Kulmbach
Mauerfall

Kulmbacher Berufsschüler erleben Geschichte zum Anfassen

Im Beruflichen Schulzentrum Kulmbach ist eine Ausstellung zum Mauerfall zu sehen. Uniformen, Plaketten, Fahnen und Alltagsgegenstände werden präsentiert.
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Betroffen stehen die Schüler vor der Bodenfläche, die digital mit Wasser geflutet wird. Auf dem Boden sind all die Namen der "Geflüchteten" verewigt, die bei Ausreiseversuchen ums Leben gekommen sind. Aber es gibt auch namenlose Tote - sogar in Kopenhagen sind "angespülte" Tote bestattet. Foto: Sonny Adam
Betroffen stehen die Schüler vor der Bodenfläche, die digital mit Wasser geflutet wird. Auf dem Boden sind all die Namen der "Geflüchteten" verewigt, die bei Ausreiseversuchen ums Leben gekommen sind. Aber es gibt auch namenlose Tote - sogar in Kopenhagen sind "angespülte" Tote bestattet. Foto: Sonny Adam
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Ausstellungen zum Jahrestag des Mauerfalls gibt es derzeit viele, doch die Ausstellung in der Aula des beruflichen Schulzentrums und in der Aula der FOS/BOS ist anders: besonders, umfassend, themenübergreifend und mit vielen Originalobjekten angereichert.

Die alten grünen Uniformen, samt Medaillen und Gasmasken, verbreiten derzeit den Mief der Vergangenheit im Schulzentrum. Alte DDR-Fahnen mit Hammer und Sichel und Original-Stasi-Dokumente erinnern an die Zeit, als Deutschland geteilt war. Und ein Teil war nicht frei, sondern eingesperrt hinter Stacheldraht und verminten Feldern.

Seit Mai daran gearbeitet

Unter der Regie von Silke Scheffold, Fachlehrerin für Deutsch und Geschichte, haben verschiedene Klassen und Schulen Originale zusammengetragen und zu einem beeindruckenden Mosaik zusammengefügt. Schon seit Mai arbeiten die Schulen, die zum Schulzentrum gehören, zusammen, um eine Ausstellung, die Geschichte erlebbar macht, zu kreieren - pädagogisch-didaktisches Konzept und viel Hintergrundmaterial inbegriffen.

Der Leiter des beruflichen Schulzentrums, Alexander Battistella, überschritt bei der Vernissage gemeinsam mit den Ehrengästen, mit Landrat Klaus Peter Söllner, dem Vertreter der Stadt, Michael Pfitzner, und den Schülern, die mitgeholfen haben, die schwarz-rot-goldene Grenzlinie bei der Mauer. Das weckte bei Alexander Battistella Erinnerungen an den Fall der Mauer, an die ersten DDR-Flüchtlinge, an deren Versorgung, an die Trabi-Schlangen und an Geschäfte, die auch sonntags geöffnet hatten.

Himmelblauer Trabi

In der Schule wurde der Mauerfall mit einem himmelblauen Trabi versinnbildlicht. Er fuhr einfach durch die eigens für die Ausstellung aufgebaute Mauer hindurch. Der Trabant war "die Rennpappe aus dem Osten", erklärte Oliver Mahlo. Der Schüler der FMS-11-Klasse hat sich mit der Geschichte des Trabants beschäftigt. Doch der Trabi war nicht das einzig authentische Ausstellungsstück: In der Schule ist derzeit die "Harley des Ostens", eine echte Simpson, zu sehen. Situs Bauer von der FOS 13 SW ging zur Vernissage auf den Zusammenhang zwischen dem Arbeitsmarkt und der Bevölkerungsstruktur in Folge des Mauerfalls ein.

Und Niklas Peter hatte wohl das Thema, das die Menschen bis heute am meisten beschäftigt: die politische Indoktrination in Film und Fernsehen. Auch das Sandmännchen, das bis heute nichts an Sympathie eingebüßt hat und heute wieder für eine Ostalgie-Welle sorgt, hat mitgeholfen, Kinder auf den "rechten Weg" zu bringen.

In der Aula des beruflichen Schulzentrums gibt es Grenzer-Uniformen zu sehen und viele Dokumente und Details zu den innerdeutschen Grenzanlagen, zu Todesstreifen. Die Jugendorganisationen, die FDJ und die Pionierorganisationen sind ein Thema. Außerdem gibt es eine beeindruckende Sammlung zu Reisen, Filmen, dem Umgang mit Musik und mehr.

Dresdner Eierschecken

Als Überraschung des Tages kredenzte Koch Michael Kolb allen Besuchern bei der Vernissage ein echtes Ostalgie-Rezept: Dresdner Eierschecken, ein Gaumenschmaus aus drei Schichten.

"Eine Ausstellung mit einer solch umfassenden und hohen Dichte ist selten", musste auch Landrat Söllner zugeben und bezeichnete die Ausstellung als "konzeptionelles Meisterwerk". Söllner würdigte die vielen Stunden Arbeit, die Mühen, die Schüler und Lehrer in die Ausstellung gesteckt hatten. "Wenn ich mir eines wünsche, dann ist es, dass wir aufpassen, unsere Freiheit nicht mehr aufs Spiel zu setzen", sagte Söllner.

"Der Fall der Mauer - ich habe ihn erlebt. Das war eine irre tolle Zeit. Keiner wusste, ob die friedliche Revolution auch wirklich friedlich bleiben würde. Und der 9. November, als die Mauer dann fiel, war eine echte Erleichterung", betonte Michael Pfitzner. "Aber die Revolution kam nicht von selbst: Es waren Menschen, die auf die Straße gegangen sind. Man darf nicht vergessen, dass man sich die Freiheit immer wieder neu erarbeiten muss", betonte Pfitzner.

"Wir wollen mit der Ausstellung die Realität darstellen und nicht auf der Ostalgiewelle mitschwimmen. Wir wollen keine Verklärung", machte Silke Scheffold, die das Ausstellungskonzept erarbeitet hat, klar.

Schulleiter Alexander Battistella hatte im Archiv der Bayerischen Rundschau und der Stadt Kulmbach gekramt und die Schlagzeilen von einst herausgesucht: Alles begann damit, dass die Menschen das SED-Machtmonopol infrage stellten, dass die CSSR-Grenze offen war. Und schließlich rissen die Berliner Löcher in die Mauer und die Menschen flohen.

Zahlreiche Aktionen

Während der Ausstellung zum Mauerfall finden im beruflichen Schulzentrum zahlreiche Aktionen statt. Die Schüler können den Film "Der Ballon" im Kino ansehen. Außerdem kommt der Ballonflüchtling Günter Wetzel. Und ein Beamter des Bundesgrenzschutzes und ein NVA-Soldat stehen den Schülern Rede und Antwort und berichten aus erster Hand.

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