Stadtsteinach
Gottesdiensttest

Pfarrkirche St. Michael in Stadtsteinach: Der Glaube braucht Mut zum Experiment

Nur wenige Gläubige sitzen in der katholischen Kirche St. Michael. Die Predigt widmet sich kritisch der Situation der Kirche und Glaubenskrisen.
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Die Pfarrkirche St. Michael in StadtsteinachDagmar Besand
Die Pfarrkirche St. Michael in StadtsteinachDagmar Besand

Das Urteil unserer Testerin:

In Stadtsteinach erwartet die Menschen, die sonntags in die katholische Stadtpfarrkirche St. Michael kommen, eine traditionell-festliche Gottesdienstfeier. Der Kirchenraum strahlt Ruhe aus - ein schöner Raum für innere Einkehr. Die Gottesdienstbesucher haben drei Möglichkeiten, sich spirituell zu stärken: Die Predigt hat Bezug zum alltäglichen Leben der Gläubigen und gibt Denkanstöße, die über den Tag hinaus nachwirken. Für diejenigen, die mit der Heiligen Schrift und ihrer Auslegung wenig anfangen können, ist der Gottesdienst eine Quelle der Inspiration: Die Zeugnisse tiefer Frömmigkeit, die in der vielfältigen bildenden Kunst zum Ausdruck kommen, laden ein, sich mit geistlichen Inhalten auseinanderzusetzen. Die Musik zum Zuhören und Mitsingen schließlich bietet eine dritte Möglichkeit, sich dem Glauben zu nähern.

Die Bewertung im Einzelnen:

1. Einstieg

Feierlich zieht Pfarrvikar Sebastian Masella in Begleitung von fünf Ministranten und vier ehrenamtlich engagierten Frauen des Gottesdienstteams in die Kirche ein. Die Gemeinde erhebt sich von den Plätzen. Die Begrüßung ist kurz, aber herzlich und persönlich.

2. Musik

Die mehr als 100 Jahre alte Strebel-Orgel ist in jeder Hinsicht etwas besonderes. An dem wunderschönen Instrument sitzt in diesem Gottesdienst vertretungsweise Philipp Melzer aus Wartenfels. Der junge Organist ist ein Könner und hat im Gottesdienst reichlich Gelegenheit, das zu zeigen. Acht Lieder musiziert er mit der Gemeinde, begleitet die Kommunion und lässt zum Ausklang noch einmal Musik erklingen, bei der sich die farbenreiche Klangwelt der Orgel entfalten kann. Dass das Instrument dringend renovierungsbedürftig ist, hört man kaum. Die Registrierung ist geschickt gewählt, der Klang voll und warm.

3. Lesungen

Eine Mitarbeiterin des Gottesdienstteams liest aus der Offenbarung des Johannes, Kapitel 22, in dem Jesus von sich als dem Anfang und dem Ende spricht. Die Worte sind deutlich gesprochen und angenehm betont.

4. Predigt

Pfarrvikar Masella nutzt den Sonntagsgottesdienst zwischen Himmelfahrt und Pfingsten zu einer kritischen Reflexion über die aktuelle Situation der Kirche. Es sei eine Zeit der Unsicherheit, in der Jesus nicht mehr, der Heilige Geist noch nicht bei den Menschen sei. Dass der Glaube ins Wanken gerät, sei auch heute allerorten zu spüren. Masellas Appell: sich neu auf die Suche nach Gott machen und dabei auch experimentieren. "Der Glaube kann wachsen, wenn er sich nicht auf fromme Floskeln beschränkt."

Diese Botschaft ist nicht schwer zu verstehen, vor allem weil der Geistliche schnell zur Sache kommt. Er braucht nur fünf Minuten für seine Predigt.

5. Kommunion

Begleitet von Orgelspiel und einem gemeinsam gesungenen Lied verteilen der Pfarrer und ehrenamtliche Helferinnen des Gottesdienstteams die Heilige Kommunion. Da nur knapp 40 Gläubige der eigentlich recht großen Gemeinde in die Kirche gekommen sind, dauert dieser Part nur wenige Minuten.

6. Segen

Nach einer dreiviertel Stunde Gottesdienst verabschiedet sich Pfarrvikar Masella von der Gemeinde, wünscht allen einen schönen Sonntag. Dem klassischen Segen folgt der Auszug Richtung Sakristei. Mit Orgelmusik werden die Gläubigen nach draußen geleitet. Leider bleiben nur zwei Zuhörer da, um die schöne Musik bis zum Ende zu genießen.

7. Ambiente

Die Pfarrkirche St. Michael ist nicht nur ein Ort der Ruhe und der inneren Einkehr, sondern auch ein Gotteshaus, das reich an sehenswerter Kunst ist. Die 1306 erstmals urkundlich erwähnte Kirche wurde mehrmals zerstört und wieder aufgebaut. Ihr heutiges Gesicht im Stil des Neurokoko erhielt sie 1905. Teile der Ausstattung wurden aus der Vorgängerkirche übernommen. Das Gotteshaus wirkt hell und einladend, die Sonne strahlt an diesem Sonntagmorgen durch die hohen Fenster.

8. Kirchenbänke

Die Bänke wie auch die Kniebänke sind komfortabel gepolstert. Das Brett auf der Rücklehne drückt aber unangenehm in die Schultern, und die Kniebank lässt kaum Platz für die Beine. Langes Sitzen macht hier keine Freude. Das muss man allerdings auch nicht. Man steht während der Messfeier häufig zu Gebet und Andacht auf.

9. Beleuchtung

Die Sonne allein hätte an diesem Tag schon gereicht, um die Kirche erstrahlen zu lassen. Das Gotteshaus wirkt aber selbst an trüben Tagen hell und freundlich. Zusätzlich sorgen reichlich Lampen, Strahler und Kerzen für eine stimmungsvolle Beleuchtung.

Auch die Kunstwerke im Gotteshaus werden geschickt, aber unaufdringlich durch die passende Beleuchtung in Szene gesetzt.

10. Sinne

St. Michael steckt voller Sehenswürdigkeiten und ist schon allein deshalb einen Besuch wert. Wer im katholischen Gottesdienst Weihrauchgeruch erwartet, wird leider enttäuscht. Geräuchert wird zumindest an diesem Tag nicht. Die wenigen Gottesdienstbesucher wirken ein wenig verloren, verstreut zwischen vielen leeren Bänken. Beim Friedensgruß jedoch rückt man kurz zusammen und reicht sich die Hände. Die Akustik des Gotteshauses ist sehr gut. Sowohl die wohlklingende Singstimme des Pfarrers als auch das gesprochene Wort tragen bis in den hintersten Winkel. Die schöne Strebel-Orgel kann ihren Klang voll entfalten.

Warum ein Gottesdiensttest?

Wir wollen mit unserem Gottesdienst-Test die Kirchen ein wenig mehr ins Blickfeld der Öffentlichkeit rücken. Unter Kirchgängern, Geistlichen und Lesern soll eine Diskussion darüber entstehen, was einen guten Gottesdienst ausmacht. Dieses in der Regel sonntägliche Treffen hat für evangelische wie katholische Christen ja bis heute eine große Bedeutung. Soll lebender Ausdruck des Christseins sein.

Alle Berichte unserer Serie finden Sie auf unserer Übersichtsseite zum Gottesdiensttest. Dort finden Sie auch ausführliche Infos

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