Kulmbach
Stadtplanung

"Kulmbach braucht ein Konzept"

Der Bund Naturschutz sucht nach Ideen für eine lebenswerte Gestaltung der Stadt Kulmbach, in der sich nicht alles nur um den Autoverkehr dreht.
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Ist ein schlichter Wohnblock die einzige Alternative für eine Neugestaltung des Geländes der ehemaligen Mälzerei Müller? Auch darüber wurde beim Stadtrundgang durch Kulmbach diskutiert.  Fotos: Katrin Geyer
Ist ein schlichter Wohnblock die einzige Alternative für eine Neugestaltung des Geländes der ehemaligen Mälzerei Müller? Auch darüber wurde beim Stadtrundgang durch Kulmbach diskutiert. Fotos: Katrin Geyer
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"Grüner, lebendiger, schöner." So wünscht sich Roland Ramming, Vorstandsmitglied der Kreisgruppe Kulmbach im Bund Naturschutz, die Stadt Kulmbach. Der Veränderungsbedarf ist groß, meint er. Und der Zeitpunkt ist günstig: "Wenn der Uni-Campus kommt, wird sich vieles verändern in der Stadt. Uns geht es darum, diese Veränderungen in die richtigen Wege zu leiten."

Der Bund Naturschutz hatte deshalb am Donnerstagnachmittag zu einem Stadtrundgang aufgerufen - und sich dazu fachkundige Begleitung eingeladen: Klaus Illigmann, ist Abteilungsleiter im Referat Stadtplanung und Bauordnung der Stadt München. Der, nebenbei bemerkt, die Stadt Kulmbach schon lange und gut kennt, weil er im Frankenwald aufgewachsen und hier zur Schule gegangen ist.

"Kaufland" wird fehlen

Stationen des Stadtspaziergangs waren Orte, an denen sich in absehbarer Zeit etwas tun wird: Das Spinnereigelände, auf dem einige Gebäudeteile derzeit saniert werden, auf dem aber auch das Einkaufszentrum "fritz" steht, das mit der bevorstehenden Schließung der "Kaufland"-Filiale auszubluten droht. Intensive Diskussionen gab es auf dem Güterbahnhof-Gelände, wo der Uni-Campus entstehen soll. Die Grundstücksverhandlungen gehen offensichtlich nicht so schnell voran. Man müsse, so Stadtrat Michael Pfitzner (CSU), natürlich Verständnis haben für die Haltung der Brauerei, die Teile des Geländes für eine mögliche Erweiterung beanspruche.

Einigkeit bestand darin, dass dann, wenn die Planungen in eine konkrete Phase gehen, mit Blick auf die Tier- und Pflanzengesellschaften der Brachflächen unbedingt eine Umweltverträglichkeitsprüfung erfolgen müsse, und dass es wünschenswert sei, den Main, der durch das Gelände fließt, aufzuwerten und vielleicht sogar entlang des Mains einen Rad- und Fußweg Richtung Burghaig anzulegen. Mutig steuerte die kleine Gruppe den nächsten Halt an: Zwischen Güterbahnhof und Bahnhof gibt es weder einen Rad- noch einen Fußweg. "Amerikanische Verhältnisse" nannte Klaus Illigmann das später. Kritisiert wurde die lange Dauer von Prozessen bei der Bahn, die wenig dafür tue, den Kulmbacher Bahnhof aufzuwerten. Kritisiert wurde aber auch die Schaltung der Ampeln vor dem Bahnhof. Fußgänger müssten dort sehr lange warten. "Das ist lästig und zeigt die Bevorzugung von Autos in dieser Stadt", so Volker Wack.

Nach Ansicht von Vorstandsmitglied Roland Ramming gehört zu einer zukunftsfähigen Stadtplanung auch eine Grünplanung. Rund um den Bahnhof sehe er nur "Alibi-Gebüsch" und Bäume, deren radikaler Schnitt jeglichen gesetzlichen Bestimmungen zuwider laufe.

Plan B für den Campus

Ein grundsätzliches Problem von Stadtplanung manifestiert sich den Naturschutz-Experten zufolge am ehemaligen Kaufplatz: Wenn der Markt einen solchen Komplex erfordere - wie vor mehr als 40 Jahren der Fall war - werde die Forderung erfüllt. Darüber, was passiere, wenn so ein Gebäude nicht mehr gebraucht werde, habe sich niemand Gedanken gemacht. Fakt ist Michael Pfitzner zufolge, dass die Stadt den Abbruch in Angriff nehmen wird. Denkbar sei dort ein Grünbereich mit Wohnbebauung. Aber das Gelände sei auch eine Alternative, falls sich der Campus auf dem Güterbahnhof-Gelände nicht realisieren lasse.

Letzter Anlaufpunkt war schließlich die ehemalige Mälzerei Müller, wo ein Investor Wohnungen für Studenten und Senioren errichten will. Das "eigentlich wunderbare Gebäude" ist laut Michael Pfitzner offensichtlich nicht mehr sanierungsfähig, die Pläne für den Neubau seien aber durchaus "überarbeitbar".

Weitgehende Einigkeit herrschte darüber, dass ein Erhalt des alten Backsteinbaus geprüft werden müsse.

Auto nicht bevorzugen

Alles in allem, so Roland Ramming, mangle es in Kulmbach an einem erkennbaren Konzept für die Schaffung von Wohnraum, auch in den vielen leerstehenden Gebäuden, und an einem Verkehrskonzept, das nicht einseitig das Auto bevorzuge.

Wie sieht die Stadt der Zukunft aus?

Visionen für eine Stadt 2.0 - damit befasste sich Klaus Illigmann, Abteilungsleiter im Referat Stadtplanung und Bauordnung der Stadt München, auf Einladung der Kreisgruppe Kulmbach im Bund Naturschutz in einem Vortrag.

Politik unterschätzt die Menschen

Der Veranstaltung im Pfarrsaal von St. Hedwig war der Stadtrundgang vorausgegangen, mit dessen Eindrücken Illigmann etliche seiner Thesen untermauerte. Die Politik müsse derzeit zur Kenntnis nehmen, dass sie Menschen im Land total unterschätzt habe. Das habe das Ergebnis des Volksbegehrens gezeigt, aber auch die "fridays for future"-Bewegung oder die die Debatte um das Video des YouTubers Rezo. "Das sind Zeichen, dass sich etwas tut im Land, dass sich der von der Großen Koalition verursachte Stillstand auflöst."

Die größte Herausforderung für die Städte und die, die deren künftige Entwicklung planen, seien der Klimawandel, das veränderte Konsumverhalten der Menschen, die Energiewende sowie die sozialräumliche und demografische Entwicklung, die Digitalisierung und die Globalisierung.

Dies wirke sich auf die Infrastruktur aus; die Verantwortlichen sollten in weitaus längeren Zeiträumen planen, als dies heute verbreitet üblich sei. "Wo ist die Vision?"

Nachverdichtung statt Neubau

Veränderten Bedürfnissen auf dem Wohnungsmarkt werde man durch eine Anpassung bestehender Wohnungen und eine Aktivierung von Leerständen am besten gerecht. Generell gelte dabei: "Alte Bausubstanz zu nutzen ist sinnvoller als ein Abriss. Eine Nachverdichtung ist auch für Kulmbach ein sinnvolles Instrument."

Im Blick auf den Klimawandel komme der Stadtbegrünung eine immer wichtigere Rolle zu. "Das Klima erfordert eine klare Priorisierung." Es gelte, wertvolle Grün- und Freiflächen auch frei zu halten und in alle Maßnahmen den Aspekt der Nachhaltigkeit einfließen zu lassen. Auch die kleinen Kommunen sollten Illigmann zufolge den Mut haben, Modellprojekte anzustoßen, sich nicht zu scheuen, dabei auch einmal Fehler zu machen, und den öffentlichen Raum weit erkennbarer als bisher als "Wohnzimmer der Stadt" zu gestalten.

Ausdrücklich rief der Experte dazu auf, keine Angst vor einer Bürgerbeteiligung zu haben. "Wir müssen uns am lokalen Bedarf orientieren und für neue Projekte eine breite Unterstützung organisieren."

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