Kulmbach
Interview

Kulmbacher Selbsthilfegruppe kümmert sich um trauernde Kinder und Jugendliche

Die Johanniter-Unfall-Hilfe macht in Kulmbach ein Angebot für trauernde Kinde und Jugendliche. Wir haben mit Vertreterinnen des Vereins gesprochen.
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Trauernde Kinder und Jugendliche stehen im Mittelpunkt der Arbeit von Lacrima. Foto: Johanniter-Unfall-Hilfe
Trauernde Kinder und Jugendliche stehen im Mittelpunkt der Arbeit von Lacrima. Foto: Johanniter-Unfall-Hilfe
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Frau Goppert, was ist Lacrima?

Simone Goppert: Lacrima - Zentrum für trauernde Kinder und Jugendliche (Oberfranken) ist ein Angebot für trauernde Kinder und Jugendliche und deren Angehörige in Oberfranken. "Lacrima" leitet sich dabei vom lateinischen Wort für "Träne" ab, zudem steht das "Lac" für Lachen, "Freudentränen" - das Leben hat stets beide Seiten. Damit ist Lacrima ein Ort zum Trauern für Kinder, Jugendliche und deren Angehörige, denn oftmals ist der erste Impuls von Erwachsenen, Kinder vom Thema Sterben und Tod bei einem Todesfall in der Familie fernzuhalten. Doch es ist wichtig, bei diesem Thema auch mit den Kindern offen umzugehen und sich damit auseinanderzusetzen, denn wenn es zu einem Todesfall eines nahe stehenden Angehörigen in einer Familie kam, kann man nicht mehr vor dieser Thematik weglaufen. Lacrima möchte durch sein Angebot dabei helfen, betroffenen Familien wieder Mut für das weitere Leben zu geben und ihnen helfen, neue Kraft dafür zu schöpfen.

Seit wann gibt es das Angebot?

Lacrima in Oberfranken besteht seit Dezember 2016. Dabei startete Lacrima mit einer Kindergruppe im Raum Bamberg (Reckendorf). Eine weitere Kindergruppe gibt es seit Februar 2018 in Kulmbach - und eine Jugendgruppe, ebenfalls in Kulmbach, seit April 2018. Eine weitere Kindergruppe ist für den Raum Bayreuth ab Ende 2019/Anfang 2020 geplant. Seit 2007 ist das Angebot von Lacrima ein Teil der Johanniter. Mittlerweile gibt es deutschlandweit 13 Standorte von Lacrima.

An wen genau richtet sich das Angebot?

Lacrima richtet sich an trauernde Familien bzw. an trauernde Kinder und Jugendliche (Kindergruppe 5 bis 12 Jahre, Jugendgruppe 12 bis 18 Jahre). Parallel findet außerdem zu den Kindergruppen eine Angehörigengruppe statt. Dies ist wichtig, denn nicht nur die Kinder sollten sich in ihrer Trauer weiterentwickeln dürfen, sondern auch die Erwachsenen.

Neben den Gruppenangeboten bietet Lacrima aber auch Beratung für Familien im Trauerfall an, Seminare zum Thema Trauer, Tod und Trauerbegleitung für öffentliche Einrichtungen (zum Beispiel Kindergarten, Schule) und leistet Aufklärungsarbeit, um das Thema Tod und Trauer zu enttabuisieren und in der Gesellschaft wieder als ein Thema, das alle Menschen angeht und zum Leben dazu gehört, zu verankern. Sowie die Geburt zum Teil des menschlichen Lebens gehört, so ist auch das Sterben und der Tod ein Teil des menschlichen Seins, mit dem wir uns ebenfalls auseinandersetzen müssen.

Lacrima ist für Betroffene kostenfrei und konfessionell ungebunden. Eine Kostenfreiheit des Angebots ist deswegen so wichtig, weil die Betroffenen durch den Verlust eines Angehörigen meist ohnehin finanziell belastet sind, da das Einkommen eines Elternteils durch den Tod wegbricht. Somit ist es wichtig, dass das Angebot von Lacrima kostenfrei ist und bleibt.

Wie finanzieren Sie sich dann?

Wir sind auf Spenden angewiesen und auch spendenbasiert. Daher freut sich Lacrima nicht nur über ehrenamtliche Helfer und Helferinnen, sondern auch über Spenden, da wir so das Angebot von Lacrima weiter ausbauen und eine gute Betreuung der betroffenen Familien gewährleisten können.

Warum brauchen Kinder und Jugendliche eine solche Anlaufstelle?

Kinder und Jugendliche haben bei Lacrima die Möglichkeit, ihren eigenen Trauerweg zu finden und das Geschehene, den Tod eines nahen Angehörigen, akzeptieren zu lernen. Zudem sollen sie das Gefühl bekommen, entlastet zu werden, mal keine Verantwortung übernehmen zu müssen - zum Beispiel weil sie glauben, stark sein zu müssen, um nicht zur Last zu fallen - sondern das Gefühl in den Gruppen zu erhalten: jetzt geht es um mich.

Trauern Kinder anders als Erwachsene?

Ja - sie springen wie in Pfützen in die Trauer hinein und wieder heraus, sind kurze Zeit zutiefst traurig, dann wieder fröhlich. Außerdem wollen Kinder den Erwachsenen oft nicht zusätzlich zur Last fallen und verbergen häufig ihre Trauer vor ihren Angehörigen. Trauer muss jedoch verarbeitet werden, damit Kinder langfristig nicht an Leib und Seele erkranken.

Dabei ist die Stärke der ehrenamtlichen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen von Lacrima zu erkennen, wie es einem Kind gerade geht und was es braucht. Es handelt sich bei Lacrima nicht um eine Therapieform, sondern um eine Begleitung und Unterstützung, um den Kindern und Jugendlichen zu helfen, ihren individuellen Trauerweg zu finden. Die Kinder und Jugendlichen haben in den Gruppen bei Lacrima die Möglichkeit, ihrer Trauer über verschiedenen Kanäle Ausdruck zu verleihen, zum Beispiel über kreative Arbeiten (malen, basteln etc.), dem gesprochenen Wort, den Toberaum oder den Ruheraum.

Der Betreuungsschlüssel bei Lacrima ist in den Kindergruppen 2:1, das heißt auf einen ehrenamtlichen Mitarbeiter/eine ehrenamtliche Mitarbeiterin kommen maximal zwei Kinder, sodass eine intensive Betreuung durch Lacrima gewährleistet ist.

Wer betreut die Gruppen? Welche Qualifikation haben die Mitarbeiter?

Die Gruppen werden von ehrenamtlichen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen geleitet bzw. betreut, die zuvor eine Ausbildung bei Lacrima durchlaufen haben. Diese Ausbildung verläuft in drei Blöcken (Freitag, 18 bis 22 Uhr, Samstag und Sonntag, 9 bis 18 Uhr). Block 1 ist ein Selbsterfahrungskurs, Block 2 geht um unser Konzept und den theoretischen Hintergrund, Block 3 bietet Praxiswissen. Voraussetzungen für die Arbeit als Trauerbegleiter/Trauerbegleiterin sind:

• Volljährigkeit

• keine akute Trauer

• psychische Stabilität und Belastbarkeit

• Flexibilität, Kreativität und Zuverlässigkeit

Freude am Arbeiten in Teams

• pädagogische Erfahrungen mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen wäre wünschenswert

• Kommunikationsfreudigkeit

• Offenheit zum Thema "Trauer"

• Beobachtungs- und Wahrnehmungsgabe

Vor der Ausbildung findet ein Vorgespräch mit der Leitung für ein persönliches Kennenlernen statt und um abzuklären, ob die Arbeit bei Lacrima für den jeweiligen Bewerber/die Bewerberin geeignet ist.

Zudem finden regelmäßig Fortbildungsangebote für die bereits ausgebildeten Trauerbegleiter und Trauerbegleiterinnen statt sowie Supervision. Dabei dient die Supervision den Trauerbegleitern und Trauerbegleiterinnen beispielsweise als Möglichkeit, die eigene Arbeit zu reflektieren. So bietet sich auch die Möglichkeit ,das Erlebte und Gehörte in einem guten Rahmen besser zu verarbeiten.

Eine neue Ausbildung beginnt im Herbst 2019 zu folgenden Terminen: Block 1 vom 27. bis 29. September, Block 2 vom 11. bis 13. Oktober und Block 3 vom 8. bis 10. November.

Wie kann man Kontakt aufnehmen?

Kontakt erfolgt über die hauptamtliche Koordination bzw. Leitung von Lacrima. Derzeit über Simone Goppert, Psychologin und stellvertretende Leitung von Lacrima, da die bisherige Leitung, Vera Swaris, sich derzeit in Elternzeit befindet. Simone Goppert war bereits vor ihrer Tätigkeit als stellvertretende Leitung von Lacrima ehrenamtlich für Lacrima seit Dezember 2016 tätig.

Die Geschäftsstelle der Johanniter befindet sich in Bamberg. Betroffene Familien können sich dort unverbindlich, zunächst telefonisch, beraten lassen unter Telefon: 0951/20879874, Mobil: 0172/ 5368415, E-Mail: lacrima.oberfranken@johanniter.de

Wie geht es dann weiter?

Nach der telefonischen Kontaktaufnahme erfolgt ein persönliches Erstgespräch mit der jeweiligen Familie, in dem gemeinsam besprochen wird, ob Lacrima das richtige Angebot für die Familie ist und wann ein Einstieg in die Gruppe und an welchem Standort (möglichst ortsnah) erfolgen kann.

Auch Interessenten und Interessentinnen für eine ehrenamtliche Mitarbeit können sich jederzeit über die oben genannte Telefonnummer oder per E-Mail über Lacrima informieren. Ausbildungen finden in der Regel jährlich statt.

Des Weiteren können sich auch öffentliche Einrichtungen über die Kontaktmöglichkeiten von Lacrima melden und sich dort über unsere Angeboten zu Vorträgen und Workshops erkundigen.

Was können Erwachsene darüber hinaus tun, um trauernden Kindern und Jugendlichen zu helfen?

Wichtig ist es als Erwachsener, den Kindern und Jugendlichen zu vermitteln, dass sie über ihre Gefühle mit den Erwachsenen jederzeit sprechen können bzw. dürfen und dort eine Anlaufstelle haben. Die Kinder und Jugendlichen sollten das Gefühl bekommen, dass über das Thema und den Tod des Angehörigen offen gesprochen werden darf. Auch sollte man sich als Erwachsener bewusst sein, dass Kinder anders trauern und vielleicht kurzzeitig sehr traurig sind und dann wieder fröhlich. Dies stellt vor allem bei jüngeren Kindern eine normale Trauerreaktion dar.

Sollten Kinder mit zur Beerdigung gehen?

Nach einem Trauerfall ist es wichtig, den Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit zu geben, sich in Bezug auf den Verstorbenen verabschieden zu können und zu dürfen. Das heißt konkret, dass man das Kind bzw. den Jugendlichen beispielsweise fragen sollte, ob es/er mit auf die Beerdigung möchte. Keinesfalls sollte man die Kinder und Jugendlichen von der Beerdigung bewusst fernhalten aus Angst, die Beerdigung könnte eine Last für sie sein. Schön ist es außerdem, wenn die Kinder und Jugendlichen die Möglichkeit haben, ihrer Trauer auch zu Hause Ausdruck zu verleihen und zum Beispiel dort in kreativen Arbeiten dem Verstorbenen ein selbstgebasteltes Abschiedsgeschenk bei der Beerdigung mit auf dem Weg geben zu können.

Wie sind die ersten Erfahrungen mit der Gruppe?

Marion Herold: Die sind bei mir nun schon fast drei Jahre her. Was mich von Anfang an beeindruckt hat, war die echte Art der Kinder. Sie zeigen sich, wie sie gerade drauf sind. Und das ist das Schöne an diesem Ehrenamt: Es entstehen authentische Beziehungen. Bei uns brauchen die Kinder nichts vorspielen.

Was gibt Ihnen persönlich die Arbeit mit der Gruppe?

Wir lassen uns auf die individuelle Trauer jedes einzelnen Kindes ein. Da kann es einmal ganz ruhig zugehen - und dann wird wieder getobt oder gebastelt. Die Kinder haben Gleichgesinnte in der Gruppe und uns als Ansprechpartner. Es ist eine Herzensfreude, mitzuerleben, wie sich die Kinder im Lauf der Zeit entwickeln. Am Anfang nimmt die Trauer viel Raum ein, aber mit der Zeit rücken die alltäglichen Interessen (Fußball spielen, Zeit mit Freunden...) wieder mehr in den Vordergrund.

Die Trauerbegleitung ist eine sinnvolle Tätigkeit, die das eigene Herz berührt. Ich kann dieses Ehrenamt nur empfehlen und wünsche mir weitere Verstärkung durch Ehrenamtliche vor Ort/ aus dem Kulmbacher Raum. Deshalb wäre es schön, wenn sich Interessierte für die Ausbildung im September zur Verstärkung unseres Teams in Kulmbach anmelden.

Simone Goppert, stellvertretende Leitung Lacrima:

Simone Goppert ist Psychologin und Trainerin für Stressmanagement. Die 31-Jährige ist seit Dezember 2016 für Lacrima ehrenamtlich aktiv. Seit Mai 2019 ist sie als Elternzeitvertretung für Lacrima hauptamtlich tätig.

Marion Herold, ehrenamtliche Mitarbeiterin im Team von Lacrima am Standort Kulmbach)

Marion Herold ist 60 Jahre alt, verheiratet und hat eine Tochter. Nach einer Ausbildung in geistlicher Begleitung ist sie seit 2016 bei Lacrima.

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