Der Ludwigschorgaster Extremsportler Michael Kraus liebt die Herausforderung. In sieben verschiedenen Wüsten war der 53-Jährige mittlerweile unterwegs und hat dabei über 1000 Kilometer im Laufschritt zurückgelegt. Sein jüngstes Abenteuer spielte sich in Ägypten ab. Die "Weiße Wüste" (White Desert) ist Bestandteil der Lybischen Wüste. Mit dabei war auch Michael Kraus' Ehefrau Silvia. Zurückgekehrt ist das Paar von seinem neuntägigen Trip mit grandiosen Eindrücken "von einem anderen Planeten". Nachfolgend ein Reisebericht von Michael Kraus.

"Gespenstisch tauchen die Lichter des Flughafens von Kairo aus dem Nichts auf. Die Boeing 737-800 der ägyptischen Airline setzt zur Landung an und bringt uns sicher zu einer neuen Herausforderung. Bis auf uns kommen alle 36 Teilnehmer der "White Desert Challenge" aus Frankreich.

Alles ist ruhig

Trotz der negativen Schlagzeilen in der letzten Zeit über Ägypten sind wir guten Mutes. Es ist alles ruhig und friedlich in der größten Stadt der arabischen Welt.
Schon am nächsten Morgen fahren wir knapp 600 Kilometer mit dem Bus südwestwärts von Kairo Richtung Bahariyya. Am Eingang des Nationalparks warten schon die allradgetriebenen Landrover, die uns samt Gepäck auf einer holprigen und staubigen Fahrt in die Wüste bringen. Sieben Tage und Nächte werden wir jetzt weit weg von der Zivilisation unterwegs sein.

80 Millionen Jahre alte Kalksteine

Die Einheimischen haben schon die Zeltstadt errichtet und empfangen uns mit einem leckeren Obst- und Salatbüffet. Wir bestaunen derweil die 80 Millionen Jahre alten Kalksteingebilde, die durch Wind, Wetter und großen Temperaturunterschiede zu einzigartigen Skulpturen geformt wurden.

Nach dem Abendessen sitzen wir noch gemütlich am Lagefeuer zu arabischen Klängen und Tanzeinlagen der Wüstenbewohner. Doch schon bald kriechen wir in unsere Schlafsäcke, denn am nächsten Tag wird es ernst. Der Prolog führt über 21 Kilometer bei hochsommerlichen Temperaturen durch einen faszinierenden Skulpturenpark hinein ins Wüsteninnere. ,Nur nicht zu schnell loslaufen', mache ich mir zum Vorsatz. Es folgen ja noch fünf Tagesetappen. Nach 1:52 Stunden erreiche ich das Ziel. Silvia hat sich entschlossen, alle Etappen im Marschtempo und ohne Zeitdruck zurückzulegen. Doch kurz vor dem Ziel kommt ein kleiner Sandsturm auf, der das Vorwärtskommen ziemlich erschwert.

Inzwischen sind auch die Einheimischen mit unserem Gepäck am Zielpunkt angekommen. Zeltpflöcke werden in den Sand getrieben, Taschen und Koffer fliegen von den Fahrzeugen, Schlafsäcke werden ausgerollt - das Camp beginnt sich wieder zu organisieren. Jeden Tag werden wir an einem anderen Ort übernachten.

Ab der zweiten Etappe können sich die Wüstenläufer entscheiden, täglich einen Marathon oder einen Halbmarathon zu laufen. Nur 14 Teilnehmer entscheiden sich für den Marathon. Silvia (täglich etwa dreieinhalb Stunden unterwegs) und ich entschließen uns für die Halbmarathondistanz, wobei jeder immerhin 126 Kilometer zu bewältigen hat. Jeden Morgen das selbe Ritual: 6 Uhr wecken, ab 6.30 Uhr gibt es Frühstück, und bis sieben Uhr müssen die Koffer fertig gepackt sein für den Transport zum nächsten Etappenziel.

Die Marathonläufer starten um acht Uhr vom Camp aus. Die Halbmarathonläufer werden mit dem Geländewagen bis Kilometerpunkt 21 gefahren und nehmen dann den zweiten Abschnitt des heißen Wüstensandes unter die Fußsohlen.

Michael Kraus ist Schnellster

Während die zweite Etappe noch verhältnismäßig gut zu laufen ist, ist bei der dritten Etappe Kraftausdauer gefragt. Es wird ein Wellenritt über unzählige Sanddünen mit einigen Höhen-metern. Immer wieder versinkt man kilometerlang im tiefen Sand. Es ist mein Tag, ich habe die größten Kraftreserven. Nach 1:54 Stunden erreiche ich als Etappensieger vor dem späteren Gesamtsieger Francois das Ziel.

Heute haben wir einen der schönsten Lagerplätze zwischen hohen Sanddünen. Am Lagerfeuer sitzend wärmen wir uns auf und plaudern über Gott und die Welt. Die Einheimischen sagen uns, dass wir Nordwind bekommen und die Nächte kälter werden. Und tatsächlich, am nächsten Morgen zeigt das Thermometer nur noch zwölf Grad plus an.

Die vierte Etappe führt uns an zwei Oasen vorbei. Das waren die einzigen, die wir während unserer gesamten Tour gesehen haben. Etappe Nummer 5 ist landschaftlich die schönste und führt durch gebirgiges Gelände. Jetzt haben wir nicht nur mit dem Sand zu kämpfen, sondern auch noch mit steinig-felsigem Untergrund. Man merkt es jetzt allen Teilnehmern an: die Kräfte schwinden, die Strapazen hinterlassen Spuren. Physiotherapie, Arzt und das medizinische Personal haben alle Hände voll zu tun mit der Behandlung von Blasen an den Füßen, Muskelkrämpfen und Erschöpfungszuständen.

Das Laufen im Sand ist sehr anstrengend. Man braucht etwa ein Drittel der Zeit länger als unter normalen Voraussetzungen. Hinzu kommen noch die hochsommerlichen Temperaturen von über 30 Grad. Die letzte Etappe legen die Führenden gemeinsam zurück Michael Kraus belegt schließlich nach 11:30,22 Stunden Rang 2 hinter Gesamtsieger Francois Lacassagne (11:16,48).

Besuch vom Militär

Am letzten Tag in der Wüste bekommen wir Besuch von einer 15 Mann starken Militärpatrouille mit ihren schwer bewaffneten gepanzerten Fahrzeugen. Nach einem kurzen Gespräch mit den Wüstenbewohnern rückt das Militär aber wieder ab. "Die wollten nur schauen, ob alles okay ist", sagt einer der Einheimischen.

Die letzte Nacht im Camp: Alle sind gut drauf, sowohl die Wüstenläufer als auch das 25-köpfige Betreuerteam. Es wird gesungen und getanzt. Der französische Organisator dieses Events, Serge Morell, hat allen ein Gläschen guten Rotweins spendiert und freut sich, dass alles reibungslos verlaufen ist.

Am nächsten Morgen geht es mit dem Bus wieder zurück nach Kairo mit einem kurzen Abstecher zu den weltberühmten Pyramiden von Gizeh. Die größte Freude aller Teilnehmer jedoch ist, nach sieben Tagen endlich wieder einmal gepflegt duschen zu können...

Alle Wüstenläufe von Michael Kraus