Kulmbach
Entdeckertouren (80)

Kulmbachs Vereinshaus: Nutzer hinterlassen Spuren aus Stein

Die Darstellungen in den Nischen des Vereinshauses auf dem Marktplatz erinnern an frühere Nutzungen.
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Auf der Seite zur Spitalgasse fand sich im Giebel des Kulmbacher Vereinshauses ein altes Relief, das sorgfältig freigelegt wurde. E. Olbrich
Auf der Seite zur Spitalgasse fand sich im Giebel des Kulmbacher Vereinshauses ein altes Relief, das sorgfältig freigelegt wurde. E. Olbrich
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Als das Vereinshaus noch nicht stand, litt Kulmbachs gesellschaftliches Leben, denn die Stadt hatte für größere Veranstaltungen keinen annehmbaren Saal aufzuweisen. Wohl gab es den Kornhaussaal, den Hirschen-Saal und den Michel'schen Saal im Grünwehr, doch entsprachen diese Räume in keiner Weise den damaligen Anforderungen. Das Gebäude am Platz des heute immer noch so bezeichneten Vereinshauses erfüllte im Laufe der Zeit viele Funktionen.

So zum Beispiel als Kaufhaus, wie es wörtlich im Land-Buch von 1398 genannt wird, womit die Kaufläden der Bäcker, Krämer, Tuchscherer und Geldwechsler gemeint sind, die hier auf leichte Weise zur Zollerhebung kontrollierbar waren. Auch als Rathaus wurde es genutzt, für die Amtsräume des Stadtvogts und des Kastners sowie auch als Gerichtssaal. Die zu größerer Selbstständigkeit gekommenen Bürger bauten nebenan ein Rathaus, "aus eigenem Beutel".

Die oberen Böden wurden als Getreidespeicher zur Lagerung des gelieferten Getreidezehnten und als Salzdepot genutzt. Im Saal des ersten Stocks könnten Zusammenkünfte und Hochzeiten stattgefunden haben. Von der Bevölkerung wurde es begrüßt, dass im Winter 1882/83 der Kunstmühlenbesitzer Hermann Limmer, als Vorstand des damaligen Gewerbe- und Vorschussvereins, die Saalbauangelegenheit in die Hand nahm. Hatte es doch lange gedauert, bis sich die einstige Markgrafenstadt Kulmbach vom Wegzug der markgräflichen Regierung 1604 erholt hatte.

Erst 1846, durch den Gleisanschluss an die Ludwig-Nord-Süd-Bahn, wandelte sich die verträumte Stadt stürmisch zu einem Industriestandort. Tüchtige Fabrikanten, Arbeiter und Handwerker schufen den Ruf einer gewerbefleißigen Gründerzeitstadt. In der Bürgerschaft entwickelte sich über längere Zeit der Wunsch nach Unterhaltung, Repräsentation und Bildung. So gab der rechtskundige Bürgermeister Carl Rosenkrantz die Empfehlung, den Platz des alten Kornhauses unentgeltlich abzugeben, mit der Verpflichtung, dass dort ein moderner Saalbau zu errichten sei.

Von 47 Architekten aus ganz Deutschland wurden Pläne eingereicht. Der erste Preis ging nach Frankfurt/Main, aber er gefiel den Kulmbachern nicht. Man beauftragte daher den von der Stadt angestellten Architekten und Zeichenlehrer Adolf Hecker, einen neuen Plan zu fertigen. Dieser entsprach den Wünschen des Baukomitees.

Die Gestaltung der Fassade, die dem Bau einen besonderen Glanz verleihen sollte, übertrug man einem bekannten Münchner Architekten, August Thiersch. Nach einer Rekordbauzeit von nur zwölf Monaten erfolgte am 28. Juli 1884 die Einweihung. Die Baukosten beliefen sich auf 90 326 Mark.

Das Gesellschaftsleben erfuhr eine neue Blüte. Große Maskenbälle, Theateraufführungen und Vereinsversammlungen wurden gehalten. Neben dem Saal waren im Haus die Räume des Gewerbevereins und im Erdgeschoss das Depot der Feuerwehr untergebracht. Aus Platzmangel verlegte der Gewerbeverein 1901 seine Räume an den Holzmarkt. Heute befindet sich dort die VR-Bank Oberfranken-Mitte.

Die Stadt kaufte das Gebäude für 72 000 Mark. In freien Räumen wurden die Stadtkämmerei und die angegliederte Sparkasse untergebracht. Am 13. November 1904 verlegte man die Gerätschaften der Feuerwehr in den Neubau in der Buchbindergasse.

Die beengten Verhältnisse und Notausgänge des Saalbaus von 1884 wurden immer wieder beanstandet, so dass 1911 der Anbau zur Spitalgasse hin mit einer geräumigen, gut begehbaren Steintreppe erfolgte. Zeitgleich wurden auch die sanitären Anlagen saniert.

Vom August 1914 bis zur Beendigung des Ersten Weltkrieges im Jahr 1918 diente das Vereinshaus als Lazarett. Die Instandsetzung danach war richtig teuer.

Die Sparkasse zog 1935 vom Holzmarkt ins neue Gebäude in der Buchbindergasse um. Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg wurden die Fassade und die Innengestaltung des Vereinshauses komplett veränder: Die Nischen und mehrere Fenster wurden zugemauert. Auch das schöne Stadtwappen wurde entfernt.

Nach der Einweihung der Stadthalle in der Sutte im Dezember 1988 verfiel das Vereinshaus in einen Dornröschenschlaf. Der dauerte an, bis die Sparkasse Kulmbach unter der Führung der Vorstände Max Schreiner, Dieter Seehofer und Stefan Erbacher das Vereinshaus als "Sparkassenhaus" einer neuen Verwendung zuführte. Am 4. November 1994 konnte ein repräsentatives, den Marktplatz prägendes Gebäude eingeweiht werden. Besonders schön war, dass die historische klassizistische Gründerzeitfassade im alten Glanz erstellt wurde. Zusammen mit dem wieder aufgestellten Luitpoldbrunnen bildet sie ein Schmuckstück des Marktplatzes.

Im Zug der Sanierungsarbeiten wurden wertvolle Fassadenverzierungen freigelegt. In diese sind verschiedene Symbole eingearbeitet, die auf die zu Anfang beschriebenen Nutzungen hinweisen. Auf der Rathausseite befindet sich das eindrucksvollste Motiv. Es zeigt eine filigrane Sandsteinarbeit mit Seilen, Schläuchen, Feuerwehrhelm und Gerätschaften der Feuerwehr. Eine gelungene Arbeit als Denkmal für die freiwillige Feuerwehr, die früher im Erdgeschoss untergebracht war.

An der Marktplatzseite wurden zwei Nischen gefunden. In der vom Betrachter aus linken Nische sind landwirtschaftliche Geräte wie Dreschflegel, Sense, Schaufel, Rechen, Früchte und Ähren zu sehen, was an das frühere Kornhaus erinnert. In der rechten Nische zeigen sich mit Schere, Feile, Schuh, Hammer, Schraubstock und Axt typische Handwerkssymbole.

Auf der Seite zur Spitalgasse fand sich im Giebel ein altes Relief, das sorgfältig freigelegt wurde.

Mittlerweile hat die Sparkasse das Vereinshaus wieder verlassen. Das Erdgeschoss wird von Abteilungen der Stadtverwaltung genutzt. Im ersten Stock residiert das Kulmbacher Notariat und im zweiten Stock floriert eine HNO-Praxis.

So geht's weiter
In der nächsten Folge (81) der Entdeckertouren geht es um ein Mahnmal der Kriege. red
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