Blaich
Gericht

Obachloser erlebte Martyrium im Kulmbacher Folterhaus

Ein junger Mann wurde zwei Stundenlang gequält und brutal misshandelt. Die 1. Große Strafkammer in Bayreuth rollt den Fall auf.
Artikel drucken Artikel einbetten
Das Folterhaus  in der Blaich: In der Obdachlosenunterkunft wurde ein junger Mann zwei Stunden lang gequält und brutal misshandelt. Foto: Stephan Tiroch
Das Folterhaus in der Blaich: In der Obdachlosenunterkunft wurde ein junger Mann zwei Stunden lang gequält und brutal misshandelt. Foto: Stephan Tiroch

Alkohol und Drogen, Dreck und Gewalt - in der Kulmbacher Obdachlosenunterkunft in der Hermann-Limmer-Straße herrschten offenbar unbeschreibliche Zustände. Wenn randaliert oder lautstark gefeiert wurde, machten die Nachbarn kein Auge zu.

Gebrüllt vor Schmerzen

Am 6. Januar war es besonders schlimm: In jener Nacht drangen Schreie aus dem runtergekommenen Gebäude. Anwohner hörten, dass ein Mann, der - wie sich später herausstellte - von zwei Peinigern gequält, brutal misshandelt und erniedrigt wurde, vor Schmerzen brüllte.

Was geschah damals in dem Folterhaus in der Blaich? Die Ereignisse werden jetzt vor dem Landgericht Bayreuth aufgerollt. Denn einer der mutmaßlichen Täter (28) muss sich wegen gefährlicher Körperverletzung und Nötigung vor der 1. Großen Strafkammer verantworten.

Es steht im Raum, dass der Beschuldigte wegen einer paranoiden Schizophrenie nicht schuldfähig ist. Das bedeutet, dass der Mann in der Psychiatrie untergebracht wird. Nach Ansicht von Staatsanwalt Julius Klug ist es wahrscheinlich, dass es ohne langjährige stationäre Behandlung erneut zu ähnlichen Vorfällen kommt.

Komplize ist tot

Der Komplize (19) des Beschuldigten kann nicht mehr belangt werden. Er ist zwischenzeitlich verstorben.

Das Opfer wurde nach eigenen Angaben zwei Stunden lang mit Fäusten und Holzlatten des Treppengeländers geschlagen, mit einem Ladekabel und einem Draht "ausgepeitscht" und mit Fußtritten traktiert. Der junge Mann erlitt schwere Verletzungen. Es hätte für ihn lebensgefährlich werden können.

Auf nacktes Opfer uriniert

Der Geschädigte musste sich nackt ausziehen, und seine Peiniger urinierten auf den am Boden liegenden Mann. Er wurde am ganzen Körper mit Zahnpasta eingeschmiert und musste einen Becher mit Schmutzwasser austrinken. "Da waren Kippen und Asche drin", sagte der 19-Jährige, der nach dem Vorfall aus Kulmbach weggezogen ist. "Ich hatte den Eindruck, dass es ihnen Spaß macht, mich zu quälen. Sie haben gelacht, und mir kam es vor wie eine Ewigkeit."

Dabei seien die zwei Schläger von der Freundin des Jüngeren noch angefeuert worden: Sie sollten "härter draufhauen, der hält schon noch was aus", so das Opfer am Mittwoch vor Gericht.

Wie konnte sich der Mann aus den Fängen seiner Peiniger befreien? Diese hätten sich "zwischendurch immer mal ein paar Minuten erholen müssen", sagte der Geschädigte. Einen unbeobachteten Augenblick habe er genutzt, um sich in die Wohnung eines anderen Obdachlosen zu flüchten. Der Nachbar alarmierte gegen Mitternacht die Polizei.

Bilder "schockierend"

Der schwer verletzte Mann wurde ins Krankenhaus gebracht. Seine Nase war sechsmal gebrochen, überall hatte er Prellungen durch die Schläge auf Kopf, Oberkörper, Füße und Hände. Die Bilder vom Opfer bezeichnete der ermittelnde Kriminalbeamte, der einiges gewöhnt ist, als "schockierend".

Warum es zu der Eskalation der Gewalt kam, konnte der Geschädigte nicht sagen. Der 28-Jährige sei in sein Zimmer gestürmt und habe nur rumgeschrien. "Ich habe kein Wort verstanden."

Der Beschuldigte gab an, dass er stinksauer gewesen sei, weil sich das spätere Opfer abfällig über seine Freundin geäußert habe. Sie sei am 3. Dezember bei einem Autounfall auf schneeglatter Straße bei Kauerndorf gestorben. "Das stimmt nicht, das bildet er sich bloß ein", sagte das Opfer. Der 28-Jährige habe auch anderen Leuten Vorwürfe gemacht, "wenn er betrunken oder bekifft war".

Der Beschuldigte selbst gab an, sich kaum noch an den Abend erinnern zu können. Er habe damals sehr viel getrunken. Fast sein ganzes Hartz-IV-Geld sei für Bier, Schnaps und Wein draufgegangen. Insgesamt wusste der mehrfach vorbestrafte Mann, der die Sonderschule besucht und keinen Beruf erlernt hat, recht wenig. Wann er in die Obdachlosenunterkunft kam? Warum er im Gefängnis saß? Fehlanzeige!

Vor der Polizei geflüchtet

Nach den Vorkommnissen der Nacht waren die beiden Schläger und die Freundin vor der Polizei geflüchtet. Sie wurden festgenommen, als sie zur Obdachlosenunterkunst zurückkehrten. Der Beschuldigte ist seitdem im Bezirkskrankenhaus untergebracht. Er wurde am Mittwoch mit Fußfesseln von zwei Polizeibeamten vorgeführt.

Die Kammer fällt ihre Entscheidung am Freitag. Ein Gerichtspsychiater wird zur Schuldfähigkeit und zum Krankheitsbild des Beschuldigten gehört.

Stadt: Unterkunft wird bald aufgelöst

Die Nachbarn in der Hermann-Limmer-Straße können bald aufatmen: Die Gemeinschaftsunterkunft wird im ersten Quartal des nächsten Jahres aufgelöst. Dann sollen die Obdachlosen in die neuen Wohncontainer in der Schützenstraße/Am Goldenen Feld umziehen.

Am 1. November, so Stadtsprecher Simon Ries, wird das Rote Kreuz seine Arbeit aufnehmen. Ein Sozialarbeiter werde mit Unterstützung eines Sicherheitsdienstes die Bewohner bereits in der Blaicher Unterkunft betreuen, um die Obdachlosen nicht mehr sich selbst zu überlassen.

Laut Ries sind alle Aufträge für den Bau der neuen Wohnanlage vergeben. "Unser Ziel ist es, dass der Umzug im ersten Quartal 2019 erfolgt", sagte er auf Anfrage von inFranken.de. Ob das alte Gebäude abgerissen wird? Hier sei noch nichts entschieden, so Ries.



was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren