Kulmbach
Asyl

Kulmbacher Initiative für Flüchtlinge: Von Freunden lernt sich's leichter

Sprache, Kultur, Alltagsfragen: Wo Einheimische Geflüchtete auf ihrem Weg in ein neues Leben begleiten, klappt es mit der Integration fast von selbst.
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Deutsch sprechen und Deutschland verstehen: Maissa Mamia nutzt jedes Gespräch mit ihrer Freundin Jenny Baumüller dafür. Foto: Dagmar Besand
Deutsch sprechen und Deutschland verstehen: Maissa Mamia nutzt jedes Gespräch mit ihrer Freundin Jenny Baumüller dafür. Foto: Dagmar Besand
Jenny Baumüller und Maissa Mamia sind gute Freundinnen. Sie kennen sich seit drei Jahren - seit Maissa mit ihrem Mann und ihren Kindern aus Syrien geflohen und nach Kulmbach gekommen ist. Die 42-Jährige hat für ein Leben in Sicherheit viel aufgegeben: die Nähe zu ihrer Großfamilie und ihren Freunden, ihren Arbeitsplatz als Schulleiterin in Damaskus, ihr Haus samt Hab und Gut.

Maissa Mamia vermisst all das, und doch ist Kulmbach für sie eine neue Heimat geworden. Dass sie das so empfindet, hat viel damit zu tun, dass sie hier gute Freunde gefunden hat. Jenny Baumüller ist eine von ihnen. Die 33-Jährige ist Vertraute und Ansprechpartnerin im Alltag. Sie kann oft mit einem guten Rat helfen, Dinge erklären.

Die sympathische Syrerin spricht inzwischen sehr gut Deutsch, arbeitet wieder als Lehrerin. "Die Sprache ist der Schlüssel zu allem", sagt sie, und deshalb freut sie sich über jedes Gespräch mit Jenny, um sattelfester im Deutschen zu werden.


Die Menschen verstehen

"Persönliche Kontakte sind entscheidend, um zu verstehen, warum Menschen geflüchtet sind und was sie brauchen", sagt Jenny Baumüller, die ihre Freundschaft zu Maissa und die Kontakte zu vielen anderen Neuzugewanderten als sehr bereichernd erfährt. Es stört sie, dass viele einfach Vorurteile nachplappern, statt eigene Erfahrungen zu machen. Für sie ist klar: "Integration bedeutet nicht absolute Anpassung. Die Leute müssen nicht alles so machen wie wir." Und die ehrenamtliche Helferin, die beruflich als Sozialpädagogin tätig ist, hat noch eine interessante Erfahrung gemacht: "Ich lerne Deutschland jetzt ganz anders kennen, seit ich anderen beibringe, wie es bei uns ist."

Vorurteilsfreie Begegnungen auf Augenhöhe, das ist es, was sich auch Peter Müller vom Landratsamt wünscht. Er ist zuständig für die kommunale Koordination der Bildungsangebote für Neuzugewanderte. Rund 400 der insgesamt 800 im Landkreis lebenden Asylsuchenden sind anerkannt. Sie haben eine Bleibeperspektive und müssen nun Fuß fassen.

Peter Müller ist ein selbstkritischer Mann: "Wir neigen dazu, zu glauben, dass wir wissen, was für die anderen gut ist. Aber das ist oft ein Fehler. Wir sollten beraten, Wissen vermitteln, aber die Entscheidungen letztlich ihnen selbst überlassen."

Geflüchtete, die sich eine neue Existenz aufbauen wollen, müssen lernen, was in Deutschland möglich ist und was nicht, wie sie ihre Fähigkeiten am besten nutzen können. "Viele klagen über die Bürokratie. Es gibt so viel Papier, und viele Dinge sind viel komplizierter als in Syrien", weiß Maissa Mamia, die selbst damit zu kämpfen hatte. Wer zum Beispiel in Deutschland ein Geschäft eröffnen möchte, braucht mehr als Enthusiasmus, eine Verkaufsfläche und ein paar Waren. In vielen arabischen und afrikanischen Ländern dagegen reicht das.
"Unser Ziel ist es, zu vermitteln, wie Deutschland funktioniert - von Bankgeschäften über berufliche Qualifikationen, Arbeitsprozesse und Steuern bis hin zur Selbstständigkeit", sagt Peter Müller: "Die Vorschriften bei uns sind ja nicht Selbstzweck. Sie haben einen Sinn und auch eine Schutzfunktion. Aber das muss man erst einmal verstehen, um es zu akzeptieren.


Auf der Suche nach Mitstreitern

Um die Geflüchteten auf diesem Weg zu begleiten, wünscht sich Peter Müller möglichst viele Menschen, die sich ehrenamtlich als Coaches und Alltagsbegleiter engagieren. "Wir brauchen eine individuelle Betreuung, damit wir Stück für Stück den Leuten die Verantwortung für ihr Leben zurückgeben können." Zur Unterstützung dieses Vorhabens schwebt dem Bildungskoordinator eine Art Bildungszentrum für Neuzugewanderte vor. Eine Bitte hat Müller an alle, die sich privat um Flüchtlinge kümmern: Sie sollen sich bei ihm melden, damit er einen Überblick über das Engagement bekommt und wichtige Informationen gezielt an die Helfer weitergeben kann.


Möglichkeiten eröffnen

Bildungskoordinator Peter Müller ist kein Einzelkämpfer: Das Netzwerk, dessen Fäden im Landratsamt zusammenlaufen, ist groß und soll weiter wachsen. Zu den Mitstreitern gehört die Geschwister-Gummi-Stiftung mit dem Familientreff: "Es ist grundsätzlich wichtig, dass wir Möglichkeiten eröffnen, Raum für Begegnungen schaffen", sagt die Leiterin der Einrichtung, Elsbeth Oberhammer. Das funktioniert in unserem Haus schon gut, und wir haben vielfältige Angebote."
Integration steht und fällt mit der Sprache. Während die Kinder in Deutschland gut angekommen seien und das Sprachpatenprojekt für Kinder sehr gut laufe, sieht Oberhammer Bedarf für mehr Kontaktmöglichkeiten für die Erwachsenen: "Wir bräuchten auch Sprachpaten für sie, vor allem für die Männer, die gleichzeitig ein bisschen Kulturbegleiter sein könnten. Und wir brauchen Menschen, die sich als Ansprechpartner in Alltagsfragen zur Verfügung stellen. Ich möchte den Einheimischen gerne Mut machen, auf die Flüchtlingsfamilien zuzugehen."


Infos und Kontakte

Ehrenamt Wer sich gerne für Geflüchtete engagieren möchte, meldet sich bei Peter Müller, Telefon 09221/707-123, mueller.peter@landkreis-kulmbach.de oder Elsbeth Oberhammer, Telefon 09221/ 801-1816, oberhammer @gummi-stiftung.de

Info-Abend Antworten auf alle Fragen zum Thema Sprachpaten bekommen Interessierte bei einem Info-Abend am 18. September, um 19.30 Uhr im Familientreff in der Negeleinstraße in Kulmbach.


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