Himmelkron
Diakonie

Mutmaßliche Übergriffe auf zwei Behinderte in den Himmelkroner Heimen: Die Kripo ermittelt

In einer Wohngruppe der Himmelkroner Heime soll eine Pflegekraft Behinderte verbal und körperlich attackiert haben. Die Eltern erstatteten Anzeige.
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In den Himmelkroner Heimen soll es Fälle von Missbrauch gegenüber Schutzbefohlenen gegeben haben. Zwei Mütter, deren Kinder in der Einrichtung leben, sprechen von Beleidigung und körperlicher Gewalt. Sie haben Anzeige gegen eine Mitarbeiterin gestellt.Alexander Hartmann
In den Himmelkroner Heimen soll es Fälle von Missbrauch gegenüber Schutzbefohlenen gegeben haben. Zwei Mütter, deren Kinder in der Einrichtung leben, sprechen von Beleidigung und körperlicher Gewalt. Sie haben Anzeige gegen eine Mitarbeiterin gestellt.Alexander Hartmann

Die beiden Mütter sprechen von einem Skandal. Von unhaltbaren Zuständen, was ihren Kindern in einer Wohngruppe der Himmelkroner Heime widerfahren sei. Eine Pflegerin soll sich nicht nur im Ton vergriffen haben, sondern auch handgreiflich geworden sein. Von üblen Beleidigungen ist die Rede, von gewaltsam verabreichten Medikamenten und einem Schlag mit dem Zahnputzbecher. Zunächst war die Fachkraft suspendiert worden - doch mittlerweile ist sie zurück auf der Gruppe. Und das erschüttert die Mütter zutiefst.

Brigitte Döbereiners Sohn Martin ist schwer behindert; er kann weder sprechen noch sich mitteilen. Ihn soll die Pflegerin als ,hirnloses Arschloch' tituliert haben, wie die Mutter gegenüber der Nachrichtenagentur "News5" berichtete. Die Hoferin kann nicht fassen, wie eine gelernte Fachkraft derart würdelos mit einem Schutzbefohlenen umgehe.

Ihr Sohn war zunächst in einer Einrichtung in Rehau, nachdem er mehrere Anfälle gehabt habe und dabei um sich schlug. Sie und ihr Mann hätten sich nicht mehr länger um ihn kümmern können - und so waren sie froh, als im Juni vergangenen Jahres für Martin ein Platz in den Himmelkroner Heimen frei wurde.

Im Dezember, kurz vor Weihnachten, sei Brigitte Döbereiner von der Heimleitung angerufen worden. Es habe "Vorkommnisse" gegeben, sagte man ihr. "Es hieß: Angestellte hätten berichtet, Martin sei mit Gewalt ein Medikament eingegeben worden, es sei Blut geflossen." Die Pflegerin habe ihn zudem massiv beleidigt. Auch andere Bewohner sollen von ihr geschlagen worden sein. Doch die Pflegerin habe geäußert, es sei nicht so gewesen.

Die Mutter habe den Rat bekommen, sich an die Polizei zu wenden. "Die Beamten sagten uns: So, wie wir den Fall schildern, bliebe nichts anderes übrig, als Anzeige zu erstatten", wird die Hoferin zitiert.

Vorfall im November 2018

Das tat auch Britta Preißinger, deren Tochter Sandra ebenfalls zum "Opfer" der besagten Fachkraft geworden sei. Gegenüber "News5" schilderte sie wie folgt einen Anruf aus dem Heim am 16. November. "Da wurde mir mitgeteilt, dass es einen Vorfall gab: Die Sandra wurde geschlagen, sie lag am Boden. Man sagte ihr, sie dürfe nicht mehr nach Hause, wenn sie nicht aufsteht. Als sie aufgestanden ist, hat meine Tochter eine Praktikantin leicht geschlagen - und daraufhin hat eine Mitarbeiterin ihr mit dem Zahnputzbecher auf die Hände geschlagen."

Die Hoferin räumt allerdings ein, ihre Tochter sei schwierig. "Sie kann ja nicht reden, hat ihre Wutausbrüche und schlägt dann mit den Armen ein bisschen um sich." Die Praktikantin habe entgegnet, der Schlag gegen sie sei nicht schlimm gewesen. Umso mehr verurteilt Britta Preißinger das Vorgehen der Pflegefachkraft.

Aber auch vom Verhalten der Diakonieführung sei sie enttäuscht. Sie habe mehr wissen wollen über die Hintergründe und wie es dazu kommen konnte. "Doch man sagte mir nur, es seien arbeitsrechtliche Schritte eingeleitet." Dann hieß es plötzlich: Die suspendierte Mitarbeiterin kommt wieder zurück. "Das war ein tiefer Schlag für mich.Ich wollte die Dame nicht mehr in der Nähe meiner Tochter haben. Ich versuche alles, um das zu verhindern." Notfalls mit rechtlichen Schritten.

Schlaflose Nächte

Drei andere Beschäftigte, zu denen ihre Sandra ein sehr gutes Verhältnis habe, wurden hingegen mittlerweile versetzt. Die drei hätten sich bei einer Aussprache mit Heimleitung und Belegschaft für die betroffenen Eltern eingesetzt. Die Mutter versteht ob dieser Personalentscheidung die Welt nicht mehr. "Sonst hat keiner den Mund aufgemacht, obwohl es noch mehr Fälle dieser Art gegeben hat", wie Britta Preißinger bekundet. Seither schlafe sie kaum noch und habe einen Horror davor, ihr Kind weiter in Himmelkron untergebracht zu wissen.

Was sah die Praktikantin?

Dass die Vorfälle aus dem November überhaupt publik wurden, hat auch mit dem Abschlussbericht einer Praktikantin zu tun. Die Tochter einer angestellten Pflegefachkraft war laut "News5" für mehrere Wochen als Begleiterin auf der Gruppe und hatte vermerkt, dass eine Bewohnerin - besagte Sandra - geschlagen worden sei.

Was die 15-Jährige gegenüber der Agentur dazu aussagte, lässt aber aus noch einem anderen Grund aufhorchen: Eine Angestellte der Einrichtung soll versucht haben, die entsprechende Passage aus dem Bericht mit Tipp-Ex zu tilgen! Das Mädchen ist angeblich die Tochter einer jener Pflegerinnen, die mittlerweile aus der Gruppe versetzt wurden.

Kolleginnen meldeten Vorfälle

Das will Thomas Schaller so nicht stehen lassen. Der Pressesprecher der Diakonie Neuendettelsau, zu der die Himmelkroner Heime gehören, betont auf Nachfrage: "Der Fall ist aufgekommen durch mehrere Kolleginnen, die verschiedene Vorfälle gemeldet haben. Zu diesen Gesprächen liegen auch entsprechende Protokolle vor. Die besagte Praktikantin hat auch etwas mitbekommen, war aber nicht die ausschlaggebende Person."

Das Berichtsheft der Praktikantin sei von der Leiterin der Gruppe nicht unterzeichnet worden. Das Übermalen einer Passage mit Tipp-Ex nannte Schaller unglücklich und unangemessen seitens der Fachkraft.

Deren vorläufige Suspendierung sei mittlerweile aufgehoben. "Das ist ein normales Vorgehen. Wenn Vorwürfe gegen einen Mitarbeitenden der Diakonie gravierend genug erscheinen, wird in jedem Fall der oder die Betreffende suspendiert, danach erfolgt eine Freistellung bis zur arbeitsrechtlichen Prüfung der Angelegenheit. Die ist abgeschlossen." Es seien, so Schaller, "nach unserem Dafürhalten angemessene Konsequenzen" gegen die Frau gezogen worden. Nun habe keine Rechtfertigung mehr dafür bestanden, dass sie nicht an ihren Arbeitsplatz zurückkehrt.

In aller Form aber weist er den Vorwurf zurück, wonach Pflegekräfte "mundtot" gemacht werden sollten. "Die Diakonie Neuendettelsau geht mit Vorwürfen gegen Mitarbeitende stets transparent um. Wir tun dies im Interesse unserer Bewohner und unserer Mitarbeiter. Wir wollen nichts unter den Teppich kehren, aber auch niemanden vorverurteilen. Doch wir ermutigen jeden, sich aktiv an der Aufarbeitung von Missständen zu beteiligen."

Keine Strafversetzung

Nicht gelten lässt er auch Äußerungen seitens der Angehörigen, wonach andere Pflegekräfte auf der Wohngruppe strafversetzt worden seien. "Die Versetzungen waren in der aktuellen Situation nötig, um die persönlichen Belastungen für die beteiligten Mitarbeitenden im Team so gering wie möglich zu halten. Es handelte sich nicht um Strafmaßnahmen. Dies wurde den Kolleginnen so mitgeteilt. Das weitere Vorgehen wurde mit den Betreuern der Bewohner besprochen, sie waren und sind in die Aufarbeitung einbezogen."

Ob der Vorfall noch strafrechtliche Relevanz erlangt, müssten die Ermittlungen der Kriminalpolizei zeigen. Schaller abschließend: "Zu den Vorgängen gibt es sich widersprechende Zeugenaussagen. Strafrechtlich gilt deshalb bis zu einer Verurteilung die Unschuldsvermutung. Die Bewohner können zur Klärung des Geschehens nicht beitragen."

Polizei-Pressesprecher Alexander Czech bestätigte gegenüber der BR, dass polizeiliche Ermittlungen gegen ein Mitglied des Pflegepersonals der Himmelkroner Heime laufen, und zwar seit Beginn des Jahres. Der Fall liege bei der Kripo in Bayreuth. Weitere Details nannte Czech nicht.

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