Kulmbach
Natur

Mit Gift gegen den Eichenprozessionsspinner: Muss das wirklich sein?

In Kulmbach wird der Eichenprozessionsspinner mit Gift bekämpft. Manche Menschen stellen sich die Frage, ob das wirklich nötig ist.
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Eine "Prozession" der Raupen des Eichenprozessionsspinners Foto: Peter Roggenthin/dpa
Eine "Prozession" der Raupen des Eichenprozessionsspinners Foto: Peter Roggenthin/dpa

Auch in Kulmbach hat sich der Eichenprozessionsspinner breitgemacht - und die Stadt Kulmbach fährt schwere Geschütze auf: Mit einer eigens angeschafften Spritze sollen alle Eichen im Stadtgebiet behandelt und die Vermehrung des für Menschen nicht ungefährlichen Falters gestoppt werden.

Verwendet werde ein Biozid, das unschädlich ist für Menschen und andere Tiere, hieß es im Zusammenhang mit der Aktion. Eine Aussage, die Dagmar Keis-Lechner, Bezirksvorsitzende der Grünen und Kreisvorsitzende der Grünen, anzweifelt. Und nicht nur sie.

Sie sei von einigen Menschen angesprochen worden, ob das Verfahren wirklich ökologisch sei und wirklich nur den einen Schädling bekämpfe, berichtet sie. "Inzwischen sind die Menschen sensibler geworden, wenn es um Schädlingsbekämpfung geht."

Komplexes Zusammenspiel

Sie habe sich daraufhin an Arnd Sesselmann gewandt, sagt Dagmar Keis-Lechner. Der Kulmbacher arbeitet als Sachverständiger im Gartenbau und ist damit auch bestens informiert über den Eichenprozessionsspinner. Er erläutert, dass der Eichenprozessionsspinner zur sogenannten Eichenfraßgesellschaft gehört, zusammen mit einer Vielzahl von Insekten, die sich auf unseren Eichen spezialisiert haben. Sie leben dort in komplexen Wechselwirkungen, im biologischen Gleichgewicht von Fressen und Gefressen werden. Aus dem Eichenprozessionsspinner wird ein heimischer Schmetterling, der wiederum Fledermäusen und anderen nachtaktiven Jägern als Futterquelle dient.

Die Eichenprozessionsspinner würden nun vermehrt bekämpft, da der Kontakt bei Menschen Allergien hervorrufen und sich gesundheitlich nachteilig auswirken könne.

Nun gibt es den Eichenprozessionsspinner ja schon lange und nicht nur Dagmar Keis-Lechner stellt sich die Frage, warum das Thema erst in den letzten Jahren so in die Schlagzeilen gerückt ist. Von Arnd Sesselmann habe sie erfahren, dass man es mittlerweile, bedingt durch den Klimawandel, mit einer Überpopulation zu tun habe. Es fehlten die Frosttage. "Wenn die Raupen erst einmal zu fressen begonnen haben, würden sie einen strengen Frost, wie es ihn früher zu den Eisheiligen gab, nicht überstehen.

Auf die Frage von Dagmar Keis-Lechner, ob man nicht handeln müsse, wenn Menschen in Gefahr seien, hat Arnd Sesselmann keine eindeutige Antwort. Natürlich müsse man die Menschen schützen. Aber dazu gebe es mehrere Möglicheiten. "Wir müssen uns fragen, wo der Mensch in Kontakt mit den Raupen kommt", sagt er. "Dazu muss man wissen, dass die Eichenprozessionsspinner tagsüber in einem Gespinst ruhen und sich erst nachts auf ihrem Prozessions-Weg - daher der Name - zum Fressen aufmachen. Solange das Gespinst tagsüber in Ruhe gelassen und die Prozession nicht gestört wird, geht vom Eichenprozessionsspinner zunächst keine Gefahr aus." Allerdings müsse man in der Nähe von Kinderspielplätzen, Schulhöfen oder viel benutzten Fuß- und Radwegen die Gespinste entfernen. Hierzu gebe es mehrere erprobte manuelle Verfahren. "In der Stadt Nürnberg zum Beispiel werden beim Festival 'Rock im Park' die Gespinste verklebt und dann abgesammelt oder abgesaugt."

Vermeintlich einfach

Zum derzeitigen Vorgehen in der Stadt Kulmbach befragt, führt der Sachverständige weiter aus: "Der Wunsch ist, mit einem vermeintlich einfachen Verfahren, dem sogenannten Spritzmittelverfahren, möglichst viele Raupen zu bekämpfen. Das erscheint aber eher wie der Kampf gegen Windmühlen."

Zum einen sei es schwierig, alle Eichen zu erwischen. Es müssen zum Beispiel 90 Meter Abstand zu Gewässern gehalten werden. Zum anderen flögen die Weibchen bis zu acht Kilometer weit, um ihre neuen Eier abzulegen. Und weiter: "Alle Biozide gehören zu den Gefahrstoffen. Mit ihnen darf nur nach klaren gesetzlichen Vorschriften umgegangen werden."

Große Flächen

Und noch ein Argument führt Sesselmann an: "Da alle Fresser auf den Eichen sterben, nicht nur der Eichenprozessionsspinner, sollte man in Anbetracht des kürzlich veröffentlichten Berichts zum Artensterben den Einsatz einer neuen Bewertung unterziehen. Denn, wenn man pro Eiche mit einem Durchmesser von nur 10 Metern den Einsatz von Spritzmittel hochrechnet, kommt man schon im Stadtgebiet auf 10 Hektar, auf die das Mittel ausgebracht wird."red

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