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Trebgast
Premiere

Naturbühne: Highlife auf der Gruft

Michal Sykora inszeniert "Jedermann" als berührendes Memento-mori-Spiel mit vielen makabren Einfällen. 400 Premierenbesucher feierten die Schauspieler auf der Naturbühne.
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An der Festtafel wird geschwelgt, doch Jedermann (Gerd Kammerer, rechts) erstarrt: Er hört das erst Mal den Tod rufen. Seine Geliebte (Patricia Wagner als "Buhlschaft", links) verfolgt sein Entsetzen.
An der Festtafel wird geschwelgt, doch Jedermann (Gerd Kammerer, rechts) erstarrt: Er hört das erst Mal den Tod rufen. Seine Geliebte (Patricia Wagner als "Buhlschaft", links) verfolgt sein Entsetzen.
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Man ist nicht gezwungen, "Jedermann" einen Heiligenschein zu verpassen. Als das Stück im Dezember 1911 im Herzen Preußens uraufgeführt wurde, war der gefürchtetste Kritiker Berlins zur Stelle: Alfred Kerr. Der Großkritiker richtete das Stück mit wenigen Streichen hin: "Ein Berliner Abend voll Naivität. Dem Tiefinnerlichen wird etwas Ulk beigemengt, aber das Ganze will dennoch ernst genommen werden. Oben saß Militär. Unten Oberammergau. Ich danke." Sein berühmt gewordener Schlusssatz: "Ich warne."

So wie Kerr das "verteufelt Katholische" als Zumutung empfindet, haben heutzutage manche Regisseure ihre liebe Not mit dem Mysterienspiel. Sie flüchten sich in Ironie und Firlefanz. Meist aber setzen sie auf Schaurig-Schauderhaftes im Stil der Rocky-Horror-Show.

Totentanz-Swing

Mit beträchtlichem Gruselfaktor kann auch Michal Sykora aufwarten, doch dies im Dienst eines sinnvollen Regiekonzepts. Er stellt ein schwarz verhangenes Podest auf die Bühne (Entwurf: André Putzmann), oben genutzt als Festtafel, unten als enge Gruft.

Im gespenstischen Grünlicht (Licht: Rainer Benedict, Birgit Haßfürther) kriechen die Totenschädel heraus und formieren sich zu einem makabren Totentanz-Swing. Und bei jedem Mitglied der Tischgesellschaft, die eine fette Sau und eine Riesentorte verspeist, zeigt sich ein Stück Gebein, an Rock, Hose, Brust, Ärmel, langem Handschuh.

Krasse Buhlschaft

Besonders krass bei der Buhlschaft: Als sie sich im Liebesspiel mit Jedermann auf dem Tisch wälzt, blitzt ein Skelett-Muster an den Dessous hervor. Die Aussage ist klar: "Memento mori" ("Bedenke, dass du sterben musst"). Der Tod ist alltäglich. Das "Totenhemd" trägt jeder, nicht nur "Jedermann", dessen Fall ansteht.

Kein Zweifel: Sykora gelingen starke Bilder. Auch Bilder, die das Stück für unsere Gegenwart öffnen - zum Beispiel, wenn hübsch multikulti die Markgräfin Wilhelmine neben Elvis Presley (Kilian Roß) und Marilyn Monroe (Gabi Kranz) herumgeistert. Wolfram Broeder hat dazu fantasievollen Kostüme geschneidert.

Jedermann ist Biedermann

Auch Jedermann ist - trotz barockem Rock und Rüschenhemd - eine Figur unserer Zeit. Ein Biedermann durch und durch. Ein Mensch ohne Tiefe, nur an Fun und Geld orientiert.

Gerd Kammerer nimmt ihm die provozierende Schärfe. Er ist sozial gleichgültig, doch ohne Geiz-ist-geil-Mentalität. Er prahlt mit seinem Reichtum, doch zugleich wirbt er beim Zuschauer auch um Verständnis: alles durch Leistung und Arbeit erworben. Berührend spielt ihn Kammerer ebenso in seiner Todesangst. Ein Mensch, von allen verlassen, der verzweifelt um Erbarmen schreit.

Dick-und-Doof-Nummer

Gute Besetzungen auch in seinem Umfeld: Patricia Wagner spielt die Buhlschaft. In ihrem knapp dekolletierten knallroten Kleid bringt sie Salzburg-Flair nach Trebgast.

Doch sie hat nicht nur Sex-Appeal, sondern kommt blendend mit Hofmannstahls altertümelnder Sprache und dem schwierigen Knittelvers zurecht.

Philipp Gehringer ist in der Rolle des Guten Gesellen Sprachrohr und Verstärker Jedermanns. Als er ihn in seiner Not wirklich braucht, ist Schluss mit Kumpel. Nicht anders zwei, die sich es an Jedermanns Tafel haben gut gehen haben lassen: der Dicke (Walter Richter) und der Dünne Vetter (Michael Bähr). In einem köstlichen Dick-und-Doof-Slapstick zeigen sie, wie man sich aus dem Staub macht.

Eine kleine Glanznummer gelingt Hilde Volkmann als Jedermanns Mutter: Mit Schnapspulle in der Hand parodiert sie das fromme Einreden auf ihren Sohn, er möge es mit dem Glauben ernst nehmen.

Als Vorführobjekt für Jedermanns soziale Kälte dient Daniel Ganzleben als Schuldknecht, der unter einem Ochsenjoch herangeführt wird.

Volkstümliche Allegorien

Die Crux der Inszenierung, mehr noch des Stückes sind die Allegorien - Gott, Gute Werke, Glaube, Mammon, Tod und Teufel. Sykora bleibt hier - enttäuschend - der gängigen Spieltradition verhaftet.

Dies gilt weniger für den Mammon (Daniel Ganzleben), der ist recht witzig: eine alte Vettel mit Hängebusen und umgehängten Glitzerzeug, die einer Holzkiste entsteigt. Wohl aber für die Guten Werke, wie üblich einer kauernden Frauengestalt mit Krücke und zartem Stimmchen (Doris Stein). Und für den Glauben (Bärbel Schaller-Böhm), einer frommen Helene mit Kerze vor dem Schoß.

Auch der Teufel (Benedikt Lehmann) ist der langschwänzige Jahrmarkts-Brüllaffe wie immer. Er ist um seine sichere Beute Jedermann betrogen. Wird er sich ersatzweise wohl den Kritiker holen?

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