehenden Wählergruppen. Kulmbach, Stadtsteinach, Thurnau: Fehlanzeige.

Anders sieht es bei der SPD aus. Im Kreistag hat hier immerhin jedes fünfte Mandat eine Frau inne, in den Stadträten von Kulmbach und Stadtsteinach jede dritte. Vorbildlich sind Thurnau, wo die Frauen 40 Prozent der SPD-Räte stellen, und Neudrossenfeld, wo die Besetzung paritätisch ist.

Bei den Grünen schließlich zeigt das - parteiintern durchaus umstrittene - Frauenstatut offensichtlich Wirkung: Sowohl im Kreistag als auch im Kulmbacher Stadtrat ist in den Fraktionen der Grünen Gleichberechtigung nicht nur ein Wort.

Nun wäre es vermessen, allein den Parteien die Schuld an diesen bisweilen zumindest aus Frauensicht unbefriedigenden Zuständen zu geben. Die Parteien nämlich zeigen durchaus guten Willen, wenn es darum geht, mehr Frauen in politische Ämter zu bringen. Allein: Frauen werden nicht gewählt!

Heike Söllner, Gleichstellungsbeauftragte im Landkreis Kulmbach, hat sich einmal die Kandidatenlisten zur Kommunalwahl 2014 angeschaut - und mit den Zahlen nach der Wahl verglichen. Das Ergebnis: erschreckend!

In 19 von 22 Kommunen des Landkreises war der Anteil der Frauen auf den Listen zum Teil ganz erheblich höher als später in den Gremien. In Ködnitz zum Beispiel. Da war rund ein Fünftel aller Kandidaten weiblich. Im Gemeinderat aber ist Anita Sack (Freie Wähler) die einzige Frau; die übrigen zwölf Ratsmitglieder sind Männer.

Warum das so ist? "Die Frauen auf den Kandidatenlisten sind in der Öffentlichkeit oft nicht so präsent wie manche Männer", vermutet die Gleichstellungsbeauftragte. "Frauen engagieren sich auf vielen Gebieten: in der Familie, im Beruf, im Ehrenamt. Aber man nimmt sie dort nicht so wahr."

Das sei sehr schade, so Heike Söllner weiter. "Wir sollten die Gestaltung unseres unmittelbaren Umfeldes - und darum geht es ja in der Kommunalpolitik - nicht den Männern überlassen. Der weibliche Blick ist auch sehr wichtig."

Wenn Frauen dann in den Gremien sitzen, stelle sich die Frage, in welchen Ausschüssen sie vertreten seien. "Die wichtigen Entscheidungen werden in den Bau- und Finanzausschüssen getroffen. Und da sitzen noch zu wenige Frauen."

Frauen in der Kommunalpolitik. Das ist für Heike Söllner von jeher ein spannendes Thema. Besonderes Augenmerk aber verdient es beim Blick auf die Kommunalwahl im Jahre 2020: "Wegen des Rückgangs der Einwohnerzahlen wird sich der Kulmbacher Kreistag von derzeit 60 auf 50 Mitglieder verkleinern. Es wird interessant sein zu sehen, wie sich das auf den Frauenanteil auswirkt."

Und das sagen erfolgreiche Politikerinnen:

Einmal, ganz am Anfang ihrer Zeit als Bürgermeisterin, sei sie in einer Diskussion über ein Bauvorhaben gefragt worden, ob sie denn überhaupt einen Plan lesen könne, erinnert sich Doris Leithner-Bisani. Und sie ist sich sicher: "Einem Mann hätte man diese Frage nicht gestellt."

Mittlerweile ist die Ludwigschorgasterin seit zehn Jahren erste Bürgermeisterin ihrer Heimatgemeinde. Erfahrungen wie diese hat sie seither kaum noch gemacht: "Das sind Einzelfälle."

Den Eindruck, dass sie es als Frau in der Politik schwerer habe als ein Mann, hatte Doris Leithner-Bisani nie. Sie kommt aus einer politisch aktiven Familie, hat seit 2002 im Gemeinderat unter Beweis gestellt, was sie kann - und hat in der eigenen Partei starke weibliche Unterstützung: "In unserem CSU-Ortsvorstand ist nur der Kassier ein Mann."

"Eine lohnende Aufgabe"

Deshalb will die Bürgermeisterin anderen Frauen auch Mut machen, sich politisch zu engagieren. "Natürlich muss man manchmal eine unpopuläre Meinung vertreten und Kritik einstecken. Aber man kann mitgestalten, und das ist eine lohnende Aufgabe."

So sieht das auch Dagmar Keis-Lechner, Kreisvorsitzende der Grünen, Kreisrätin und seit kurzem Vizepräsidentin des Bezirkstags. Zwar sei die politische Landschaft immer noch männerdominiert, so sagt sie, und im Gegensatz zu vielen Männern seien Frauen zu zurückhaltend, wenn es darum gehe, sich für ein politisches Amt ins Gespräch zu bringen.

Zudem sei es für viele Frauen auch in der heutigen Zeit schwierig, "den Rücken freizukriegen": Familie, Beruf, Pflege von Angehörigen - da gibt es vieles, was Ressourcen bindet und Kraft kostet, sagt die Grünen-Politikerin, die Mutter einer behinderten Tochter ist, aus eigener Erfahrung.

"Aber ich kann alle Frauen, vor allem junge Frauen, nur ermutigen, sich politisch zu engagieren. Das bringt zwar etliches an Arbeit mit sich. Aber man gewinnt dabei enorm an Wissen. Und das zahlt sich aus."

Dass es Frauen in der Politik von Haus aus schwerer haben als Männer, will auch Inge Aures so nicht stehen lassen. Seit 1976 gehört sie der SPD an, hat sich über den Juso-Kreisvorstand und den stellvertretenden Vorsitz im Ortsverein bis in politische Spitzenämter vorgearbeitet: Von 1995 bis 2005 war Inge Aures Oberbürgermeisterin der Stadt Kulmbach, ab 2008 Landtagsabgeordnete und dort von 2013 bis 2018 Landtagsvizepräsidentin.

Das Gefühl, als Frau nicht ernst genommen zu werden - das habe sie nie gehabt, versichert sie. Wenn Frauen doch noch unterrepräsentiert seien in manchen Gremien, liege das wohl auch daran, dass eben in vielen Beziehungen die Familienarbeit vor allem Sache der Frauen sei. "Da stellt ein politisches Engagement eine Doppelbelastung dar. Und das schreckt viele Frauen ab."

Auch Inge Aures findet das, wie ihre Politiker-Kolleginnen, bedauerlich. "Frauen denken in vielem anders als Männer. Frauen gestalten manches anders als Männer. Das ist für unsere Gesellschaft wichtig."

Eines müsse sich allerdings jede Frau, die ein politisches Amt anstrebe, klar machen: Geschenkt bekomme man nichts - als Frau nicht, und nicht als Mann. "Man braucht Biss, wenn man politisch tätig ist. Man muss dranbleiben an den Themen. Aber wenn man den festen Willen hat, dann kommt man auch voran!"

Lesen Sie dazu auch unseren Kommentar.

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