Kulmbach
Interview

Kulmbacher Jugendamt: Das Kindeswohl ist oft gefährdet

Die Chaos-Kids haben bundesweit für Schlagzeilen gesorgt. Klaus Schröder, der Leiter des Jugendamts, spricht über die Handlungsmöglichkeiten und macht deutlich, dass es tendenziell in immer mehr Familien Probleme gibt.
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Ist das Kindeswohl gefährdet, muss das Jugendamt eingreifen. Foto: Archiv
Ist das Kindeswohl gefährdet, muss das Jugendamt eingreifen. Foto: Archiv
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Werden die Chaos-Kids, die Mitte August in Ziegelhütten gezündelt, geklaut und zerstört haben, aus ihrer Familie herausgenommen? Eine Frage, die sich viele stellen, die von dem Fall erfahren haben, der bundesweit für Schlagzeilen gesorgt hat. Zurzeit sollen die beiden Vier- und Sechsjährigen (noch???) bei der Mutter leben.

Zu dem konkreten Fall äußert sich das Jugendamt nicht. Dessen Chef Klaus Schröder stellt im Interview jedoch dar, welche Handlungsmöglichkeiten das Jugendamt grundsätzlich hat. Und er macht deutlich, dass die Zahl der Hinweise auf eine Kindeswohlgefährdung auch im Landkreis Kulmbach steigt. Herr Schröder, die beiden Vier- und Sechsjährigen, die ein Feuer gelegt, Autos zerkratzt und einen Keller unter Wasser gesetzt haben, haben für ein riesiges Medienecho gesorgt. Hat Sie das überrascht? Klaus Schröder: Eigentlich nicht. Es war ein Fall, dem die Medien im Sommerloch ausreichend Platz eingeräumt haben. Wären es 16-Jährige gewesen, die das Chaos angerichtet hätten, wäre das kein so großes Thema gewesen. Da es sich um kleine Buben gehandelt hat, war das für die Journalisten ein gefundenes Fressen. Die Chaos-Kinds sind sicherlich ein Sonderfall. Generell haben die Jugendämter aber viel zu tun. Eine neue Statistik sagt aus, dass die Zahl der Kindeswohlgefährdungen bundesweit zugenommen hat. Ist das auch in Kulmbach der Fall? Das ist eine Tendenz, die auch wir feststellen. Seit zehn Jahren registrieren wir einen leichten Anstieg. Allein im vergangenen Jahr haben wir 154 Hinweise auf eine Kindeswohlgefährdung bekommen, denen wir nachgegangen sind. Solche Fälle haben oberste Priorität - egal ob es sich um einen Säugling oder um einen 16-Jährigen dreht. Darunter sind auch Fälle, bei denen es sich um sexuellen Missbrauch oder eine schwere körperliche Misshandlung gehandelt hat. Man will ja kein Denunziant sein. Wie verhält man sich aber, wenn man als Nachbar den Verdacht hegt, dass im Haus nebenan etwas nicht stimmt? Wir sind für jeden Hinweis dankbar, ob er nun aus dem Kindergarten, der Schule oder auch vom Nachbarn kommt - auch wenn er anonym ist. Wir gehen diesen Hinweisen in jedem Fall nach. Bestenfalls stellt sich dann heraus, dass der Verdacht unbegründet ist. Die Frage, die sich viele stellen: Was ist mit den Ziegelhüttener Kindern passiert? Es hieß, dass auch eine Herausnahme aus der Familie und die Unterbringung in einem Heim oder einer Pflegefamilie im Raum steht. Ich bitte um Verständnis, dass wir zu dem konkreten Fall aus Gründen des Datenschutzes nichts sagen dürfen. Nur eines: Wir stehen mit der Familie in Kontakt und werden mir ihr noch länger zu tun haben.

Grundsätzlich muss man sagen, dass es viele verschiedene Wege gibt, die eingeleitet werden können. Da gibt es die ambulante Erziehungshilfe für die Eltern, die teilstationäre Betreuung der Kinder oder auch die Unterbringung in einer Pflegefamilie oder einem Kinderheim.

Generell ist es das vorderste Ziel, das Verbleiben in der Familie zu ermöglichen. Ist das nicht möglich, müssen andere Optionen geprüft werden, die dann möglichst einvernehmlich mit Vater und Mutter getroffen werden. Sind diese nicht kooperationsbereit, haben wir die Möglichkeit, eine Entscheidung über das Familiengericht herbeizuführen. Müssen Kinder ins Heim oder in eine Pflegefamilie, ist es für die Familie der gravierendste Eingriff. Es ist die weitreichendste Maßnahme, die aber nicht immer von allen Parteien als schlimmster Eingriff empfunden wird. Oft sind die Eltern überfordert und froh, wenn die Kinder andernorts betreut werden. Manchmal wenden sich auch die Kinder an uns und sagen, dass sie es zuhause nicht mehr aushalten. Und dann gibt es die Fälle, in denen wir einschreiten und nach eingehender Prüfung feststellen, dass ein Miteinander in der momentanen Situation nicht mehr möglich ist. Jugendämter haben da keine leichte Aufgabe und stehen nicht selten in der Kritik. Und können sich bei Vorwürfen oft nicht öffentlich äußern, weil sie aus datenschutzrechtlichen Gründen zu Einzelfällen keine Stellung nehmen dürfen. Einmal heißt es, wir würden zu früh eingreifen und Familien auseinanderreißen. Ein anderes Mal wird uns vorgeworfen, dass wir zu spät Maßnahmen initiieren und das Wohl des Kindes so gefährden. Den exakt richtigen Zeitpunkt zu finden, ist nicht leicht. Es ist oft eine Gratwanderung, denn eine Patentlösung gibt es bei unserer Arbeit nicht. Wir müssen von Einzelfall zu Einzelfall entscheiden, dabei auch überprüfen, welche Bereitschaft die Familie zeigt, welche Ressourcen sie hat, um an einer Problemlösung mitzuarbeiten. Und wir müssen das Elternrecht beachten, das in Artikel 6 im Grundgesetz klar geregelt ist. Dort heißt es: "Gegen den Willen der Erziehungsberechtigten dürfen Kinder nur auf Grund eines Gesetzes von der Familie getrennt werden, wenn die Erziehungsberechtigten versagen oder wenn die Kinder aus anderen Gründen zu verwahrlosen drohen." Wie oft kommt es denn vor, dass Kinder und Jugendliche aus einer Familie genommen werden? 78 Kinder und Jugendliche sind im Landkreis derzeit fremdbetreut. Das heißt, sie leben in Heimen oder Pflegefamilien. Welche Möglichkeiten hat das Jugendamt, wenn bei besonders schweren Verdachtsfällen wie einem sexuellen Missbrauch oder einer schweren körperlichen Misshandlung schnell gehandelt werden muss? In Notsituationen bleibt uns die Inobhutnahme, die vorläufige Aufnahme und Unterbringung eines Kindes oder Jugendlichen durch das Jugendamt. Ist das Wohl des Kindes in akuter Gefahr, dann müssen wir natürlich unverzüglich handeln.

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