Kulmbach
Theater

Kulmbacher Gymnasiasten blicken in menschliche Abgründe

Besitzgier, Lügenkonstrukte, Kaltblütigkeit: Einen Blick in die Abgründe der menschlichen Moral zeigte das Oberstufentheater des CVG.
Artikel drucken Artikel einbetten
Auch mit Schwiegersohn Michel (Ilkay Karacan) verbindet Brautmutter Johanna (Anna Eber) ein inniges Verhältnis. Foto: Uschi Prawitz
Auch mit Schwiegersohn Michel (Ilkay Karacan) verbindet Brautmutter Johanna (Anna Eber) ein inniges Verhältnis. Foto: Uschi Prawitz
+6 Bilder
In seinem absurden Drama "Hochzeit" reißt Elias Canetti den Akteuren die Maske vom Gesicht und zerrt unverhohlen ihren wahren Charakter ans Tageslicht. Die direkte und derbe Sprache, derer er sich dabei bedient, stellte für die 25 jungen Akteure kein Problem dar, im Gegenteil, sie spielten ihre Rollen mit Überzeugung und Einsatz und sorgten damit für eine sehr authentische Atmosphäre.


"Erregung geschlechtlichen Ärgernisses"


"Sie werden sehen, im Vergleich zur heutigen Zeit hat sich nicht viel verändert", sagte Simon de Ridder in seiner Begrüßung. Canetti hat das Stück nämlich bereits 1932 geschrieben. Schon bei der Uraufführung 1965 sorgte es für Furore und provozierte eine Strafanzeige wegen "Erregung geschlechtlichen Ärgernisses".

Auch in der Bühnenversion des Oberstufentheaters geht es deftig zu, doch viel mehr als eine ausfallende Sprache treffen die Handlungen der Personen ins Herz. Eine illustre Gesellschaft findet sich zur Hochzeit von Christa (Deborah Kemnitzer) und Michel (Ilkay Karacan) im Haus der alten Gilz (Nina Müller) ein. Da hat der Idealist Horch (Simon de Ridder) einen Einfall: Bei einem Gesellschaftsspiel sollen sich die Hochzeitsgäste entscheiden, was sie bei einem Erdbeben tun würden.


Jeder will toller und besser sein


"Was werden Sie für Ihr Liebstes tun?", stellte Horch die Frage. Doch wer hätte ahnen können, dass aus einem Gesellschaftsspiel Ernst wird. Das Haus der alten Gilz, von vielen Hochzeitsgästen heiß begehrt, Symbol für Standhaftigkeit und (materielle) Sicherheit, gerät ins Wanken, und die Bewohner mit ihm. "Auch heute noch will jeder toller und besser sein als der andere, man fragt sich oft, wie sich jemand das und das leisten kann", erklärte Anja Braune, die mit ihrer Kollegin Kathrin Krebs auch in diesem Jahr die Regie führte. Fassaden, hinter die bereits Literaturnobelpreisträger Canetti blickte.

"Die Welt ist voller Habgier und Kaltblütigkeit, viel Show und Schein", sagte Kathrin Krebs. Doch auch voller Verzweiflung, Wut und Hilflosigkeit. Da ist ein junges Paar (Philip Moritz und Sarah Schilge), das aus Versehen sein Kind tötet, ein Sargfabrikant (köstlich gespielt von Niklas Rauchmaul), der als verwirrter Casanova seine Frau einsperrt, ein Arzt (Stefan Röhrich), der seine Patientinnen schwängert und für die Abtreibungen abkassiert - und der dennoch von allen Frauen geliebt wird.


Ein fast schon schizophrenes Bild


Ein fast schon schizophrenes Bild, das Canetti aufzeigt, und "auch den Darstellern wurden erst beim Erarbeiten ihrer Rollen die vielen Anspielungen so richtig klar", sagte Kathrin Krebs. "Wir haben uns bewusst für ein Stück entschieden, das man noch nicht so häufig auf einer Bühne gesehen hat", sagte Anja Braune, "und wir wollten ein Stück mit möglichst gleich großen Rollen".

Und natürlich wollten die beiden Regisseurinnen auch ein Stück mit Anspruch und einer Botschaft präsentieren, die allerdings nicht eindeutig positiv ausfällt. Trotz seines komödiantischen Potenzials sorgen die Dekadenz und Falschheit der Menschen bei diesem Schauspiel für Beklemmung - und man möchte für sich hoffen: "Ich werde sicher das Richtige für mein Liebstes tun."

Das Stück ist noch einmal am Donnerstag, 15. März, um 19 Uhr im Forum des CVG zu sehen.
was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren