Bei einer Geburt im Kulmbacher Klinikum starben Anfang Dezember eine 33-jährige Mutter und ihr Kind. Der neugeborene Junge starb kurz nach seiner Geburt, die Mutter nach einer Notoperation nur wenige Stunden später. "Ich kann seither kaum schlafen. Meine Gedanken kreisen ständig um jene paar Stunden", sagt Robby Handschuh, der am 8. Dezember seine Frau und sein Kind verloren hat.

Seit diesem Tag quält nicht nur Handschuh die Frage, ob der Tod von Mutter und Kind hätten verhindert werden können. Auch die Leitung des Kulmbacher Klinikums betonte auf Nachfragen wiederholt das Interesse, die Ursachen der Tragödie aufzuklären. Ein am Mittwoch öffentlich gewordenes Gutachten des Rechtsmedizinischen Instituts in Erlangen entlastet die Mitarbeiter des Kulmbacher Klinikums. Demnach starb das Neugeborene an einem Blutstau im Gehirn. Die 33 Jahre alt Mutter starb an inneren Blutungen.

Die Erlanger Gutachter sprechen von einem "außergewöhnlichen Zusammentreffen tragischer Umstände". Dies bestätigte der Leitende Staatsanwalt in Bayreuth, Herbert Potzel. Seine Behörde ermittelt in der tragischen Angelegenheit, nachdem das Kulmbacher Klinik selbst die Polizei gerufen hatten. Zu den Akten gelegt hat Potzel den Fall allerdings noch nicht. Der Leitende Oberstaatsanwalt wartete noch auf das Ergebnis eines zweiten Gutachtens.

Mit Verweis auf das unverändert laufende Verfahren wollte das Kulmbacher Klinik das Ergebnis des Erlanger Gutachtens gestern nicht kommentieren. "Bis das Verfahren abgeschlossen ist, werden wir uns nicht mehr äußern", sagte Geschäftsführerin Brigitte Angermann gestern.

Vom Gutachten selbst Kenntnis genommen habe sie in der Zeitung. "Weitere Details liegen uns nicht vor", sagt Angermann.

Mehr Geburten, mehr Notfälle

"Selbst wenn Geburten nicht als Risiko eingestuft worden sind, kann theoretisch etwas passieren", sagt der Leiter der Geburtshilfe am Uniklinikum Erlangen, Professor Sven Kehl. Weil die Geburtenraten steigen, treten auch seltene Notfälle wieder häufiger auf. Auf diese könne man in einer Spezialklinik besser reagieren. "Allerdings kommen in der Regel nur Risikoschwangere gleich in solche Einrichtungen", so Kehl. Aber: "Selbst wenn alle Rahmenbedingungen optimal sind, können Geburten auch heutzutage schicksalhaft verlaufen", sagt er.

Nicht ohne Risiko

In der Wochenbettphase gibt es für die Mutter klassischerweise drei Risiken, erklärt Astrid Giesen vom Hebammenverband Bayern:

- Thrombose kann zu einer Embolie führen

- eine Infektion führt zu Kindbettfieber bei der Mutter

- direkt oder kurz nach einer Geburt kommt es zu Blutungen. Kritisch sind die bei der Geburt des Mutterkuchens (Nachgeburt). Sie werden durch Wehenschwächen verursacht oder weil der Mutterkuchen nicht oder nur unvollständig ausgestoßen wird.

Wie viel Medizin braucht die Geburt? Pro und Contra

Besser in der Klinik

(Prof. Dr. Burkhard Schauf ist Chefarzt Geburtsklinik am Klinikum Bamberg)

Wenn Schwangerschaften komplikationslos verlaufen und das Kind zum geplanten Termin zur Welt kommt, sind auch kleinere Geburtskliniken angemessen ausgestattet. Dann können Mütter ihre Kinder außerdem sicher in Geburtshäusern zur Welt bringen. Das gilt, solange unter oder nach der Geburt nichts Unvorhergesehenes passiert. Aber gerade dies ist leider nie auszuschließen.

Falls es vor oder während der Geburt zu Schwierigkeiten kommt, sehe ich uns als Perinatalzentrum Level 1 im Vorteil. Denn dann braucht es Erfahrung und spezialisiertes Personal, das weder eine kleinere Klinik noch ein Geburtshaus vorhalten kann. Im Bamberger Klinikum kommen im Jahr durchschnittlich 2300 Kinder zur Welt. Unsere Ärzte und Hebammen haben damit auch Erfahrung mit komplizierten Fällen.

70 von 100 Geburten verlaufen bei uns komplikationslos. Bei etwa 25 von 100 benötigen wir einen Kaiserschnitt oder müssen mit einer Saugglocke arbeiten. Im Schnitt bei zwei von hundert Geburten kommt es zu wirklich ernsten Komplikationen, die vor der Geburt auch für uns noch nicht abzusehen waren. Die vielleicht größten Schwierigkeiten bereiten uns auch heute noch, wenn sich nach der Geburt der Mutterkuchen von der Gebärmutter nicht richtig ablöst und die Frau zu verbluten droht. In diesem Fall steht das Leben der Mutter auf dem Spiel. Dann muss sofort operiert werden.

Wir können das, denn unser Status als Perinatalzentrum gewährleistet, dass auch nachts und an Wochenenden umgehend die nötigen Spezialisten im OP-Saal sind. Sie sind schon im Haus und müssen nicht erst in die Klinik geholt werden. Wir sind aufgrund unserer personellen und auch medizintechnischen Ausstattung in der Lage, uns gleichzeitig um Mutter und Kind zu kümmern.

Ich scheue mich nicht, das zu sagen: In einer größeren Klinik wie unserer sind Mutter und Kind besser aufgehoben als in einer kleineren Klinik oder auch Geburtshäusern. Warum? In größeren Häusern gewährleistet die personelle Ausstattung auch außerhalb der üblichen Dienstzeiten eine schnellstmögliche Versorgung von unvorhersehbaren Problemen.

Ärzte braucht es nicht immer

(Veronica Walther, Hebamme aus Bamberg)

Jede Geburt ist ein Naturwunder, wir werden nie alle Risiken ausschließen können. Sowohl die Mutter als auch das Kind befinden sich während der Geburt in einer Ausnahmesituation. Dabei kann es immer zu - manchmal tragischen - Notfällen kommen. Vor diesen können auch Kliniken nicht einhundertprozentig schützen. Manchmal gibt es Fälle, die selbst in den besten Spezialzentren keine besseren Chancen gehabt hätten. Neben der körperlichen Konstitution von Mutter und Kind spielt nämlich immer auch der Zufall eine Rolle.

In der Regel ist es nicht notwendig, ein Krankenhaus aufzusuchen. Zumindest, wenn die Mutter und das Kind gesund sind und während der Schwangerschaft keine Komplikationen auftraten. Deshalb ist eine Betreuung nach den Mutterschaftsrichtlinien während der Schwangerschaft so wichtig, um mögliche Gefahren erkennen und eventuell abstellen zu können.

Theoretisch kann eine Frau überall gebären. Dennoch ist es auch beispielsweise bei einer Hausgeburt wichtig, gewisse Standards einzuhalten. Ganz wichtig: Nicht alleine gebären! Im Idealfall sollte immer mindestens eine Hebamme dabei sein. In Deutschland muss bei jeder Geburt sogar eine Hebamme hinzugezogen werden. In Kliniken hat hingegen das ärztliche Personal das Sagen. Das geht häufig pathologischer an die Sache heran und weniger natürlich.

Dabei geht es eigentlich darum, die Frauen zu unterstützen. Medizin ist normalerweise kaum notwendig, wenn die Bedingungen gut sind. Da Ärzte hauptsächlich für Besonderheiten zuständig sind, liegt bereits in ihrer Ausbildung der Hauptfokus auf pathologischen Vorgängen.

Klar sind Komplikationen bei einer Hausgeburt nur mit Aufwand in den Griff zu bekommen. Andererseits ist die Betreuung während der Geburt besser, wenn diese eins zu eins von einer Geburtshelferin vorgenommen wird. Das ist in großen Kliniken kaum möglich. Viele Interventionen sind unnötig: etwa Medikationen und standardmäßige, dauerhafte CTG-Überwachung. Auch die hohe Zahl an Kaiserschnitten, in Deutschland bei fast jeder dritten Klinikgeburt, müsste nicht sein. Den natürlichen Vorgang zu unterstützen, schützt häufig vor medizinischen Eingriffen.