Kulmbach
Radfahren

Kulmbach ist kein guter Ort für Radler

Auf Radfahrer lauern in Kulmbach viele Fallen. Wir haben einen Teil davon dokumentiert - als Stoffsammlung vor der Bürgerwerkstatt.
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Stoßzeit auf der Kreuzung in der Mittelau. Für Fahrradfahrer wird es da eng. Foto: Katrin Geyer
Stoßzeit auf der Kreuzung in der Mittelau. Für Fahrradfahrer wird es da eng. Foto: Katrin Geyer
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Der erste Schweißausbruch des Tages kommt zuverlässig jeden Morgen auf der Kreuzung in der Mittelau: Drei Fahrspuren stadtauswärts an der Ampel, eine stadteinwärts. Ein Bus, ein Lastwagen, ein Pkw, der - aus der Albert-Ruckdeschel-Straße kommend - die Kurve schneidet. Und mittendrin ich mit meinem Fahrrad, eingezwängt, ignoriert, oft übersehen. Als ich wenige Minuten später mein Rad vor dem Redaktionsgebäude abstelle, schnaufe ich Tief durch. Es ist zum Glück auch heute wieder gut gegangen!

Zur gleichen Zeit ist eine Freundin vom östlichen Stadtrand Kulmbachs aus unterwegs zu ihrem Arbeitsplatz in der Nähe des Hallenbades.Vom Grünzug kommend fährt sie durchs Gasfabrikgässchen und aufs Gelände des Einkaufszentrums "fritz". Dort endet der Radweg abrupt. Ihr bleibt die Wahl zwischen Gehweg und ZOB. Beides ist nicht erlaubt. Also schieben. Beim Polizeidienstgebäude gibt es wieder einen Radweg. Nach der Kreuzung beim Hotel Ertl endet auch der - und meine Freundin hat hier den ersten Schweißausbruch des Tages: Sie kann darauf wetten, dass auch heute wieder ausgerechnet dort, wo der Radweg aufhört, wo sich die Straße verengt und der Gegenverkehr zum Rechtsabbiegen ausschert, ein Auto parkt, dessen Fahrer sich an der Imbissbude mit einer Brotzeit versorgt.

Wer regelmäßig mit dem Fahrrad in Kulmbach unterwegs ist, wird es bestätigen: Die Stadt ist kein guter Platz für Radler. Das hat auch der Allgemeine Deutsche Fahrradclub (ADFC) festgestellt, der vor einigen Monaten der Stadt in seinem Fahrradklima-Test miserable Noten gegeben hat. Nicht zum ersten Mal übrigens.

Nun aber hat man bei der Stadt Kulmbach reagiert. Am 10. Juli wird es eine "Bürgerwerkstatt" zum Thema geben, bei der jedermann seine Probleme, Anliegen und Wünsche vortragen kann.

Was immer auch das Ergebnis dieser Aktion sein wird - eines steht jetzt schon fest. Die ideale Fahrradstadt wird Kulmbach nicht werden. Dafür sind die Berge im Stadtgebiet zu hoch und zu steil und die Gassen der Altstadt zu eng.

Verbessern aber ließe sich manches. Und zwar nicht nur, was den Bau von Radwegen oder Radspuren, von Fahrradparkplätzen und ordentlichen Hinweisschildern angeht. Verbessern ließe sich auch die Haltung anderer Verkehrsteilnehmer, vor allem von Autofahrern, die die Radfahrer zu oft ignorieren, ihre Geschwindigkeit unterschätzen oder kein Verständnis zeigen für deren Bedürfnisse.

Wir haben in den letzten Wochen einmal zusammengetragen, woran es hakt beim Radeln in Kulmbach. Die Liste ist lang; mancher Wunsch wird einer bleiben. Aber wir sehen unsere Aktion als eine Art Stoffsammlung für die angekündigte Bürgerwerkstatt.

Da könnte man zum Beispiel darüber sprechen, dass viele der sogenannten Radwege in Kulmbach gar keine sind, sondern vielmehr rot bepinselte "Radschutzstreifen". Vor Jahrzehnten vom damaligen zweiten Bürgermeister Wolfgang Protzner initiiert (und oft als "Protzner-Strich" bespöttelt), liefern sie immerhin ein gewisses Maß an optischer Aufmerksamkeit und damit Sicherheit. Es sei denn, sie sind so lächerlich schmal wie etwa in der Lichtenfelser Straße. Da wird es eng, wenn am Rad zwei Packtaschen hängen. Wenn dann noch vor dem Verwaltungsgebäude der Brauerei, wie so oft, ein Firmenwagen parkt oder in der Kurve ein Gullydeckel mittig auf dem Streifen sitzt, ist der endgültig für die Katz.

Wo es weder Radwege noch Radschutzstreifen gibt, müssen sich Radfahrer und Autofahrer die Fahrbahn teilen. In der neu gestalteten Klostergasse etwa. Da hat man am Fahrbahnrand recht komfortable Kurzzeit-Parkplätze eingerichtet. Die Straße wird dadurch leider so schmal, das es Autofahrern kaum möglich ist, Radler zu überholen und dabei einen ausreichenden Seitenabstand einzuhalten.

Andere Straßen sind breit genug. Der Schießgraben zum Beispiel oder die Obere Stadt. Hier aber wird das Kopfsteinpflaster mit zentimeterbreiten Fugen dem Radfahrer zum Verhängnis. Und sollte der just dort Empfindliches mit demRad transportieren - Eier vom Wochenmarkt zum Beispiel oder einen Geburtstagskuchen - dann könnte das merklich leiden.

Dass Radwege wie im Kressenstein plötzlich enden, dass bei Straßenbaumaßnahmen wie der Umgehung Melkendorf auch ein halbes Jahr nach der Freigabe noch eine ordentliche Beschilderung der Radwege fehlt, dass man gar bei Baumaßnahmen - Stichwort: Flutmuldendamm - die Umleitungsstrecke für die Radfahrer einfach "vergisst" oder dass man am Mainzusammenfluss und in der neuen Flutmulde wieder und wieder viel zu groben Schotter auf die (Rad-)Wege aufbringt - die Kulmbacher mussten sich in den letzten Jahren an vieles gewöhnen.

Aber es sind nicht nur die baulichen Gegebenheiten, die ein Wohlfühlklima für Radler verhindern, sondern es ist auch die Ignoranz anderer Verkehrsteilnehmer.

Auf demRadweg parken, weil man Be- oder Entladen muss? Klar, macht man einfach. Auf der Kreuzung in der Meußdoerffer-Straße schnell noch aus der Weiherer Straße herausschießen - macht man, der Radler kann ja warten. In der Pestalozzistraße stadteinwärts auf einen Parkplatz fahren und ohne zu schauen die Autotür aufreißen - auch kein Problem. Zu meinen persönlichen Highlights gehört der Berg an gelben Säcken, die jemand des nachts ebenfalls in der Pestalozzistraße vor einem Mehrfamilienhaus aufgetürmt hat. Natürlich auf dem Radweg.

Und last but not least noch ein Appell an die Fußgänger: Wir haben volles Verständnis dafür, dass ihr samstags mitsamt eurem großen Korb voller Einkäufe vom Wochenmarkt stehenbleiben und ein Schwätzchen halten wollt. Wir machen das auch gerne. Aber bitte nicht ausgerechnet auf dem Radweg.

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