Mainleus

"Kulturerbe-Arbeit par excellence"

Die Spinnerei hat Mainleus geprägt und spielt auch für die Zukunft eine wichtige Rolle. Bei einer Führung konnte man in die Vergangenheit eintauchen.
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Sebastian Türk führte die Besucher auch in das alte Kesselhaus.  Fotos: Uschi Prawitz
Sebastian Türk führte die Besucher auch in das alte Kesselhaus. Fotos: Uschi Prawitz
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Die alte Spinnerei hat Mainleus geprägt und spielt auch für die Zukunft eine wichtige Rolle für die Entwicklung der Gemeinde. Die Teilnehmer eines Seminars des Instituts für Fränkische Landesgeschichte tauchten in die Vergangenheit ein.In Kooperation mit der "Prinz Albert Gesellschaft" und dem "Verein Kulturerbe Bayern" hatte das Institut für Fränkische Landesgeschichte (IFLG) der Universitäten Bamberg und Bayreuth im Rahmen einer dreitägigen Tagung zum Thema "Kulturelles Erbe und öffentliches Interesse - Deutsch-Britische Perspektiven auf regionale Erinnerungskultur" die Seminarteilnehmer unter anderem zu einem Ausflug nach Mainleus eingeladen. Am Samstagvormittag begrüßten Bürgermeister Robert Bosch und Stadtrat Sebastian Türk neben dem Historiker Adrian Roßner die Besucher auf dem Gelände der alten Spinnerei."Diese 14 Hektar Industriegelände waren früher das wirtschaftliche Zentrum und sind heute noch das geografische Zentrum des Ortes", erläuterte Robert Bosch. 80 Prozent der Fläche habe der Markt Mainleus erworben, 20 Prozent befänden sich im Privateigentum von Sebastian Türk.

Voller persönlicher Erinnerungen

Dieser hat selbst, ebenso wie bereits sein Vater und seine Großeltern, jahrelang in der Kulmbacher Spinnerei gearbeitet und führte die Besucher durch die ehemalige Weberei und das Kesselhaus.

1908 wurde die Spinnerei von Fritz Hornschuch gegründet, doch Hornschuch wollte nicht einfach nur eine Industrieanlage errichten. "Er wollte sein eigenes kleines Imperium erschaffen", erklärte Sebastian Türk. Der Industrielle baute Arbeiterwohnungen in Hornschuchshausen, betrieb einen eigenen Gutshof und siedelte Handwerksbetriebe an. "Er deckte die Grundbedürfnisse Wohnen und Nahrung ab, doch nicht nur das." Hornschuch baute ein Freibad, Kindergärten mit Ganztagsbetreuung, ein Ledigenwohnheim und eine Turnhalle. "Und für zehn Pfennig konnte man in einer öffentlichen Badeanstalt ein heißes Bad nehmen." Für die soziale Absicherung sorgten Pensionskassen. "Es entstand eine Werksfamilie, und in der Spinnerei zu arbeiten, war ein Lebensgefühl", ergänzte Türk.

Kein Wunder, dass die Mainleuser durchwegs positive Assoziationen mit dem Spinnereigelände verbinden. Daran konnte auch die Tatsache nichts ändern, dass Fritz Hornschuch überzeugter Anhänger der NSDAP war. "Er behandelte die Zwangsarbeiter so gut, dass viele sich am Ende des Krieges für gefallen erklären ließen, um in Mainleus bleiben zu können", berichtete Sebastian Türk. Hornschuch sei als harmloser Mitläufer eingestuft worden und durfte daher allen Besitz behalten.

Mit unternehmerischem Weitblick hatte es Fritz Hornschuch geschafft, die Spinnerei stets am Laufen zu halten, und selbst in Notzeiten ging es den Mainleusern dadurch verhältnismäßig gut. "Im zweiten Weltkrieg begann Fritz Hornschuch beispielsweise, alternative Rohstoffe zu verspinnen, etwa Holzfasern. Und sogar Angora-Kaninchen wurden auf dem Fabrikgelände gehalten."

Mit der Textilkrise, ausgelöst durch die Chinesen, die Garne zu immer günstigeren Preisen herstellten, ging es jedoch bergab. "Ein Insolvenzverwalter hat dann das Vermögen der Spinnerei für einen Apfel und ein Ei verkauft", beklagte Sebastian Türk. Dabei hätte es durchaus die Möglichkeit gegeben, alle Arbeiter auszubezahlen. "Diese Chance wurde uns aber genommen."

Die Textilindustrie hat im oberfränkischen Raum eine lange Tradition. "Mit einem Temperatursturz im 14. Jahrhundert, oft auch als die kleine Eiszeit bezeichnet, bauten die Menschen als zweites Standbein Flachs an", erklärte Historiker Adrian Roßner. Im Anschluss an das Mittelalter habe man die lokal organisierten Webereien stärker zusammengeführt, und bereits seit dem frühen 15. Jahrhundert wurde importierte Baumwolle verarbeitet, die Stück für Stück die alte Leinenindustrie verdrängte.

"Schon seit der Frühneuzeit war die Textilindustrie in Oberfranken ein Wirtschaftssystem, das stark auf Export ausgerichtet war", erklärte Roßner. Im frühen 19. Jahrhundert habe es die ersten halbmechanischen Webstühle gegeben, "Grundlage für die mechanische Buntweberei, die bei uns bis in die 1970er Jahre tragend war."

Roßner lobte die Pläne und den Umgang der Gemeinde Mainleus mit der industriellen Anlage. "Was hier passiert, ist Kulturerbe-Arbeit per excellence", sagte er. Das alte Webereigebäude ist denkmalgeschützt. Das dahinter gelegene Gelände wird in ein Wohngebiet und einen großen Stadtpark verwandelt. "Wir haben hier die Möglichkeit, keinen Flächenfraß für das Erstellen neuen Wohnraums zu betreiben, sondern aus einem bereits bebauten, verbrauchten Gelände etwas Neues zu machen."

Durch die neue Parkanlage will Bürgermeister Bosch Oberflächenwasser sammeln, das im Boden versickern kann und nicht über die Kanalisation abgeführt werden muss.

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