Kulmbach
Gottesdiensttest

Nikolaikirche Kulmbach: Fröhliches Orgelspiel, eigenwillige Predigt

In der Nikolaikirche der evangelischen Kirchengemeinde Kulmbachs waren wir zu Gast bei einem Gottesdienst, dessen Predigt sich in erster Linie an die Gegner Jesu richtete.
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Bei der Kulmbacher Nikolaikirche handelt es sich um eine ehemalige Friedhofskirche. Erbaut  wurde  das kleine Gotteshaus im 16. Jahrhundert.Rebecca Vogt
Bei der Kulmbacher Nikolaikirche handelt es sich um eine ehemalige Friedhofskirche. Erbaut wurde das kleine Gotteshaus im 16. Jahrhundert.Rebecca Vogt

In der Nikolaikirche der evangelischen Kirchengemeinde Kulmbachs waren wir zu Gast bei einem Gottesdienst, dessen Predigt sich in erster Linie an die Gegner Jesu richtete.

Das Urteil unserer Testerin

Die Kulmbacher Nikolaikirche hat eine lange Historie. Sie wurde von 1573 bis 1576 erbaut und ist damit schon knapp 450 Jahre alt. Das Kircheninnere wird von zahlreichen Holzelementen geprägt. Pfarrer Gerhard Bauer spricht in seiner Predigt bewusst die Gegner Jesu an. Er weist eingangs sogar darauf hin, dass sich seine Ausführungen eigentlich nicht an die Anwesenden richten. Erst am Ende der Predigt - und damit sehr spät - geht er auf die möglichen Lehren für die Gläubigen ein. Nach dem Gottesdienst verabschiedet er sich am Ausgang persönlich von den Gemeindemitgliedern, die an diesem Tag ausschließlich aus älteren Personen bestehen. Parken können Kirchenbesucher am Stadtpark oder etwas weiter oberhalb in der Friedhofstraße. Hinter der Kirche ist der ehemalige Kulmbacher Stadtfriedhof zu finden, dessen teils imposante Gräber sich bei einem kurzen Spaziergang entdecken lassen.

Die Bewertungen im Einzelnen

1. Einstieg

Der Gottesdienst in der Kulmbacher Nikolaikirche beginnt mit einem fröhlich verspielten Orgelstück. Pfarrer Gerhard Bauer heißt die Gläubigen anschließend "herzlich willkommen". Die Begrüßung fällt kurz aus. Ausführliche einleitende Worte zum Gottesdienst gibt es nicht.

2. Musik

Anfang und Ende des Gottesdiensts werden von einem Orgelspiel untermalt, das fröhlich und verspielt daherkommt. Die schnellen, hohen Töne erinnern dabei allerdings teilweise schon fast an die Dudelei eines Handy-Klingeltons. Insgesamt ist das Spiel des Organisten auch während des Gottesdiensts leicht und beschwingt. Die Gläubigen singen fleißig mit. Am Ende gibt es sogar kurzzeitig Applaus.

3. Lesungen

Die heutige Lesung stammt aus dem Lukas-Evangelium. Die Aussprache des Lektors ist klar. Er liest den Text laut und gut hörbar vor. Allerdings fehlt eine deutlich erkennbare Betonung, sodass die Übergänge zwischen den einzelnen Sätzen verwischen.

4. Predigt

In seiner Predigt bezieht sich Pfarrer Bauer auf Kapitel 5 des Johannes-Evangeliums, in dem Jesus mit seinen Gegnern spricht und ihnen seine von Gott erhaltene Vollmacht erklärt. Der Pfarrer weist die Anwesenden darauf hin, dass sich seine Predigt an die Gegner Jesu richtet - und somit, wie er einräumt, eigentlich nicht an seine Zuhörer - was die Frage nach der Sinnhaftigkeit des Ganzen aufwirft. Insgesamt verliert sich Bauer zudem oft in Wiederholungen - vermutlich, um so seine Botschaft zu unterstreichen. Erst gegen Ende bezieht er seine Predigt konkret auf die Gemeindemitglieder und ihren Glauben an Jesu.

5. Kommunion/Abendmahl

Ein Abendmahl wurde im Gottesdienst nicht gefeiert.

6. Segen

Vor dem abschließenden Segen vermeldet der Pfarrer noch kommende Gottesdienst- und Veranstaltungstermine. Auch die neugeborenen und verstorbenen Gemeindemitglieder sowie diejenigen, die geheiratet haben, werden verlesen. In seinem Schlussgebet bittet Bauer dann unter anderem "für jene, die in einer feindseligen Haltung zu Jesus Christus stehen", und stellt so noch einmal einen Rückbezug zu seiner Predigt her. Nach dem Gottesdienst verabschiedet er sich vor der Kirchentür einzeln von jedem Gläubigen.

7. Ambiente

Holz ist das dominierende Element im Inneren der Nikolaikirche. Decke, Kirchenbänke und Empore sind daraus geschaffen. Auch die Nummern der Lieder, die während des Gottesdiensts gesungen werden, werden auf Holztafeln angezeigt. Die Wände der kleinen Kirche sind weiß gestrichen. An ihnen hängen einzelne Figuren und Gemälde. In der linken Wand im hinteren Teil der Kirche ist noch ein altes Steinrelief in der Mauer zu entdecken. Die Stützbalken der Empore schränken an einigen Plätzen die Sicht nach vorne ein.

8. Kirchenbänke

Die Kirchenbänke sind mit einer Auflage aus Stoff gepolstert. Die Sitzfläche ist kurz. Gleiches gilt für die Rückenlehne, die in etwa nur bis zur Hälfte des Rückens reicht. Aufrechtes Sitzen und Anlehnen an diese werden so schnell unangenehm. In den letzten Reihen gibt es keine durchgängigen Bänke mehr, sondern einzelne Sitzplätze.

9. Beleuchtung

Im vorderen Teil der Nikolaikirche fällt das Tageslicht durch große Spitzbogenfenster. Der hintere Teil der Kirche hingegen wirkt durch die darüberliegende Empore eher dunkel. In Ergänzung zu den Fenstern trägt die elektrische Beleuchtung dazu bei, dass auch dieser Teil der Kirche mit ausreichend Licht versorgt wird.

10. Sinne

Die Glocken der kleinen Kirche rufen die Gläubigen zum Gebet. Von diesen kennen sich die meisten untereinander. Sie winken dem Anderen zu oder begrüßen und unterhalten sich vor dem Gottesdienst kurz. Das fröhliche Orgelspiel trägt zur lockeren Stimmung bei.

Warum ein Gottesdiensttest?

Wir wollen mit unserem Gottesdienst-Test die Kirchen ein wenig mehr ins Blickfeld der Öffentlichkeit rücken. Unter Kirchgängern, Geistlichen und Lesern soll eine Diskussion darüber entstehen, was einen guten Gottesdienst ausmacht. Dieses in der Regel sonntägliche Treffen hat für evangelische wie katholische Christen ja bis heute eine große Bedeutung. Soll lebender Ausdruck des Christseins sein. Wir haben uns für eine Bewertung nach objektiven Kriterien theologische Hilfe geholt bei den Professoren Martin Stuflesser (Würzburg), er ist auch Berater der deutschen Bischofskonferenz, und Martin Nicol (Erlangen), der mit seinem Buch "Weg im Geheimnis" ein Plädoyer für den evangelischen Gottesdienst abgibt. Ergänzt werden objektive Kriterien um die subjektiven Eindrücke, die unsere Kollegen gewonnen haben.

Alle Berichte unserer Serie finden Sie auf unserer Übersichtsseite zum Gottesdiensttest. Dort finden Sie auch ausführliche Infos.

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