Kulmbach
Interview

Kulmbacher Eisdisco: Ein Abschied mit viel Wehmut

Rainer Ludwig, der im Oktober in den Landtag gewählt wurde, hat Jahrzehnte die Kulmbacher Eisdisco geprägt. Wir haben zum Abschied mit ihm gesprochen.
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Rainer Ludwig erinnert sich an Jahrzehnte als DJ der Kulmbacher Eisdisco.Archiv
Rainer Ludwig erinnert sich an Jahrzehnte als DJ der Kulmbacher Eisdisco.Archiv
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Zeitgleich mit der Übergabe des neuen Eisstadions endete die Ära Rainer Ludwig als DJ der Eisdisco. In einem Interview mit unserer Zeitung erinnert er sich.

Wie hat denn damals alles angefangen?

Den ersten Kontakt hatte der damalige Leiter der Stadtwerke, Hermann Hambach, mit mir aufgenommen. Soweit ich mich erinnern kann, war das vor der Eislaufsaison 1991/92. Die damalige Oberbürgermeisterin Inge Aures wollte die Kulmbacher Eisbahn mit neuen Leben erfüllen und mit einigen innovativen Ideen den Event- und Erlebnischarakter auf der Kulmbacher Kunsteisbahn steigern. Wir haben uns gemeinsam an einem Tisch gesetzt und gebrütet, wie wir das realisieren können. Das Konzept war denkbar einfach - nämlich mit Lifestyle gerechter Musik aus den internationalen Charts die Jugendlichen für uns zu gewinnen. Das Konzept kam an - Top-Hits, gepaart mit Disco Lights - also Party-Atmosphäre als Open-Air-Feeling - in Verbindung mit sportlicher Freizeitbetätigung - gekoppelt mit einem preislich interessanten Angebot (zwei Eislaufzeiten zu einem Preis), Verlosungen und einer Gruße- und Wunschaktion - in Kulmbach etwas "Neues" und von Anfang an ein Highlight. Das alles hat sich bis heute, wenig verändert, bewährt.

Die erste Eis-Disco wurde noch aus dem Eismeister-Regieraum neben der Eisbahn über zwei CD-Player gesteuert. Ich wollte damals allerdings nicht in einem abgeschirmten "Glaskasten" sitzen, sondern mehr den direkten Kontakt zu den Jugendlichen direkt neben der Eisbahn haben - alleine schon wegen der Grüße und Musikwünsche. Daraufhin hat man einige Zeit später eine offene "Holzhütte" gebaut, aus der ich bis zuletzt die Disco "gefahren" haben. Dort war es zwar oft eisig kalt, aber der persönliche Draht zu den Besuchern war einfach intensiver. Das hat den Leuten viel Freude gemacht.

Die ersten Eisdiscos hat übrigens noch die Kulmbacher EKU gesponsert. Danach war die Sparkasse Hauptsponsor und hat das Event finanziell mit unterstützt. Dafür mein Dank. Leider hat sich von den verantwortlichen Vorständen niemals selbst jemand vom Erfolg dieses Events überzeugt oder wollte sich gar auf das "glatte Parkett" begeben.

Warum waren Sie der geeignete DJ damals?

Das müssen andre beurteilen, die sich für mein Engagement interessiert haben und davon auch überzeugt waren. Meine Moderations-Tätigkeit beim Lokalsender Radio Plassenburg, das damit verbundene musikalische Know How, aber auch die menschliche Komponente waren für eine nachhaltige Zusammenarbeit sicherlich mit ausschlaggebend. Ich glaube, es ist schon wichtig, die Sprache der Jugendlichen und deren Lifestyle zu verkörpern, um auf Dauer eine Identifikation und auch eine Akzeptanz zu gewährleisten. Was ich ebenso gespürt habe, dass die Eltern der Kids ein Sicherheits- und Vertrauensverhältnis zu diesem Event und auch zu meiner Person aufgebaut haben. Es gab ja in all den Jahren so gut wie keine Unruhe oder negative Schlagzeile. Auch Unfälle waren Gott sei Dank bei dieser Masse eine Rarität.

Wie viele Eisdiscos haben Sie begleitet?

Genau kann ich das gar nicht sagen - aber wenn man 27 Jahre hochrechnet - pro Jahr sechs Veranstaltungen - dann liegen wir auf jeden Fall bei weit über 150. Nach Aufzeichnungen der Stadtwerke waren im Schnitt pro Eis-Disco rund 700 Leute zu Gast (an Rekordtagen annähernd 1000), dann reden wir von ca. 110.000 Eisdisco-Besuchern in dieser Ära. Das ist eine enorme Zahl für Kulmbach. Eis-Disco und der Name Rainer Ludwig gehörten irgendwie untrennbar zusammen.

Was ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Allen voran die vielen glücklichen Gesichter der Besucher; es war jedes Mal ein tolles Feeling, mit welcher Begeisterung die Kids der Eis-Disco entgegen gefiebert haben. Vor der Kasse bildeten sich lange Schlangen. Groß und Klein haben sich generationsübergreifend auf die Abende gefreut - und das oft bei Wind und Wetter. Selbst bei strömenden Regen war das Eis voll. Den Leuten hat das nichts ausgemacht. Viele waren sogar mit T-Shirt unterwegs auf dem Eis.

Übrigens sind in all den Jahren nur zwei Eis-Discos witterungsbedingt ausgefallen - wegen Sturm! Dennoch hätten wir uns alle oft ein wetterunabhängiges Dach über dem Stadion gewünscht.

Ansonsten war es einfach faszinierend, wenn man die funkelnden Augen vieler sieht, die dann zur Discomusik ihre Kreise auf den Eis ziehen. Viele haben sich auch auf der Eisbahn kennengelernt oder das erste Mal im Leben verliebt. Die meisten der Besucher aus den 90er Jahren haben heute eine eigene Familie; jetzt kommen bereits deren Kinder in der nächsten Generation zur Disco. Viele "Mamis" haben mich angesprochen und erzählt "Ich war auch schon auf der Eis-Disco". Das ist das Schöne - mit zehn, elf Jahren wachsen die Kids in die Eisdisco hinein - mit 15, 16 Jahre auch wieder heraus; so ist ein permanenter, kontinuierliche Wechsel gewährleistet.

Geprägt hat mich natürlich insbesondere die Musik und der Geschmack der Jugend. Das hat mich auch selbst ein Stück jung gehalten, und ich war musikalisch durch die Top-100-Charts immer am Puls der Zeit. Übrigens ein willkommener Spagat zu meiner eher volkstümlichen Schlagersendung auf Radio Plassenburg. In Erinnerung bleibt mir auch das Ambiente - es war zwar nüchtern und einfach - aber es hatte dadurch auch Charme und ein einmaliges Flair.

In Erinnerung bleibt mir aber ebenso der stete Kampf mit der Lautstärke. Den Pegel hat man irgendwann noch oben begrenzt - oft zum Leidwesen der Kids. Discoparty auf dem Eis erfordert nun mal etwas Power. Nicht allen in der Nachbarschaft hat das gefallen. Dafür aber haben mir viele Pflegeschwestern aus dem höher gelegenen Klinikum oft signalisiert, dass die Nachtschicht zur Eisdisco mit mehr Schwung über die Bühne geht.

Was hat sich denn in den Jahren verändert?

In punkte Technik, Ausstattung und Umgebung sehr wenig. Das Stadion hat in dieser Zeit kaum eine optischen Veränderung erfahren. Und auch die technische Ausstattung in punkto Licht und Ton ist auf einen Level wie vor fast 25 Jahren geblieben. Zwei CD-Player, ein kleines Mischpult, ein paar Strahler an den Flutlichtmasten und einige Boxen, die den Sound oft nicht mehr standgehalten haben - das war's.

Dennoch haben wir das Beste daraus gemacht. Erst seit wenigen Jahre konnte ich mit Laptop und digitalisierten Songs arbeiten. Natürlich kein Vergleich zu dem, was nun Radio Galaxy zum Auftakt in die neue Auslaufsaison aufgefahren hat. Was sich natürlich auch verändert hat - die musikalischen Richtungen. Es gab viele Trends in den letzten Jahren. Die Kids waren da immer up to date. Auf der Eisbahn will man immer nur das Neueste und das Beste hören; oft waren gefragte Hits wenige Wochen später schon wieder out oder galten als Eintagsfliegen. Zuletzt brauchten wir schon Songs, die es zwar schon im Internet gab, aber noch gar nicht den Verkaufscharts veröffentlicht waren.

Ihr Lieblingshit in all den Jahren?

Hmmm, ganz schwer! Es gab viele - jede Saison neue! Die Hits sind sehr schnelllebig. Aber was sich permanent gehalten hat, waren Rock-Klassiker von Rammstein oder den Toten Hosen. Aber einer, der es über Jahre geschafft hat... und wohl auch der meist gespielte Hit, war - von den Atzen "Disco Pogo" oder "Das geht ab". Nicht zu vergessen Musik von Eminem ("Lose yourself"), die Hip Hop-, Rap- und Dance-Ära hatte bedeutenden Einfluss auf die Musikbewegen - und selbst Helene Fischer hat es mit "Atemlos" geschafft, den deutschen Schlager auf der Eisbahn salonfähig zu machen.

Auch deutsche Musik von Sido oder Bushido war lange Zeit gefragt - ein Style, mit dem ich mich persönlich wenig anfreunden konnte. Was gar nicht gefragt war, sind Oldies und Evergreens. Dafür ein satter Beat und Electro-Sound von David Guetta oder Avici - das war Partystimmung pur. Topaktuell immer Mark Forster oder Ed Sheeran. Meine Lieblingsband war Scooter - da ging immer voll die Post ab.

Wie schwer ist Ihnen der Abschied gefallen?

Doch schon sehr! Ich habe die Eis-Disco über ein Vierteljahrhundert ausgestaltet - sie trägt sicherlich ein Stück meine Handschrift - sie hat mich geprägt und umgekehrt ich aus sie. Sie hat sich in dieser Zeit zu einer Kultveranstaltung entwickelt. Darauf aufbauend wird sich eine neue Ära fortsetzen. Bewegt hat mich vor allem, dass der Start in eine neue Eislauf-Ära im renovierten Stadion gleichzeitig der Schlusspunkt meiner Ära war. Das geht schon unter die Haut. Wenn man etwas mit so viel Freude und Begeisterung, mit Liebe und Leidenschaft über so lange Zeit begleitet hat, fällt ein Abschied nicht leicht.

Diese Wehmut schwingt mit - und für mich geht eine liebgewordene Erfolgsstory zu Ende. Danken möchte ich abschließen dem gesamte Team; wir sind in dieser Zeit zu einer Familie zusammengewachsen; die Eisdisco war für mich ein Stückchen "Heimat". Für diese Verbundenheit zu den Gästen und den Mitarbeitern, angefangen von den Kiosk-Besitzern, die mich immer mit schmackhaften Glühwein erwärmt haben, den ehrenamtlichen Helfern unserer Hilfsdienste bis hin zu den Eismeistern hatten wir ein tolles Klima. Mein herzlichster Dank gilt insbesondere Stefan Pröschold, dem Leiter der Kulmbacher Stadtwerke, für das jahrzehntelange, vorbildlich, vertrauensvolle und perfekte Miteinander - und Danke unserem OB Henry Schramm, der dieses tolle Projekt stets mitgetragen hat. Ich wünsche allen, die nun am "Steuer" sitzen, eine erfolgreiche Fortführung - gerne werde ich, wenn terminlich möglich, dabei sein - und dann schnür ich selbst mal meine Schlittschuhe... und fühle mich für ein paar Stunden wieder ganz jugendlich!

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