Kulmbach

Kulmbacher Spende bringt Schlaganfallbetroffenen echte Hilfe

Um Schlaganfallbetroffenen zu helfen, hat die Firma Saum & Viebahn 15 000 Euro gespendet. Das Geld ermöglicht die Ausbildung ehrenamtlicher Helfer.
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Inge Biedermann (Mitte) hat seit ihrem Schlaganfall große Fortschritte gemacht. Ihre liebste Beschäftigung ist das Kartenspielen mit Tochter Heike (links). Pia Schmidt von der Kirchlichen Allgemeinen Sozialarbeit darf beim Besuch im Mainpark eine Runde mitspielen. Foto: Dagmar Besand
Inge Biedermann (Mitte) hat seit ihrem Schlaganfall große Fortschritte gemacht. Ihre liebste Beschäftigung ist das Kartenspielen mit Tochter Heike (links). Pia Schmidt von der Kirchlichen Allgemeinen Sozialarbeit darf beim Besuch im Mainpark eine Runde mitspielen. Foto: Dagmar Besand

Die Katastrophe kam ohne Vorwarnung im März 2016. Inge Biedermann ist zu Hause, will eine Tablette schlucken - und kann es plötzlich nicht mehr. Das Wasser läuft aus dem Mund, sie kann die rechte Körperhälfte nicht kontrollieren. Die 72-Jährige hat einen Schlaganfall erlitten.

Glücklicherweise ist sie nicht allein. Notruf, Klinikum, Reha. Danach die Erkenntnis: Die Seniorin kann nicht länger selbstständig allein in ihrer Wohnung bleiben. Sie zieht ins Pflegeheim im Mainpark.

Viele Fragen, viel Rennerei

Die neue Situation bringt große Veränderungen - für die ganze Familie. Tochter Heike ist ständig gefordert, Dinge zu organisieren, läuft von Institution zu Institution, um sich zu informieren und Anträge zu stellen. "Das war viel Rennerei. Ich war anfangs überfordert und habe ein Jahr gebraucht, bis ich mit allem zurecht gekommen bin", erzählt Heike Biedermann. Heute ist alles geregelt. Fast täglich besucht die 41-Jährige ihre Mutter im Heim. "Aber es war ein schwerer Weg - für uns beide."

Damit es Betroffene und ihre Angehörigen künftig leichter haben, organisiert die Diakonie jetzt eine Ausbildung für ehrenamtliche Schlaganfallhelfer. Finanziell ermöglicht wird dieses ehrgeizige Projekt durch eine großzügige Spende der Firma Saum & Viebahn an "Franken helfen Franken", den Spendenverein der Mediengruppe Oberfranken, der das Geld zweckgebunden für die Unterstützung Schlaganfallbetroffener an die Kirchliche Allgemeine Sozialarbeit (KASA) weitergab.

Susanne Schicker-Westhoff, geschäftsführende Gesellschafterin des Unternehmens, ist das Thema ein großes persönliches Anliegen. Sie hat in der eigenen Familie die Folgen eines solchen Schicksalsschlags erlebt und erfahren, wie schnell Krankenkassen die Patienten als "austherapiert" einstufen und Leistungen einstellen. Sie möchte mit der Spende ermöglichen, dass das Thema stärker ins öffentliche Bewusstsein rückt und auch diejenigen umfassende Hilfe bekommen, die sich das aus eigener Kraft nicht leisten können.

Mit einem Teil des Geldes werden Angebote der Schlaganfallselbsthilfegruppe Kulmbach unterstützt, ein Teil wird für Einzelfallhilfen verwendet. Der Löwenanteil fließt jedoch in die Schlaganfallhelfer-Ausbildung, denn der Spenderin ist wichtig, dass mit dem Geld nachhaltig Verbesserungen für Betroffene und ihre Angehörigen erzielt werden.

Durch das Gesundheitsmagazin "Thala" der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe wurde KASA-Leiterin Pia Schmidt auf ein Pilotprojekt im Landkreis Ansbach aufmerksam. Sie nahm Kontakt zum dortigen Projektinitiator, dem Neurologen Udo Feldheim, und zur Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe auf.

"Alle Kooperationspartner waren von der Idee begeistert und haben zügig mit der Planung begonnen", so Pia Schmidt. "Durch die Begleitung der Schlaganfall-Helfer wird den Betroffenen im Alltag, bei konkreten Problemen und emotionalen Herausforderungen direkt und menschlich geholfen." Dies entspreche genau der Zielsetzung der Spende.

Was tut ein Schlaganfall-Helfer?

Schlaganfall-Helfer sind speziell geschulte Ehrenamtliche, die persönlichen Kontakt zum Patienten aufnehmen, nachdem dieser aus der Klinik und der Rehabilitation entlassen worden ist. "Der Kerngedanke ist die Hilfe zur Selbsthilfe der Familien und die Begleitung des Patienten bei der Rückgewinnung von Mobilität sowie Selbstständigkeit im Alltag", so Brigitte Mohn, Kuratoriumsvorsitzende der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe. Die Stiftung hat das Schulungskonzept entwickelt, das auch beim Kulmbacher Ehrenamtsprojekt zum Tragen kommen soll.

Welche Voraussetzungen müssen Interessierte mitbringen, die die Ausbildung machen möchten? "Die Teilnehmer brauchen weder Vorkenntnisse noch medizinisches Fachwissen. Sie müssen nur den Willen haben, fachkundig helfen und Betroffenen beistehen zu wollen", sagt Pia Schmidt. Alle Kosten sind über die Spende abgedeckt.

Das erste unverbindliche Treffen für alle Interessierten zum Kennenlernen und Informationsaustausch findet statt am Montag, 10. Dezember, um 15 Uhr im Café der Seniorenwohnanlage Mainpark. Dabei werden auch die Schulungsinhalte vorgestellt. Dazu gehören Informationen über das Krankheitsbild Schlaganfall, Therapie und Rehabilitation, Psychologie, Kommunikation mit Betroffenen, Heil- und Hilfsmittelversorgung sowie rechtliche Fragen.

Heike Biedermann wäre froh gewesen, wenn es schon Schlaganfallhelfer gegeben hätte, als sie plötzlich mit der Erkrankung ihrer Mutter konfrontiert wurde. "Das wäre eine wertvolle Hilfe gewesen. Ich hätte vieles schneller gewusst und einen Ansprechpartner für alles gehabt", sagt die 41-Jährige. "Ich finde es klasse, dass es so etwas künftig in Kulmbach geben wird!"

Anmeldung Ansprechpartner für Interessierte sind Pia Schmidt, Telefon 09221 / 605-77-73, p.schmidt@diakonie-kulmbach.de, und Jürgen Konrad, Telefon 09221 / 827-35-40, konrad@diakonie-kulmbach.de.

Keine Randgruppe

"Viele Schlaganfall-Patienten stehen nach Krankenhaus und Rehabilitation mit ihren Problemen allein da", bedauert Chefarzt Christian Konhäuser. Der Neurologe vom Klinikum Kulmbach ist sehr angetan von der Idee der Schlaganfallhelfer-Ausbildung.

Die Fallzahlen steigen

Gebraucht werden die Helfer auf jeden Fall. Schlaganfallpatienten sind keine Randgruppe: "Von 2000 stationären Patienten in unserer Klinik für Neurologie haben rund 500 einen Schlaganfall erlitten", so der Experte. Und die Fallzahlen steigen von Jahr zu Jahr.

Nach einem Schlaganfall bleiben oft neurologische Schäden, die sich nicht mehr oder nur teilweise zurückbilden. Es kommt zu Behinderungen beim Sprechen, Gehen oder Verstehen, zu Lähmungen oder dauerhaften schmerzenden Muskelverkrampfungen.

In Kooperation mit der Klinik für Neurologie am Klinikum und dem dortigen Sozialdienst können Schlaganfallbetroffene unbürokratisch und schnell Hilfe bekommen. Beispiel: Alleinstehende Patienten kommen aus der Rehaklinik zurück in ihre Wohnung, können den Alltag noch nicht allein meistern, erhalten aber auch keine Leistungen der Pflegeversicherung. "In diesen Fällen können wir den familienentlastenden Dienst schicken, der einkauft oder zum Arzt begleitet, so Pia Schmidt von der Kirchlichen Allgemeinen Sozialarbeit.

Individuelle Hilfen

Wer sich diese Hilfe nicht leisten kann, wird mit der Spende von Saum & Viebahn an "Franken helfen Franken" unterstützt.

Am Klinikum Kulmbach ist die medizinische Betreuung der Schlaganfallpatienten fest etabliert. Seit vielen Jahren gibt es bereits eine Stroke Unit, die in diesem Jahr rezertifiziert wurde.

Wichtig: Gut betreut im Alltag

Was ist nach der Akutbetreuung und Reha wichtig für die Patienten? "Die weitere Versorgung zu Hause muss gut organisiert sein, unter Einbindung der Hausärzte und der niedergelassenen Neurologen", so Christian Konhäuser. Man dürfe die Betroffenen und ihre Angehörigen nicht allein lassen mit den vielen Problemen, die gemeistert werden müssen. Sie seien in dieser Situation stark gefordert.

"Die geplante Schlaganfallhelfer-Ausbildung der Diakonie für Laien ist medizinisch sehr zu begrüßen", sagt der Arzt. "Wenn es fachliche Fragen gibt, kann der Schlaganfall-Helfer frühzeitig über die Koordinationsstelle in der Klinik weitere Schritte anbahnen. Folgeereignisse oder beginnende Depressionen können so vermieden werden."



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