Kulmbach

Brand von Freizeithalle in Oberfranken: Falsches Geständnis sorgt für kuriose Wende

Die Frage, wer im April 2018 im Freizeit-Center in Kulmbach Feuer gelegt hat, beschäftigte das Gericht. Es war eine schwere Entscheidung für die Richter.
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Wer hat im April 2018 in der Freizeithalle in Kulmbach Feuer gelegt? Der Fall schien geklärt. Nach der gestrigen Gerichtsverhandlung aber ist alles wieder offen.  Foto: Archiv /Jürgen Gärtner
Wer hat im April 2018 in der Freizeithalle in Kulmbach Feuer gelegt? Der Fall schien geklärt. Nach der gestrigen Gerichtsverhandlung aber ist alles wieder offen. Foto: Archiv /Jürgen Gärtner

Ein Geständnis in mehreren Varianten und ein Widerruf, belastende Indizien, zwei Angeklagte, die schweigen - und am Ende ein Freispruch: Alltäglich war die Sache nicht, mit der sich am Dienstag (14. Januar 2020) das Schöffengericht am Amtsgericht in Bayreuth zu befassen hatte.

Im Mittelpunkt: Der Betreiber der Kulmbacher Freizeithalle Am Goldenen Feld und sein Mitarbeiter. Der Vorwurf: Brandstiftung und Versicherungsbetrug. Die beiden Männer, 37 und 28 Jahre alt, sollen, so die Anklage, im April 2018 die von dem Älteren gepachtete Freizeithalle in Kulmbach vorsätzlich in Brand gesteckt haben, um anschließend Geld von mehreren Versicherungen zu kassieren.

Brand in der Kulmbacher Freizeithalle: Spuren von Brandbeschleuniger entdeckt

Als die Halle im Industriegebiet am Goldenen Feld in der Nacht zum 23. April 2018 komplett ausbrennt, gehen die Ermittler der Kriminalpolizei schnell von Brandstiftung aus. An mehreren Stellen entdecken sie Spuren von Brandbeschleunigern. Die Schlösser sind unversehrt: Da wusste jemand, wie er in die Halle kommt.

Aufschluss auf einen oder mehrere mögliche Täter erhoffen sich die Fahnder von den Aufzeichnungen der Kameras, die in der Halle installiert waren. Der Festplatten-Recorder allerdings, auf dem diese Aufzeichnungen hätten gespeichert werden sollen, ist verschwunden.

Mitte Juni gerät der 37-Jährige, der die Halle seit Anfang 2017 von einem Bayreuther Geschäftsmann gepachtet hat, in den Focus der Ermittler. Als er bei einer Vorladung von schwankenden Einnahmen, einem Minus im Jahr 2017, von hohen Pachtkosten und einem langfristigen Vertrag berichtet, aus dem er nach eigenen Worten nicht herauskomme, und weil er der Kripo Details nennt, die diese als Täterwissen einstuft, wird er vom Zeugen zum Beschuldigten, dem ein Haftbefehl droht.

Die Indizien sind dünn: Weder das Navi seines Audi A6 noch der Firmencomputer lassen sich auslesen, so dass die Daten Rückschlüsse darauf ermöglicht hätten, was der Mann im fraglichen Zeitraum getan und wo er sich aufgehalten hat. An verschiedenen Schlüsseln und an Gegenständen in der Halle findet sich keine verwertbare DNA. Auch der Abgleich von Funkzellendaten mit den Handynummern der Männer bleibt ohne Ergebnis.

Überraschung: Verdächtiger legt Geständnis ab

Da legt der Verdächtige zur Überraschung der Ermittler ein Geständnis ab: Er habe sich in der fraglichen Nacht aus seinem Bayreuther Haus geschlichen, sei mit einem Benzinkanister nach Kulmbach gefahren, habe dort erst den Festplatten-Recorder entfernt und dann an mehreren Stellen in der Halle Feuer gelegt. Dann sei er wieder nachhause gefahren. Den Festplatten-Recorder will er einige Zeit später in einen Weiher bei Speichersdorf geworfen haben. Wo, kann er der Polizei freilich nicht mehr sagen.

Überraschung Nummer zwei lässt nicht lange auf sich warten: Kurz nach der vorläufigen Festnahme widerruft der Mann sein erstes Geständnis. Nicht er habe das Feuer gelegt, behauptet er nun, sondern sein Mitarbeiter in seinem Auftrag.

Im Juli folgt Überraschung Nummer drei: Beide seien doch gemeinsam am Brandort gewesen, so der 37-Jährige. Er habe das Auto gefahren, der Jüngere - der selbst weder Führerschein noch Auto besitzt - habe den Brand gelegt. Auch diese Schilderung der Tat ist nicht von langer Dauer: Wenig später behauptet der Mann, er und sein Mitarbeiter seien gemeinschaftlich vorgegangen.

Geständnis widerrufen

Für die vorerst letzte Überraschung sorgt er dann in der gestrigen Verhandlung: Über seinen Anwalt Karsten Schieseck lässt der Bayreuther erklären, dass er sein Geständnis widerrufe. Er sei in der Brandnacht nicht in Kulmbach gewesen, sondern zuhause in seiner Wohnung. Schieseck: "Der Angeklagte bestreitet die Tat."

Rechtsanwalt Hilmar Lampert, der den zweiten Angeklagten vertritt, gibt eine ähnliche Erklärung ab: Sein Mandant bestreite jede Tatbeteiligung. "Er war nicht in Kulmbach und hat mit der Tat nichts zu tun."

Von der Familie entlastet

Beide Angeklagten können sich der Unterstützung ihrer Familien sicher sein: Sowohl die Schwester als auch der Vater des 28-Jährigen schildern - nach Ansicht des Gerichts glaubhaft - dass der junge Mann in der Tatnacht in der elterlichen Wohnung übernachtet habe.

Der Prozess nimmt die junge Frau merklich mit: Wiederholt bricht sie in Tränen aus, auch als sie später im Zuschauerbereich sitzt. Auch der 38-jährige mutmaßliche Haupttäter ringt immer wieder um Fassung, während seine Lebensgefährtin und deren 16-jährige Tochter schildern, dass es wegen einer knarzenden Treppe unmöglich sei, das gemeinsame Haus unbemerkt zu verlassen. Das Gericht schenkt auch ihnen Glauben.

Warum aber, so fragt Vorsitzender Richter Daniel Götz, gesteht jemand ein Verbrechen, das er gar nicht begangen hat? Nun äußert sich der 38-Jährige doch. Seine Antwort ist so kurios, dass sie sowohl beim Schöffengericht als auch bei Staatsanwältin Eva-Maria Häßler Erstaunen auslöst: Ist der Mann unvorstellbar gerissen - oder unvorstellbar naiv?

Schwarzgeld auf die Seite geschafft

Er habe, so schildert er, kurz vor dem Brand Schwarzgeld auf die Seite geschafft. Bei der Vernehmung im Juni habe er gefürchtet, dass man ihm auf die Schliche gekommen sei, und deshalb lieber die Brandstiftung gestanden, weil er das als das kleiner Übel ansah. "Das ist doch schließlich das Schlimmste in diesem Land, wenn du den Staat bescheißt."

Ein Irrtum, der fatale Folgen haben könnte: Bis zu zehn Jahren Freiheitsstrafe sieht das Gesetz bei vorsätzlicher Brandstiftung vor. Wer Geld an der Steuer vorbei schafft, kommt weitaus glimpflicher davon.

So ganz überzeugend klingt das und manches andere nicht. Aber letztlich reicht nichts davon aus, den beiden Angeklagten oder wenigsten dem 38-Jährigen die Tat zweifelsfrei nachzuweisen. "Indizien für eine Täterschaft sind da", sagt die Staatsanwältin. Die aber überzeugten letztlich nicht vollständig. Sie fordert deshalb Freispruch.

Geständnis unter Druck?

Auf Freispruch plädieren auch die beiden Verteidiger. Hilmar Lamprecht weist darauf hin, dass sein Mandant keinerlei Motiv gehabt hätte. Er sei im Gegenteil sehr froh gewesen, endlich wieder eine feste Arbeitsstelle zu haben. Karsten Schieseck schildert, dass sein Mandant dem Druck der Vernehmung nicht standgehalten und deshalb ein falsches Geständnis abgelegt habe. "Vielleicht hat er sich gedacht: Ich gestehe, dann ist erst mal Ruhe. Im Laufe der Ermittlungen wird sich dann schon zeigen, dass ich es nicht gewesen sein kann."

Letztlich sieht das Schöffengericht keine andere Möglichkeit, als die beiden Angeklagten freizusprechen. Daniel Götz verhehlt nicht, dass man Zweifel habe, ob die Angeklagten wirklich nichts mit dem Brand zu tun haben. "Aber die Beweislage ist zu dünn. Es reicht einfach nicht für ein Urteil."

Offiziell ist damit das Verfahren abgeschlossen. Die Frage allerdings, wer das Freizeit-Center angezündet hat, ist immer noch offen.

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