Kulmbach
Musik

"Moonlight" und Mönchshof: Diese Kombination ist eine Fortsetzung wert

Der Auftritt von Old Beertown Jazzband und Micha Winkler's Hot Jazzband aus Dresden geriet Freitagabend im Mönchshof zum Schaulaufen der Meister.
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Finale furioso: Die Musiker der Old Beertown Jazzband und der Micha Winkler's Hot Jazzband vereint zum Schlusslied "Ice Cream". Fotos. Jochen Nützel
Finale furioso: Die Musiker der Old Beertown Jazzband und der Micha Winkler's Hot Jazzband vereint zum Schlusslied "Ice Cream". Fotos. Jochen Nützel
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Kann ein Trauermarsch im wahrsten Wortsinn eine heitere Note haben? Er kann - wenn er von den richtigen Protagonisten gespielt wird. Und hier muss niemand gleich an Louis Armstrong denken. Denn der Song "St. James Infirmary", wie ihn "Micha Winkler"s Hot Jazzband" und der Namensgeber jenes Septetts höchst selbst am Freitagabend bei der "Moonlight Serenade" in die Posaunen und Trompeten schmetterten, ist ein Ton gewordenes Zeter und Mordio feinster Güte. Wer genau hinsah, der konstatierte, wie in diesen Minuten die Klinkermauern des ehrwürdigen Mönchshofs zur Klagemauer Kulmbachs emporwuchsen.

Es war nur einer von zahlreichen musikalischen Leckereien, die die Old Beertown Jazzband mit ihren bereits erwähnten Gästen aus Dresden feilboten. Zwei Mal sieben Musiker mit ordentlich Jazz und Dixieland im Blut standen dabei auf unbekanntem Terrain. "Schön, dass es endlich mal mit Kulmbach geklappt hat", sagte Beertown-Bandleader Conny Fischer hinter seinem Rubner-Bass und hieß die zahlreichen Zuhörer in den "neuen, nach oben geöffneten Räumlichkeiten" willkommen. Die Akustik des an drei Seiten umgrenzten Innenhofes war bestechend, wie auch die Profis aus Dresden konstatierten.

Dass es überhaupt zur elften Auflage der Session gekommen war, lag nicht zuletzt am Anstoß von Mönchshof-Chefin Helga Metzel. Sie hatte vor Jahresfrist bei der Verleihung des Kulturpreises in Thurnau den Kulmbacher Jazzern eine mögliche Verquickung von Beertown und Bierstadt angetragen. Ihre Beharrlichkeit sollte sich auszahlen. Und es sollte sich als Geschenk herausstellen, dass nicht nur Conny Fischer und seine Mannen an eine Fortsetzung der Erfolgsreihe dachten, sondern sich gleichzeitig im Osten der Jazz-Republik viel Neues tat. Micha Winkler, Posaunist und kongenialer Moderator, hat unter seiner Ägide alte Bekannte aus der vormaligen Semper House Band sowie neue Gesichter um sich geschart.

Was sein Profi-Ensemble zu leisten vermag, spürten die Zuhörer von der ersten Minute an. Die Akteure geben dem Oldtime-Jazz der 1920er und 1930er Jahre dank Winklers ausgeklügelter Arrangements einen neuen Schmiss, finden ihre Wurzeln in den Weiten des New-Orleans-Jazz und sind der Transformationsriemen für jene energetisch hoch aufgeladene Musik. Wippende Füße und klatschende Hände oder trommelnde Finger bei den Zuhörern sind Beleg dafür, dass der Groove und die Spielfreude im besten Sinne ansteckend sind.

Songs wie "Sweet Georgia Brown" und "Fly me to the Moon" kamen mit bestechender Präzision. Letztere Hymne war eine Steilvorlage für Ausnahme-Trompeter Christian Rien, groß an Gestalt wie an Können, der zudem über eine famose Stimme verfügt und vom Timbre sogar an Franky-Boy Sinatra gemahnt. Rien st übrigens der einzige Nicht-Sachse im Ost-Septett. "Na gut, er kommt aus Niedersachsen - ist ja quasi auch ein Sachsen, das kann man so gelten lassen", frotzelte Winkler. Nicht die einzige satirische Spitze an diesem Abend des Mannes, der für seine Wort-Pretiosen mittlerweile legendär ist. In Anlehnung an den letztjährigen Empfang im "Palais Söllner" (Sächsisch für Landratsamt) erinnerte sich der Frontmann an den fränkischen Buntsandstein, der mit einer so formschönen Betonverkleidung ummantelt ist. "Wir haben bei uns zu Hause davon berichtet und übernehmen das jetzt für die Frauenkirche."

Der fast vierstündige Musikmarathon bescherte einen Aufgalopp klassischer Stücke wie auch ungewohnter Interpretationen. Die Gastgeber, die noch vor Wochenfrist bei ihrer Dixie-Tour durch Rust unter anderem Opernstar Anna Netrebko im Publikum sitzen hatten, widmeten passenderweise den Frauen einige Werke, darunter Fats Wallers "Honeysuckle Rose", das bereits 90 Jahre auf der Rille hat.

Umsichtig und absolut taktfest geführt wurde das Ensemble von Leitwolf Conny Fischer und seinen Bassläufen. Schlagzeuger Peter "Pit" Brendel zog im Hintergrund die Rhythmusfurche, untermalt von Wolfgang Diems Gitarrenakkorden. Ein bestechender Posaunist wie auch Sänger ist Jürgen Punzet. Die Bläsergruppe vervollständigen Sepp Roth an der Klarinette, Wolfgang Schrepfer am Saxofon - und ein bemerkenswerter Neuzugang: Daniel Hoffmann übernahm den Part an der Trompete. Er war in Rust sozusagen auf Herz und Lungen geprüft und für tauglich befunden worden, sagte Fischer. Hoffmann, der aus Weimar stammt, ist eine absolute Bereicherung für die Blech-Fraktion in der Beertown-Combo und erhielt zu Recht immer wieder Szenenapplaus.

Auf Dresdner Seite war es ein Genuss, Schlagzeuger Andre Schubert zuzuhören und zu sehen, wie er genüsslich in jeden Groove förmlich hinein versank und mit seinen Besen sogar einen Calypso anzurühren verstand. Seine Rumba zu Satchmos "What a wonderful World" verlieh dem Oldie einen Drive a la Bonheur, unterfüttert von Roger Goldbergs Bassspiel und stilsicher geleitet von Gitarrist Lars Födisch. Eine Offenbarung an der Klarinette und am Saxofon ist Friedemann Seidlitz, dessen filigrane Fingerfertigkeit ihresgleichen sucht.

Bliebe noch jene Dame, die den ganzen Abend auf der Bühne verbrachte - schlicht und ergreifend deswegen, weil sie in beiden Formationen in die Tasten haut: Pianistin Silke Krause hat, wie von Conny Fischer beschrieben, in der Tat "die vielleicht flinksten Finger von Dresden". Und Micha Winkler, der mit der Musikerin seit 1991 befreundet ist, ergänzte: "Die Brauerei holt Silke übrigens gar nicht mehr ab, die wird die ganze Woche hier sitzen, und in den Mittagspausen reinigt sie den Schlot."

Die vielleicht größte Überraschung, ja fast ein Coup, gelang den Gastgebern: Mitten in "All of me", im Original gesungen von Belle Bake, erhob sich plötzlich Tontechniker Markus Scharfenberg, Spitzname "SUB", von seinem Mischpult, begab sich zur Bühne, schnappte sich ein Mikro - und sang die letzte Strophe zur Verblüffung aller auf Deutsch! Das war nicht etwa SUB-optimal das war famos! Chapeau für diese Einlage, wie überhaupt für mehr als vier Stunden voller Extraklasse, gepaart mit Humor. Dass der Erlös der Veranstaltung wieder für eine guten Zweck bestimmt ist, ist ein weiteres Ausnahmemerkmal dieser Veranstaltung. Bei ihren bisherigen Auftritten konnten die Beertowner mehr als 20 000 Euro erspielen.

Blieb noch eine Frage offen: Und nun? Gibt es eine Fortsetzung? Helga Metzel deutete es noch während des Auftritts an. "Es war sicher nicht der letzte Abend dieser Art." Erwartungsfroh wanderte ihr Blick zu Conny Fischer. Der grinste und sagte so etwas wie einst Paulchen Panter: Heute ist nicht alle Tage, wir kommen wieder, keine Frage! Na also, geht doch...
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