Kulmbach
Interview

Kulmbacher Stadtrat Wolfgang Protzner sagt ade

Der CSU-Mann hat 42 Jahre Stadtpolitik gemacht. Er glaubt, dass Kulmbach für eine gute Zukunft vor allem Studenten braucht, und rät, Heimatminister Markus Söder beim Wort zu nehmen. Er bekennt, dass er heute manches anders entscheiden würde und dass er einen großen Fehler gemacht hat.
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Wolfgang Protzner (CSU) verabschiedet sich aus der Kulmbacher Kommunalpolitik. Er findet: 42 Jahre sind genug. Fotos: Archiv
Wolfgang Protzner (CSU) verabschiedet sich aus der Kulmbacher Kommunalpolitik. Er findet: 42 Jahre sind genug. Fotos: Archiv
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Kulmbach — Kulmbach ohne Plassenburg - unvorstellbar. Kulmbach ohne Bierfest - ebenfalls unvorstellbar. Kulmbacher Kommunalpolitik ohne Wolfgang Protzner - eigentlich auch unvorstellbar, bald aber wahr. Nach 42 Jahren im Kulmbacher Stadtrat zieht sich der CSU-Mann jetzt zurück. Im Gespräch mit infranken.de zieht der querdenkende Freigeist, wortgewaltige Debattenredner und schlitzohrige Franke eine Bilanz seines langen Politikerlebens.

Herr Protzner, verraten Sie uns Ihr Geheimnis, wie man mit 65 plus fast wie ein junger Bursch daherkommen kann?
Wolfgang Protzner: Das liegt am Kulmbacher Bier, daran, dass ich mit einer Ärztin verheiratet bin, dass ich gerne koche und gut esse, und vor allem am lieben Gott, dass er mir alles ermöglicht hat.

Hat Sie vielleicht auch die Politik jung gehalten?
Ja, ich bin ein Macher. Es war schön, daran mitzuwirken, wie es in der Stadt und im Landkreis Kulmbach geworden ist.

Sie wären mit Pfeife und Rotweinglas auch in der Toskana-Fraktion der SPD vermittelbar gewesen. Wie sind Sie zur CSU gekommen?
Das weiß ich so recht gar nicht. Denn sowohl in Kulmbach als auch im weiten Rund der Bundesrepublik waren alle meine Freunde gestandene Sozis, darunter Heinz Beyerlein, der Kulmbacher SPD-Ortsvereinsvorsitzende. Mir war es immer wichtig, Gemeinsamkeiten zu suchen und etwas zu erreichen.

Es wird nicht viele geben, die länger Kommunalpolitik gemacht haben als Sie. Ist es früher schöner gewesen als heute?
Nein, es ist heute auch noch schön. Was verloren gegangen ist, ist diese Lust am Streit ohne persönliche Angriffe und um der Sache willen. Dazu muss man den Kompromiss suchen. Ich mag mich aber nicht mit einem streiten, der wie ein Wanderprediger daherkommt mit Gebetsstecken und Schlappen.

Gibt es eine politische Entscheidung in Kulmbach, die Sie besonders gefreut beziehungsweise besonders geärgert hat?
Ich würde heute viele Sachen anders machen, anders argumentieren. Ob ich noch mal für eine Fußgängerzone wäre, weiß ich nicht. Auch nicht, ob ich mich am Streit über die Erschließung der Plassenburg beteiligen würde. Man hat damals die Stadt gespalten. Die Standseilbahn war zu groß dimensioniert und hätte die Stadtwerke als Betreiber ruiniert. Das hat auch dazu beigetragen, dass wir bis heute keine gescheite Lösung haben für die Erschließung der Plassenburg. Die Schlösserverwaltung behauptet, man müsse die Burg vom Buchwald aus erschließen. Dazu müssten 1000 Bäume gefällt werden - ein Unding. Der neue Stadtrat muss dem OB den Rücken stärken und den Heimatminister Markus Söder auffordern, eine Lösung zu finden.

Hat es in all den Jahren einen politischen Lieblingsgegner gegeben?
Ja, meinen Freund Peter Pöhlmann (SPD), der war für jedes Gefecht zu haben. Aber immer in aller Freundschaft.

Warum haben Sie so spät - erst 1996 - Ihre Liebe für die Kreispolitik entdeckt?
Das ging nicht anders, weil mein Bruder schon im Kreistag war und enge Verwandte nicht gemeinsam in einem Kommunalparlament sein durften.

Ist es Ihre freie Entscheidung gewesen, sich aus der Politik zurückzuziehen? Oder hat die Partei gesagt, das "Kalkwerk" (O-Ton Protzner) brauchen wir nicht mehr?
Ich wollte es vermeiden, dass das einer mal mit Recht zu mir sagt. 42 Jahre sind lange genug.

Hat Ihnen die Kommunalpolitik immer genügt? Oder wären Sie 1984 gerne Europa-Abgeordneter geworden? Hat Sie die Partei damals hängengelassen?
Naja, ich hatte ja nur eine Stimme weniger als Franz Ludwig Schenk Graf von Stauffenberg. Die Partei war anständig zu mir. Ich bin auf Kulmbach fixiert. Die Region ist meine Heimat geworden, sie ist wunderschön, da hänge ich dran. Ich hatte auch Angst, dass ich mich verhebe in der großen Politik und demagogische Züge reinkommen, die ich nicht haben will.

Entschädigt worden sind Sie für das entgangene Europamandat nie.
Nein, das war mir aber auch wurscht. Ich bin als armes Flüchtlingskind hierher gekommen. Aus mir ist mit Gottes Segen, Glück und Fleiß was geworden, und dafür muss man der Gesellschaft etwas zurückgeben. Mein Job war die Kommunalpolitik, das habe ich gern gemacht.

Heute weitgehend vergessen, haben Sie und Ihr Bruder Bernd mit der Organisation der Kulmbacher Sommergespräche auf der Plassenburg in den achtziger Jahren Brücken nach drüben gebaut. Zu Gast sind immer auch hochrangige Funktionäre aus der DDR gewesen. Haben Sie sich nach der Wende als Visionär gefühlt?
Keiner von uns hat damals daran gedacht, dass so etwas wie der Fall der Mauer passieren könnte. Unsere Vision war es, die Grenzen durchlässiger zu machen. Wir wussten nicht, dass gleichzeitig - mit Rückendeckung von Franz Josef Strauß - ein "Länderspiel" im Gange war: Es sollte eine Sonderwirtschaftsszone aus Südthüringen, Vogtland und Oberfranken mit Bamberg als Freihafen entstehen. Das haben wir alles erst nach der Wende erfahren. Wir wollten dasselbe, haben es uns aber nie zu sagen getraut.

Sie sind ein überzeugter Kulmbacher und Franke. Haben Sie nicht Sorge, dass unsere Region weiter abgehängt wird?
Ich habe es schon öfter im Stadtrat gesagt, dass wir den Heimatminister Söder beim Wort nehmen sollten. Er hat angekündigt, dass Behörden und Hochschuleinrichtungen aufs flache Land verlagert werden. Der Umzug von Behörden bringt nichts. Die Ministeriali pendeln oder warten die nächste Versetzung ab, um nach München zurückzugehen. Wir brauchen Studenten in Kulmbach - 1000 Studenten-Äquivalente, dann sind wir alle Sorgen los. 300 haben wir schon - zum Beispiel mit der PTA-Schule und dem Max-Rubner-Institut. Wir müssen uns aber auf die zwei Felder begrenzen: auf Lebensmittel - auch die Frage: Was ist gutes Essen? - sowie auf Heizung und Energie. Wir brauchen eine enge Verzahnung mit den oberfränkischen Hochschulen und Universitäten. Vor 40 Jahren waren wir schon einmal so weit, als die Uni Bayreuth gegründet wurde. Der damalige Präsident Wolff war richtig gierig, sich die Bundesanstalt für Fleischforschung als Fakultät einzuverleiben. Das ist in Kulmbach versaut worden.

Sollen wir nun ernsthaft glauben, dass Sie künftig als Hobbylandwirt nur noch Kartoffeln und Safran anbauen und am Kochtopf der "Erotik des Alters" (O-Ton Protzner) frönen werden?
Ich muss es glauben, weil ich vor zehn Jahren was falsch gemacht habe. Ich hätte mir für den Zeitpunkt meines Unruhestands eine Arbeit suchen sollen. Nicht, um Geld zu verdienen, sondern um zweimal in der Woche um halb sieben aufzustehen und irgendeiner Neigung nachzugehen. Zurzeit langweilt mich vieles. Damit muss ich leben.


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