Kulmbach
Gerechtigkeit

Kulmbacher wünschen sich gerechte Chancen für Arbeitslose

Ein Arbeitsloser aus der Region kämpft gegen Vorurteile und für eine berufliche Perspektive. Dass er das schafft, verdankt er einer Kulmbacher Institution.
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Foto: Jens Büttner/dpa
Foto: Jens Büttner/dpa

Geht es in unserer Gesellschaft gerecht zu? Wenn Thorsten M. (Name von der Redaktion geändert) sein eigenes Schicksal betrachtet, zweifelt er daran. Der 53-Jährige hat sein Leben lang gern und fleißig gearbeitet, immer hundert Prozent gegeben - und steht von einem Tag auf den anderen vor dem Nichts. Er ist angewiesen auf staatliche Unterstützung, weil aufgrund seines bisherigen niedrigen Stundenlohns von 10,50 Euro sein Arbeitslosengeld unter dem Hartz-IV-Satz liegt.

Mit der Arbeitslosigkeit kommt der gesellschaftliche Abstieg. Weit verbreitet ist die Meinung: Bei der heutigen Arbeitsmarktlage findet doch jeder einen Job, wenn er will. Stimmt leider nicht. Wer beispielsweise gesundheitlich eingeschränkt ist, kann keine offene Stelle auf dem Bau oder in der Pflege besetzen.

Dass die Gesellschaft oft schnell und leichtfertig mit pauschalen Vorurteilen ist, macht Thorsten M. traurig und auch ein bisschen wütend. Und es ist auch der nachvollziehbare Grund dafür, dass er seinen Namen im Zusammenhang mit diesem Thema nicht in der Zeitung lesen will. Der Mann hat sich nichts vorzuwerfen und im Grunde alles richtig gemacht: Nach der Schule hat er sofort eine Ausbildung zum Maler und Lackierer absolviert, dann 37 Jahre lang durchgehend in diesem Beruf gearbeitet. Doch dann kamen eine schwere Augenkrankheit und kaputte Bandscheiben. Er sieht Punkte und "Spinnweben", wo keine sind, Wellen statt klarer Kanten. Langes, gebeugtes Stehen ist auch nicht mehr drin. Beides zusammen ist eine Katastrophe für den Lackierer und führte zur Kündigung.

Auf der faulen Haut zu liegen, ist Thorstens Sache nicht. Er will wieder arbeiten. Aber wo? 30 Bewerbungen hat er geschrieben. "Ich sei zu alt, hieß es in den Absagen. Und mit meinen gesundheitlichen Problemen nimmt mich keine Leiharbeitsfirma, weil sie mich nicht vermitteln kann. Das macht einem schon Angst."

Die Situation stürzte den Mann in eine tiefe Krise. Er wurde depressiv, wusste sich keinen Rat mehr.

Diözesansekretärin Maria Gerstner von der Katholischen Arbeitnehmerbewegung in Kronach machte ihn schließlich auf die ökumenische Beratungsstelle für Arbeitslose in Kulmbach aufmerksam. "Meine Rettung", sagt er heute. "Diese Einrichtung gibt mir und vielen anderen Arbeitslosen Halt. Ich fühle mich hier verstanden und akzeptiert."

Sozialpädagogin Agathe Wachter erarbeitete mit Thorsten M. eine Strategie für seine Zukunft. Welche Stärken und Fähigkeiten kann der 53-Jährige für eine Neuorientierung nutzen? Schon seit 20 Jahren betreut er ehrenamtlich einen älteren Herrn. "Er hat ein großes Herz für andere Menschen, vor allem für Senioren. Nur eine Pflegetätigkeit kommt wegen der gesundheitlichen Einschränkungen nicht in Frage", fasst Agathe Wachter zusammen.

Ideal wäre für Thorsten M. eine Ausbildung zum Demenzhelfer gewesen. Dass daraus nichts wird, liegt daran, dass er als Alleinstehender davon nicht leben könnte. Es gibt keine Vollzeitstellen in diesem Bereich, der Stundenlohn ist niedrig.

Neuer Opimismus für die Zukunft

Gemeinsam mit Agathe Wachter hat er nun entdeckt und auf den Weg gebracht, was mit ein wenig Glück und Selbstvertrauen seine neue berufliche Zukunft werden kann: Er bildet sich zum mobilen Hauswirtschafter weiter. "Ich mag Haushaltsarbeiten, und ich bin gerne mit älteren Menschen zusammen." Von überholten Rollenklischees hält der 53-Jährige ebenso wenig wie von den pauschalen Vorurteilen, mit denen er sich als Arbeitsloser immer wieder konfrontiert sieht. "Ich kann putzen, waschen, kochen - kein Problem." Der nötige Praktikumsplatz ist gefunden, die Kurse beginnen bald.

Thorsten M. hat ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden. Gerecht ist eine Gesellschaft in seinen Augen dann, wenn sie jedem eine faire Chance gibt "und nicht alle Arbeitslosen pauschal unter den Generalverdacht stellt, Sozialschmarotzer zu sein". Dass es in jeder gesellschaftlichen Gruppe schwarze Schafe gibt, das ist auch dem 53-Jährigen bewusst. "Aber es tut weh, wenn man immer gern gearbeitet hat und das weiterhin tun möchte, aber trotzdem verächtlich von oben herab betrachtet wird, wenn es nicht klappt."

"Unsere Gesellschaft ist kälter geworden"

Manchmal sind es nur unbedachte Formulierungen, die Menschen ausgrenzen und Ungerechtigkeiten verstärken. "Man hört immer, der Mensch hat seine Arbeit verloren. Das klingt, als hätte er nicht aufgepasst. Kündigt der Arbeitgeber, redet man dagegen von Freistellen, als hätte man dem Mitarbeiter etwas geschenkt." Da fängt es für Agathe Wachter schon an mit der Ungerechtigkeit. Die Kulmbacher Sozialpädagogin ist bei der ökumenischen Beratungsstelle für Arbeitslose Ansprechpartnerin für Menschen auf der Suche - nach einer neuen Arbeitsstelle, nach Halt und Verständnis und nicht zuletzt ihrem Selbstwertgefühl.

Wer sucht, der findet - diese einfache Formel funktioniert für den Arbeitsmarkt nicht, weiß die 56-Jährige, die seit mehr als 30 Jahren arbeitslose Menschen in dieser schwierigen Lebensphase begleitet. "Nach meiner Erfahrung will der Großteil der Arbeitslosen wieder arbeiten. Die Aufgabe unserer Gesellschaft wäre es, diesen Menschen den Rücken zu stärken, damit sie wieder Selbstvertrauen gewinnen. Wir brauchen mehr Solidarität und Wertschätzung, statt Betroffenen das Gefühl zu geben, versagt zu haben." Das Gegenteil sei leider vielfach der Fall, bedauert Agathe Wachter: "Unsere Gesellschaft ist kälter geworden in den vergangenen Jahren."

"Das fällt uns auf die Füße"

Wie könnte sie gerechter werden? Der Hartz-IV-Regelsatz müsste aus Sicht der Beraterin angehoben werden. "Davon kann man nicht leben." Auch bei den Löhnen müsste man mal genauer hinsehen: "Der Niedriglohnsektor ist gewaltig gewachsen. Viele arbeiten Vollzeit, und der Lohn reicht trotzdem nicht mal für das Nötigste. Volkswirtschaftlich wird uns das bald auf die Füße fallen."

Kommentar: Gemeinsam verantwortlich

Wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Die Tüchtigen haben Erfolg, die anderen bemühen sich nicht genug. Leicht dahin gesagt und bequem, denn so können wir die Verantwortung den Betroffenen zuschieben. Wir können schließlich nichts dafür, wenn jemand Pech hat, keinen Job findet, von Hartz IV lebt ... Nicht unser Problem.

Es sollte aber unser Problem sein! Zumindest dann, wenn wir nicht nur meckern, sondern etwas zum Guten verändern wollen.

In dieser Woche widmen wir uns in der Bayerischen Rundschau intensiv dem Thema Gerechtigkeit. Es ist ein wichtiges Thema, das jeden von uns betrifft. Niemand ist gefeit vor Schicksalsschlägen. Angenommen, morgen trifft es uns: Was brauchen wir dann? Was wünschen wir uns?

Finanzielle Unterstützung ist nötig, keine Frage. Genauso wichtig aber ist ein partnerschaftlicher Umgang mit den Betroffenen, an ihrer Seite zu stehen, damit sie Chancen bekommen, um die Krise zu überwinden und ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen.

Das funktioniert freilich nur mit anständigen Löhnen: Solange sogar Menschen mit fester Anstellung Überlebenshilfe vom Staat brauchen, sind wir weit weg von der Gerechtigkeit.

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