Ziegelhütten
Prozess

Nach Beißangriff in Kulmbach: Hundehalter hält Wutrede

Der Angeklagte sieht sich als Opfer einer groß angelegten Verschwörung. "Unser Leben ist zerstört", sagte der Mann. Trotzdem wurde er vom Amtsgericht Kulmbach verurteilt.
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Der Halter der Rottweiler, die einen neunjährigen Buben gebissen und schwer verletzt hatten, brach am Freitag vor Gericht  sein Schweigen. Foto: privat
Der Halter der Rottweiler, die einen neunjährigen Buben gebissen und schwer verletzt hatten, brach am Freitag vor Gericht sein Schweigen. Foto: privat

Zwei lange Prozesstage schwieg der Hundehalter (58), dessen zwei Rottweiler einen neunjährigen Buben in Ziegelhütten übel zugerichtet hatten. Er verweigerte die Aussage, was ein Angeklagter darf. Am Freitag brach er sein Schweigen. Er setzte sich aber weniger mit dem Beißangriff vor zwei Jahren auseinander, sondern damit, was danach geschah. Es wurde eine Wutrede.

"Niemand bedauert den Vorfall mehr als wir", sagte er. Es sei ein bedauerlicher Unfall gewesen. "Aber, was hinterher gekommen ist, war schlimm", so der Angeklagte, "unser Leben ist zerstört." Er sieht sich offenbar als Opfer einer groß angelegten Verschwörung. Beteiligt daran: die Nachbarschaft, die Stadt Kulmbach, die Staatsanwaltschaft und die Presse. Er sprach von einer "Hetzjagd" gegen ihn und seine Familie.

Man habe Müll in seinen Garten geschmissen, er sei bedroht worden. Er sei nach Österreich gezogen und leide wie seine Frau an Depressionen, so der Geschäftsführer einer Energieversorgungsfirma.

Wie "ein Überfall"

Der Höhepunkt sei die Wegnahme der beiden Hunde durch Polizei und Ordnungsamt gewesen. Die Aktion bezeichnete der Mann, gegen den die Stadt ein lebenslanges Hundehaltungsverbot verhängt hat, als "Überfall auf uns". Er meinte: "Es war wie eine Reichspogromnacht. So sind wir uns vorgekommen."

Laut Staatsanwältin Sandra Staade könne von einem Unfall keine Rede sein. Denn der Angeklagte und seine Frau hätten kurz nach dem "schlimmen Beißangriff" gegenüber zwei Zeugen zugegeben, dass die Hunde im Garten waren, als das Tor offenstand. Er sei strafrechtlich verantwortlich, weil er gegen Auflagen der Stadt und gegen seine Sorgfaltspflicht verstoßen hat.

Fast schon bedingter Vorsatz

Staade plädierte für 7500 Euro Geldstrafe (150 Tagessätze x 50 Euro) wegen fahrlässiger Körperverletzung. Wenn sich der Mann nun uneinsichtig als "Opfer dubioser Verschwörungstheorien" darstellt, komme fast bedingter Vorsatz in Betracht.

Keine Beweise für ein Verschulden seines Mandanten sah Verteidiger Alexander Schmidtgall. Eine Gefährdungshaftung wie im Zivilrecht stehe im Strafprozess nicht zur Debatte. Es gebe keinen Zeugen, der die Rottweiler zum fraglichen Zeitpunkt im Garten gesehen hat. Dafür aber die glaubwürdige Aussage eines Verwandten, dass die Hunde im Haus waren.

Freispruch nicht gewollt

Somit wäre der Angeklagte freizusprechen. Aber damit sei nicht zu rechnen. Denn ihm sei aufgefallen, so der Rechtsanwalt, dass Staatsanwaltschaft und Gericht keinen Freispruch wollen.

Amtsrichterin Sieglinde Tettmann kam zu einem Schuldspruch. Sie halbierte jedoch die beantragte Geldstrafe (80 Tagessätze x 40 Euro). Denn die Verletzungen des Kindes seien ausgeheilt, stellte sie fest.

Falsche Strategie

Tettmann hielt es dem bisher nicht vorbestraften Angeklagten zugute, dass er erstmals sein Bedauern bekundet habe. Dies hätte er eher tun sollen, auch gegenüber der Nachbarschaft und der Öffentlichkeit. Dann wäre die Angelegenheit womöglich nicht eskaliert. Dann hätte man im Prozess auch über die Einstellung des Verfahrens gegen eine Geldauflage nachdenken können, sagte die Richterin und deutete an, dass die Verteidigungsstrategie falsch war.

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Ob das Urteil rechtskräftig wird, steht noch nicht fest. Verteidigung und Staatsanwaltschaft haben die Möglichkeit, Berufung einzulegen.

Ermittlungen wegen Falschaussage?

Der Halter der zwei bissigen Rottweiler wurde verurteilt, obwohl er von einem Verwandten entlastet worden war. Der Zeuge hatte angegeben, dass die Hunde in der Wohnung waren, als das Gartentor geöffnet wurde. Den Hunden müsse es gelungen sein, die unversperrte Haustür zu öffnen und auf die Straße zu rennen. Ein bedauerlicher Unfall also. Der Angeklagte sei nicht schuld.

Diese Version glaubte das Gericht nicht. Es stützte sein Urteil auf die Aussagen eines Polizisten und einer städtischen Mitarbeiterin. Beide hatten unabhängig voneinander erklärt, dass der Angeklagte und seine jetzige Frau kurz nach dem Beißangriff zugegeben hätten, dass die Hunde im Garten waren und sich frei bewegen konnten. Demnach hatte der Hundehalter fahrlässig gehandelt.

Somit steht eine Falschaussage im Raum. Wie bewertet die Staatsanwaltschaft die Angelegenheit? Die Frage, ob Ermittlungen eingeleitet werden, konnte Leitender Oberstaatsanwalt Herbert Potzel am Freitag noch nicht beantworten.

Amtsrichterin Sieglinde Tettmann sagte dazu: Sie glaube nicht, dass der Zeuge bewusst gelogen hat. Er habe sich im Nachhinein wohl "eine Erinnerung zusammengebastelt, die mit der Realität nicht übereinstimmt".

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