Kulmbach

Kulmbacher machten einst Malztest mit der Lederhose

In der Kulmbacher Grabenstraße wohnten früher Bierkieser. Sie hatten zu überwachen, dass beim Brauen des Gerstensafts nicht gepanscht wurde.
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Das Gebäude Grabenstraße 9 steht an markanter Stelle mitten in Kulmbach. Foto: Erich Olbrich
Das Gebäude Grabenstraße 9 steht an markanter Stelle mitten in Kulmbach. Foto: Erich Olbrich
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Marcus OlbrichEin markantes Gebäude steht in der Kulmbacher Grabenstraße und trägt die Hausnummer 9. Erstmals erwähnt wurde es im Jahr 1564, als die Schmiedemeisterswitwe Heutsch ihr Vermögen versteuerte. Von da an bis 1882 bewohnten Schmiedemeister das Anwesen.

Die Lage war für die damalige Zeit vollkommen gut gewählt, durften doch Schmieden nur am Rande der Stadt oder außerhalb der Stadtmauer betrieben werden. Im Häuserbuch von Richard Lenker wird ab 1794 der Hufschmied Lorenz Hagen genannt, der 1842 an den Schmiedemeister Carl Traugott Wilsdorf verkaufte.

Der letzte Schmied hieß Wilsdorf

Dieser war der Letzte aus der Schmiedezunft und außerdem Großvater von Hans Wilsdorf, dem Gründer der heute weltberühmten Uhrenfirma Rolex. Carl Traugott Wilsdorf eröffnete später eine Eisenwarenhandlung am Marktplatz. Heute befindet sich dort die Metzgerei Lauterbach.

1882 erwarb der Bäcker und Bierbrauer Paulus Semmelroch das Anwesen Grabenstraße 9. Er wurde vom Magistrat 1866 zum Bierkieser bestellt. Als Bierkieser, Bierbeschauer oder auch Bierherren wurden brauende Bürger bezeichnet, die in den Schanklokalen Gerstensäfte anderer Brauer auf Geschmack und Unverdorbenheit zu prüfen hatten.

Mit Zunge und Gaumen

Dies sollte mit Hilfe der Geschmackswerkzeuge Zunge und Gaumen geschehen, um danach der Polizeibehörde ein sachverständiges Gutachten über die Güte des Bieres und die Einhaltung des Reinheitsgebotes geben zu können.

Da im 15. und 16. Jahrhundert "Bierpanscherei" nicht gerade selten war, haben angeblich einige Bierkieser das zu prüfende Bier auf eine originelle, aber doch recht zweifelhafte Methode untersucht. Drei Mann, in Lederhosen gekleidet, trafen sich beim Brauer, eine Bank wurde aufgestellt und ein Krug mit Bier darüber vergossen. Dann setzten die drei Herren sich darauf.

Nach zwei Stunden sprangen sie in die Höhe. Blieb die Bank an den Lederhosen kleben, war genügend Malz im Bier und das Gebräu hatte den Test bestanden. Es gab halt damals schon tolle Berufe ...

1890 wurde in der Grabenstraße 9 der Braubetrieb eingestellt, nur noch die Bäckerei und die Gastwirtschaft betrieben. Zum Ausschank kamen Biere der Mönchshofbrauerei.

1911 erwarb der Forstlahmer Metzgermeister Georg Hübner den Besitz. Noch bis 1992 betrieb die Familie Hübner die Gaststätte.

Umsatzfördernde Schiefertafel

Unvergessen ist eine Geschichte aus der Kulmbacher Bierfestzeit, als der Schwiegersohn der Hübners, Hans Biedermann, mit seiner umsatzfördernden Schiefertafel "Morgen gibt's Freibier" den Ausschank im Freien betrieb.

Heute befindet sich in den Räumen der Gastwirtschaft das "Patchwork" von Britta und Oliver Weschenfelder.

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