Kulmbach

Pflegeheim im Kreis Kulmbach: Es war keine Verbrühung

Das Amtsgericht klärte einen mysteriösen Vorfall, bei dem eine alte Frau verletzt worden war. Erst die Nachermittlungen brachten die Wahrheit ans Licht: Warum die Anklage gegen eine Pflegerin in sich zusammenbrach.
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Erst durch Nachermittlungen konnte das  Amtsgericht Kulmbach einen mysteriösen Vorfall klären, bei dem eine alte Frau in einem   Pflegeheim im Kreis Kulmbach verletzt worden war.   Symbolbild: Oliver Berg/dpa
Erst durch Nachermittlungen konnte das Amtsgericht Kulmbach einen mysteriösen Vorfall klären, bei dem eine alte Frau in einem Pflegeheim im Kreis Kulmbach verletzt worden war. Symbolbild: Oliver Berg/dpa

Der Aufwand hat sich gelohnt: Für den Prozess wegen eines Unfalls, bei dem eine alte Frau in einem Pflegeheim verletzt worden war, nahm sich das Amtsgericht Kulmbach zwei Tage Zeit - hier der Bericht vom ersten Verhandlungstag. Man befragte zehn Zeugen und einen medizinischen Sachverständigen. Dann wurden noch Nachermittlungen angeordnet. Durch die akribische Arbeit des Gerichts gelang es, den mysteriösen Vorfall aufzuklären.

Was ist im September 2016 in dem Altenheim im Kreis Kulmbach geschehen? Die alte Frau soll morgens im Bad gewaschen und kurz allein gelassen worden sein. Sie ist laut Anklage mit dem Hocker vor dem Waschbecken umgekippt. Durch das heiße Wasser aus der Duschbrause, die sie in der Hand hielt, habe sie sich an Nacken, Ohr und Rücken verbrüht. Diagnose der Ärzte: Verbrennungen zweiten und dritten Grades.

Ohr zum Teil abgenommen

Die Frau wurde acht Wochen im Klinikum Kulmbach behandelt. Unter anderem wurde ein Teil des Ohres abgenommen, und die Geschädigte musste sich einer Hauttransplantation unterziehen. "Mein Rücken schaut aus wie eine Kraterlandschaft", sagte die 77-Jährige vor Gericht.

Nachdem der Vorfall vor einem Jahr angezeigt worden war, hatte die Polizei zunächst den Sohn der 54-jährigen Angeklagten im Visier. Er arbeitete ebenfalls in dem Pflegeheim und kümmerte sich an jenem Tag um die alte Frau. Erst durch deren Aussage kam die Polizei auf die Mutter des jungen Mannes.

Jetzt brach die Anklage gegen die Pflegerin wegen fahrlässiger Körperverletzung in sich zusammen. Die 54-jährige hatte von Beginn an ihre Unschuld beteuert. Sie bestritt, etwas mit den Verbrühungen der alten Frau zu tun zu haben. "Das stimmt nicht", sagte sie.

Dusche mit Verbrühschutz

Im Laufe des Verfahrens zeigte sich immer deutlicher, dass die Ermittlungen einer kritischen Überprüfung nicht standhalten. Dagegen bestätigte sich die Annahme des Verteidigers, dass es die Dusche, die einen Verbrühschutz hat, nicht gewesen sein kann.

Rechtsanwalt Stefan Walder aus Kronach, vermutete aufgrund des Verletzungsmusters am Rücken, dass sich die Frau die Verbrennungen am Heizkörper im Bad geholt hat, der über 53 Grad heiß werden kann. Denn ihre dünne Pergamenthaut sei sehr empfindlich.

Heizkörper sehr heiß

Der Verteidiger dürfte es mit Genugtuung vernommen haben, dass ihm der Sachverständige Recht gab. "Das passt alles zusammen", sagte Professor Peter Betz, Mitarbeiter am Institut für Rechtsmedizin der Universität Erlangen-Nürnberg. Für sein Gutachten standen ihm die Ergebnisse der Nachermittlungen zur Verfügung. Demnach kommt aus dem Duschschlauch maximal Wasser mit 38,7 Grad raus. Erstaunlich sei dagegen, so Betz, dass am Heizkörper bis zu 60 Grad erreicht werden. Nachdem die Frau mit dem Hocker umgekippt war und mit dem Rücken am Heizkörper lag, habe eine Minute ausgereicht, um sich "eine thermische Schädigung der Haut" zuzuziehen.

Bei der Behandlung der Verbrennungen zweiten Grades mit Brandblasen und tiefergehender Schädigung der Nerven ist nach den Worten des Gerichtsgutachters alles richtig gemacht worden. Als entscheidende Frage bezeichnete er es, ob man die Frau auf dem Hocker alleine lassen durfte.

Dreiviertelstunde Unterbrechung

Nach der Aussage des Sachverständigen zeichnete sich ab, dass die Anklage nicht mehr aufrechterhalten werden konnte. Daher regte Amtsrichterin Sieglinde Tettmann an, mit dem Verteidiger und Staatsanwalt Stefan Hoffmann die Sach- und Rechtslage zu erörtern. Das Gespräch zog sich hin. Die Unterbrechung dauerte eine Dreiviertelstunde.

Als es weiterging, erklärte Tettmann, dass das Gericht keinen Zweifel am Hergang des Unfalls mit der Verbrennung am Heizkörper habe. Aus den Unterlagen des Pflegeheimes gehe hervor, dass für die alte Frau ("Sie ist geistig fit") keinerlei Sicherungsmaßnahmen vorgesehen waren.

Keine Schuld festgestellt

Wenn überhaupt, so die Richterin, dann liege ein Verschulden also im untersten Bereich. Sie schlug vor, darauf zu verzichten, mit einem enormen Aufwand vielleicht aufzuklären, wer bei der alten Frau im Bad war. Tettmann: "Es wird keine Schuld festgestellt."

Alle Beteiligten stimmten der Einstellung des Verfahrens zu. Der Verteidiger erklärte für seine Mandantin, die laut Strafbefehl ursprünglich 4500 Euro hätte zahlen sollen: "Sie möchte, dass endlich Ruhe ist."

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