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Weidenberg
Schicksal

Kulmbacher Kreißsaal-Drama: In die Trauer mischt sich Wut

Vor etwa drei Monaten verlor Robby Handschuh Partnerin und Kind kurz nach der Geburt. Noch immer ist nicht abschließend geklärt, was an diesem Tag im Kulmbacher Klinikum passiert ist. Der Witwer möchte endlich Gewissheit. Mit uns hat er exklusiv gesprochen.
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Robby Handschuh will stark bleiben. Nicht immer gelingt das, vor allem im ursprünglich gemeinsamen Heim. Und erst recht nicht, solange für den 36-Jährigen nicht zweifellos geklärt ist, was an jenem Tag im Kulmbacher Klinikum passiert ist.Matthias Hoch
Robby Handschuh will stark bleiben. Nicht immer gelingt das, vor allem im ursprünglich gemeinsamen Heim. Und erst recht nicht, solange für den 36-Jährigen nicht zweifellos geklärt ist, was an jenem Tag im Kulmbacher Klinikum passiert ist.Matthias Hoch
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Es macht ihn jedes Mal fertig, wenn er die Geschichte erzählt. Aber Robby Handschuh will sich mitteilen. Nicht, weil er sein Leid mit aller Welt teilen möchte. Zwar liegt ihm schweigen naturgemäß nicht besonders, aber das ist nicht der Grund. Der 36-Jährige hadert noch immer mit dem Thema Schuld. Was ist 8. Dezember im Kulmbacher Klinikum wirklich passiert? Diese Frage quält ihn seither Tag und Nacht. Weil er noch immer nicht nachvollziehen kann, wieso die beiden sterben mussten.

Immer wieder springen seine Gedanken zu jenem Samstag vor drei Monaten, an dem er den Kreißsaal nicht als stolzer Papa verlassen durfte. Sondern als trauernder Mann, der gerade Frau und Kind verloren hat. Als gebrochener Mann? "Nein, mich hat das Leben schon oft gebeutelt", erzählt er. "Aber ich lasse mich nicht gehen, aufgeben kommt nicht infrage." Das, so sagt er, sei er schon alleine seiner Regina schuldig. "Sie hat mich immer ihren Don Quijote genannt, weil ich mich nicht unterkriegen lasse."

Die Geschichte des 36-Jährigen klingt tragisch. Seit er 16 Jahre als ist, schlägt er sich alleine durch, hat nach eigenen Angaben "schon einige falsche Entscheidungen in seinem Leben getroffen" und ist schon öfter "auf die Schnauze gefallen". Zuletzt lief es gut. Die Beziehung zu Regina erdete ihn, die bevorstehenden Vaterfreuden machten ihn glücklich. Dann sind die 32-Jährige und der gemeinsame Sohn Ferdinand im Kulmbacher Klinikum gestorben. Der Junge kurz nach der Geburt, die Mutter nach einer Notoperation nur wenige Stunden später.

Handschuh versucht gar nicht, die Tränen zu unterdrücken. Zwar hat ihn der Alltag längst eingeholt. Zu viel Offizielles ist zu klären. An erholsamen Schlaf ist seither nicht zu denken. "Ich spüre, dass Regina und der kleine Mann bei mir sind. Auf irgendeine Art und Weise", sagt er. Zwei kleine Engelsfiguren helfen ihm bei dieser Vorstellung.

"Viele Menschen, auch Leute, die ich gar nicht kenne, haben mir ihre Anteilnahme ausgedrückt", erzählt er. Auch Leser und Leserinnen unserer Zeitung haben im Rahmen von "Franken helfen Franken" für den Witwer gespendet. Das Geld kann er gut gebrauchen, Anwälte und Grabpflege sind teuer. Und ein Happy End ist vorerst nicht in Sicht. Denn schon folgt die nächste Hiobsbotschaft. "Ab März werde ich meinen Job los sein", erzählt er trocken. Dem Chef tue es leid, aber es ginge gerade wohl nicht anders. Das ist bitter, weil ihn die Arbeit ablenkt, vom Grübeln abhält. Nun möchte Handschuh einen Psychologen aufsuchen. Selbst wenn er, wie er sagt, keinen brauche. "Um mit jemandem zu quatschen, der ein bisschen Abstand zum Thema hat."

Den Schicksalsschlag verarbeiten wird er so schnell nicht können. "Nicht solange nicht zweifelsfrei geklärt ist, was an diesem Tag im Klinikum passiert ist", sagt Handschuh. In seine traurige Stimme mischt sich Wut. "Sie haben Scheiße gebaut und dafür sollen sie geradestehen." Er will einen Nachweis dafür, dass der Tod seiner Lieben nicht hätte verhindert werden können. Notfalls vor Gericht.

Ein Gutachten des Rechtsmedizinischen Instituts in Erlangen hatte die Mitarbeiter des Kulmbacher Klinikums entlastet. Demnach erlag das Neugeborene einem Blutstau im Gehirn. Die Mutter starb an inneren Blutungen, hieß es. Die Erlanger Gutachter sprechen von einem "außergewöhnlichen Zusammentreffen tragischer Umstände". Dies bestätigte der Leitende Staatsanwalt in Bayreuth, Herbert Potzel. Seine Behörde hat damals die Ermittlungen aufgenommen, nachdem das Kulmbacher Klinikum selbst die Polizei gerufen hatte. Zu den Akten gelegt hat Potzel den Fall noch nicht. Der Leitende Oberstaatsanwalt wartet noch auf das Ergebnis eines zweiten Gutachtens. "Das kann aber sicher noch zwei Wochen dauern", meint er auf Anfrage unserer Zeitung.