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Kulmbachs Bauern wollen in die Blüh- statt in die Buhmann-Ecke

In Teilen der Landwirtschaft sieht man das von der ödp angestoßene Volksbegehren "Rettet die Bienen" skeptisch.
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Blühende Landschaften versprach  einst Alt-Kanzler Helmut Kohl dem Osten der Republik - in Kulmbach und Umgebung setzen (von links) Landwirt Harald Peetz, Samenhändler Harald Hühnlein, Saatschutzberater Christian Schneider und Harald Köppel vom Bauernberband die Vorgabe buchstäblich in die Tat um.Archiv/Adriane Lochner
Blühende Landschaften versprach einst Alt-Kanzler Helmut Kohl dem Osten der Republik - in Kulmbach und Umgebung setzen (von links) Landwirt Harald Peetz, Samenhändler Harald Hühnlein, Saatschutzberater Christian Schneider und Harald Köppel vom Bauernberband die Vorgabe buchstäblich in die Tat um.Archiv/Adriane Lochner

Die Vergleiche sind beeindruckend: So groß wie 14 Fußballfelder ist das Areal; der Bierstadel würde 33 Mal darauf Platz finden. Gemeint sind zusammengenommen all jene Flächen, die Kulmbachs Landwirte im vergangenen Sommer um ihre Maisfelder und Weizenäcker herum in blühende Landschaften verwandelt haben. 40 Betriebe haben sich daran beteiligt und auf zehn Hektar Ringelblume, Dill, Sonnenblume und Kresse ausgesät. Gegen das Insektensterben und für die Artenvielfalt.

Einer davon ist Harald Peetz, Bauer und Zweiter Bürgermeister in Himmelkron und stellvertretender Kreisobmann des Bauernverbands. In seinem Betrieb entfielen auf insgesamt 15 Hektar Maisfläche rund 1,3 Hektar für Blühstreifen. "Die Blühstreifen kommen gut in der Bevölkerung an. Ich werde oft darauf angesprochen."

Für heuer ist eine Fortsetzung geplant. "Kulmbach ist dabei ein Schwerpunktlandkreis", sagt Christian Schneider. Der 38-Jährige ist Saatgut- und Pflanzenschutzberater der Firma Syngenta, die das Saatgut mit einjährigen Blühpflanzen über Vertriebspartner Harald Hühnlein von der gleichnamigen Sämerei in Mangersreuth kostenlos zur Verfügung stellt. Doch Schneider ist seit 20 Jahren auch Landwirt im Nebenerwerb. Und so fühlt er sich "persönlich getroffen, wie wir als Sündenbock für vieles herhalten müssen".

Nicht zuletzt vor dem Hintergrund des Volksbegehrens "Artenvielfalt - Rettet die Bienen", das die ödp federführend mit anderen Parteien und Organisationen am 31. Januar startet, sei es an der Zeit, die Bauern aus der Ecke des Buhmanns zu befreien. "Die Blühstreifenaktion soll zeigen, dass es unserer Branche ernst ist mit dem Artenschutz", sagt der Mainleuser.

Kein wirtschaftlicher Zugewinn

Er selber bewirtschaftet einen Ackerbaubetrieb, baut Getreide, Mais und Raps an. Auch um seine Felder blühte es im vergangenen Sommer. "Ein wirtschaftlicher Zugewinn ist das nicht für uns, wir bekommen dafür keinerlei Ausgleich. Wir investieren das aber gern in dieses freiwillige Projekt und nehmen dafür sogar Nachteile in Kauf wie etwa vermehrtes Unkrautwachstum. Denn auf den Blühstreifen setzen wir natürlich keine Herbizide ein. Das gute Ziel heiligt die Mittel."

Die Pflanzen, die Schneider auf seinen Äckern ansät, sind Selbstbestäuber und kommen ohne Insekten aus. Was deren Rückgang angeht, so erwartet er sich vor allem eins: Klarheit, nicht zuletzt seitens der Wissenschaft. "Wir sitzen alle in einem Boot. Die Landwirtschaft trägt natürlich ihr Scherflein dazu bei, und dass im Netzwerk Natur nicht alles zum Besten bestellt ist, wissen wir. Jetzt kommt das ,Aber': Wir tappen nach meinem Dafürhalten noch zu sehr im Dunkeln. Es ist zunächst einmal eine subjektive Wahrnehmung, dass die Insekten weniger werden. Ich nenne es das Windschutzscheiben-Gefühl, wonach an Autoscheiben deutlich weniger Insekten haften als früher. Ein Gefühl aber ersetzt keine validen Daten. Ich habe gelesen, dass rund 70 Prozent unserer heimischen Arten überhaupt nicht in ihrer Bestandsentwicklung erfasst sind. Hier müsste mehr getan werden für die nötige Grundlagenforschung. Das ist auch eine unserer Forderungen an die Politik herauszufinden: Woran liegt es?"

Schneider stellt diverse Fragen in den Raum. Welchen Einfluss etwa hat das stark gestiegene Verkehrsaufkommen? Was ist zurückzuführen auf den Klimawandel mit seinen wechselfeuchten Wintern, die Gift sind für Insekten? Was bedeutet die Lichtverschmutzung für die Populationen von Fliege, Falter & Co.? Was ist mit der Flächenversiegelung? Was bewirken Östrogene aus Humanarzneimitteln, die in die Gewässer gelangen und womöglich bei diversen Arten zu Unfruchtbarkeit führen? Dann kommen für Schneider nicht zuletzt die Privatleute ins Spiel. Welcher Gartenbesitzer gräbt den Rasen um und bereitet den Boden für Wildwuchs?

"Wir wissen all das nicht, weil es nicht untersucht ist", sagt er. Und betont: "Jeder trägt seinen Teil zum möglichen Artenrückgang bei, die Bauern auch. Aber einfach zu sagen: Landwirte, ihr seid schuld und müsst euch ändern - das verkennt die Lage. Doch genau darauf zielt das Volksbegehren ab. Ich halte die Ziele für falsch, weil sie zu einseitig formuliert sind. Deswegen werde ich nicht unterschreiben."

Kein Vernichter des Lebens

Und das hat noch einen weiteren Grund: Als Saatgutberater mag er sich nicht den Schuh anziehen, als Vernichter allen Lebens in Feld und Flur gebrandmarkt zu sein. Die Glyphosat-Diskussion sei hier nur die Spitze des Eisbergs, sagt der Mainleuser. "Der Ruf, den Pflanzenschutzhersteller haben, ist nicht gerechtfertigt. Wir denken heute sehr wohl ganzheitlicher." Es seien diverse Mittel bereits verboten worden, etwa Insektizide im Raps. "Kein Bauer spritzt ohne Sinn und Verstand. Wir achten sehr darauf, die Behandlungen etwa nach dem Bienenflug durchzuführen. Wir gehen zudem viel schonender mit den Wirkstoffen um und wenden sie in kleinstmöglichen Dosen an. Die Stoffe wirken selektiv gegen den jeweiligen Schädling und schützen nützliche Arten."

Es sei aber kontraproduktiv, bewährte Stoffe ohne Not aus dem Verkehr zu ziehen. Dazu zählt Schneider auch die in die Kritik geratenen Neonicotinoide. "Über Syngenta vertreiben wir diese Neonics schwerpunktmäßig im Bereich der Beizen, doch jüngst wurden einige von der Liste genommen. Da steckt der Teufel im Detail, denn nun sind die Landwirte gezwungen, andere Mittel einzusetzen, die mehr Wirkstoff beinhalten. Zudem besteht die Gefahr, dass Resistenzen provoziert werden."

Deutschland habe europaweit die strengsten Zulassungskriterien beim Pflanzenschutz. "Hier sind viele Bundesbehörden beteiligt. Ich muss mich auf neueste wissenschaftliche Erkenntnisse verlassen können. Wenn sich die Erkenntnisse ändern, dann muss ich handeln, ganz klar." Das aber, so der Mainleuser, sollte immer auf begründeter wissenschaftlicher Basis erfolgen und nicht aus rein ideologischem Antrieb.

Bienen-Experte lobt die Bauern

Mit Kiesbeeten kann man Günter Reif jagen. "Das ist die Vorstufe zu betonieren und grün anstreichen", sagt der stellvertretende Vorsitzende des Bezirksverbands für Gartenbau und Landespflege Oberfranken. Diese sterilen Flecken machten Biene & Co. kein Angebot. "Warum sollten sie sich dorthin verirren?", fragt der Kulmbacher, dem vor allem die wilden Verwandten der Honigbiene am Herzen liegen. Daher unterstützt er das ödp-Volksbegehren. Den Bestäubern vom zeitigen Frühjahr bis in den Spätherbst den Tisch zu decken - daran zu arbeiten sei Aufgabe aller: vom Gartenbesitzer über Gartenbauvereine und Kommunen bis zu Landwirten.

Deren Blühstreifen-Initiative begrüßt Reif. Und er nimmt die Bauern ein Stück weit in Schutz. "Bei den Schocknachrichten über den Insektenrückgang landeten die meisten gleich bei den Landwirten als Verursacher. Das aber ist zu kurz gedacht." Jeder von uns sei auch Verbraucher und habe es in der Hand, sein Konsumverhalten zu überdenken und sich des Wertes von Lebensmitteln bewusster zu sein. "Wenn wir zwei Schritte zurückgehen in unserem Anspruchsdenken und bereit sind, mehr Geld für unser Essen auszugeben, nehmen wir auch den Druck von den Produzenten. Die Wiesen müssen ja deswegen so oft gemäht werden, weil das Futter für die Kühe am eiweißreichsten ist, wenn es in der Knospe steht. Das wiederum ist nötig, um die Milchleistung hochzuhalten, damit der Betrieb überlebt." Ein Teufelskreis zulasten von Erzeugern, Tieren und letztlich der Ökologie.

Weg vom aufgeräumten Gelände kommen müssten auch die Kommunen, wobei Reif dem Kulmbacher Bauhof ein gutes Zeugnis ausstellt. "Hier hat ein Umdenken eingesetzt. Nicht jede Verkehrsinsel muss zigmal gemäht werden, auch wenn es mancher Bürger fordert. Der Ordnungsfimmel sollte passé sein. Unkraut ist eben keines, diese Beikräuter sind lebenswichtig für unsere Insekten."jn

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