Kulmbach
Jahrhundertprozess

Kulmbacher Mordfall Meußdoerffer ist ungelöst

Der Mordfall Meudoerffer hat in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts Kulmbach bewegt. Während die Polizei das Verbrechen am 4. November 1929 in der Villa am Schießgraben niedrig zu halten versuchte, ging die Justiz rigoros gegen Kommerzienrat Heinrich Meußdoerffer vor.
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Vor Gericht nehmen sie ihren Dienstherrn in Schutz und lenken den Verdacht auf zwei stadtbekannte Halunken: die beiden Mädchen Frieda Tauer und Margarete Ellner vor der Villa Meußdoerffer. Die Aufnahme entstand kurz vor der Mordtat.
Vor Gericht nehmen sie ihren Dienstherrn in Schutz und lenken den Verdacht auf zwei stadtbekannte Halunken: die beiden Mädchen Frieda Tauer und Margarete Ellner vor der Villa Meußdoerffer. Die Aufnahme entstand kurz vor der Mordtat.
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Die Gerüchteküche brodelt, doch die Kulmbacher Presse schweigt. Erst vier Tage nach dem mysteriösen Tod Margarete Meußdoerffers am 8. November 1929 wartet die Bayerische Rundschau mit einer knappen Meldung auf: "Verdachtsgründe gegen Ehemann durch die Bayreuther Staatsanwaltschaft." Die Tendenz zur publizistischen Abwiegelung lässt sich auch in den BR-Kommentaren der nächsten Tage beobachten: Man kritisiert die Sensationsgeilheit vieler deutscher Zeitungen, die den Fall puschen. Am 12. November darf sich der Verteidiger Heinrich Meußdoerffers - Dr. Greifenstein - ausführlich äußern. Er tritt allen Spekulationen entgegen: äußerst glückliche Ehe, beste Geschäftsentwicklung der Mönchshof, keine dem Ehemann zufließende Lebensversicherung.

Gewürgt, geknebelt, gefesselt

Das Unbehagen, gegen eine der einflussreichsten Fabrikanten-Familien ermitteln zu müssen, lässt sich auch bei dem Kulmbacher Kripo-Chef Hans Schiffner beobachten. Eher zögerlich reagiert er auf das Unerhörte. Am 4. November will der 67-jährige Heinrich Meußdoerffer bei der Rückkehr von der Schafkopf-Runde um 22.50 Uhr seine Frau mit Würgespuren geknebelt und gefesselt auf ihrem Bett im Schlafzimmer gefunden haben. Er befreit sie von der Gardinenschnur um ihre Handgelenke, den Knebel löst er nicht. Danach durchsucht er die Villa nach Einbrechern. Ohne Ergebnis.

Als er zu seiner Frau zurückkehrt, ist sie tot. Wie narkotisiert trinkt er ein Bier nach dem anderen, bevor er mitten in der Nacht die beiden Dienstmädchen Frieda Tauer und Margarete Ellner weckt). Erst um 7.30 Uhr ruft er einen Arzt herbei, Dr. Seidel, der nach einer ersten Untersuchung der Leiche die Kriminalpolizei verständigt. Hans Schiffner untersucht den Tatort nur flüchtig. Danach verständigt er die Staatsanwaltschaft in Bayreuth - froh, die Verantwortung los zu sein.

Die Sache stinkt

Der leitende Oberstaatsanwalt von Rebey zieht den Fall an sich und geht rigoros gegen Heinrich Meußdoerffer vor. Zu seltsam erscheint ihm das Verhalten des Kommerzienrates, der nach dem Auffinden seiner schwer misshandelten Frau keinen Notarzt und die Polizei alarmiert, sondern sich schwer betrinkt und erst am Morgen zum Telefon greift. Der Oberstaatsanwalt ist sich sicher: Die Sache stinkt. Er hat den Verdacht, Meußdoerffer habe seine Frau umgebracht. Er lässt ihre Leiche exhumieren und durch weitere gerichtsmedizinische Sachverständige obduzieren. Zwei Gutachten sind eindeutig: vorsätzliche Erstickung. Das dritte geht von einer Herzlähmung bei vorhandener Herzschwäche aus. Am 5. November erzwingt von Rebey beim Landgericht einen Haftbefehl gegen Meußdoerffer. Vier Monate muss er in U-Haft verbringen. Haftbeschwerden der Verteidigung werden abgeschmettert.

Sensationelle Wende

Dann eine sensationelle Wende: Oberkommissar Schiffner hat den begründeten Verdacht, dass zwei stadtbekannte Halunken - Hans Popp und Fritz Schuberth (beide wegen Einbruchdiebstahl vorbestraft) - in der Mord-Nacht in die Villa eingestiegen sind. Trotz erheblicher Bedenken von Rebeys wird am 8. Januar 1930 gegen sie Strafanzeige wegen "räuberischen Überfalls mit Todesfolge" erstattet. Nach massiven Verhören sind beide geständig. Die in Bayreuth erscheinende "Fränkische Volksbühne", ein linksorientiertes Blatt, spricht von Schiebung.

Am 3. Februar 1930 zitiert das Blatt Gerüchte, Meußdoerffer habe die beiden mit 6000 Mark bestochen, dass sie den Mord auf ihre Kappe nähmen. Das Verwirrspiel nimmt noch zu, als Popp und Schuberth die Geständnisse widerrufen. Mitten in dieser sensiblen Phase der Voruntersuchung fliegt das Wohnhaus von Hans Popp und Fritz Schuberth im Oberhacken 9 auf mysteriöse Weise in die Luft.

Erdrosselung oder Herztod?

Der Mordprozess beim Landgericht Bayreuth erstreckt sich über 41 Tage. Meußdoerffer wird dabei auf doppelte Weise entlastet: Erstens dadurch, dass sich die Verhandlung auf die beiden Einbrecher konzentriert. Zweitens, dass sich die medizinischen Experten über die Todesursache von Margarete Meußdoerffer nicht einig sind. Liegt ein Erstickungstod vor, der die Mordtheorie von Rebeys stützt? Oder ist sie - die an einer Herzklappen-Fehler leidet - an Herzinsuffizienz gestorben, hervorgerufen durch die Aufregung und die Misshandlung beim Raubüberfall, wie es die Gutachter der Verteidigung behaupten? Tagelang schlagen sich die gerichtsmedizinischen Experten ihre Sektions-Befunde um die Ohren. Am Ende sind die Herztod-Vertreter, Geheimrat Borst und Professor Kirch, Direktor des Pathologischen Instituts Erlangen, für das Gericht überzeugender.

Am 8. Juli 1930 werden Fritz Schuberth und Hans Popp wegen "schweren Raubs mit Todesfolge" zu viereinhalb bzw. sechs Jahren Zuchthaus verurteilt. Heinrich Meußdoerffer wird "außer Verfolgung gesetzt" - ein Freispruch zweiter oder gar dritter Klasse. Beendet hat der Urteilsspruch die Spekulationen nicht. Im Gegenteil: Mehrere Zeitzeugen können sich dafür verbürgen, dass ein Buch (vermutlich: "Die Wahrheit über den Fall Meußdoerffer") erschienen ist, das von der Polizei nach einer Beschwerde der Familie konfisziert worden ist.


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