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Kulmbach
Corona-Krise

"Eine absolute Katastrophe": Verband sieht Ende der Gastronomie-Branche kommen

Thomas Dauenhauer vom Deutschen Hotel- und Gaststättenverband Unterfranken sieht das Ende der Gastronomie-Branche nahen. Sein oberfränkischer Kollege Stephan Ertl hat ebenfalls Angst. Lässt der Staat die Wirte in der Corona-Krise im Stich?
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"Vergessen Sie es. Es wird keine Biergärten mehr geben." Thomas Dauenhauer mit Tochter Laura-Sofie Dauenhauer-Fritz und Frau Eva-Maria Dauenhauer.  Foto: Dauenhauer
"Vergessen Sie es. Es wird keine Biergärten mehr geben." Thomas Dauenhauer mit Tochter Laura-Sofie Dauenhauer-Fritz und Frau Eva-Maria Dauenhauer. Foto: Dauenhauer
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Lässt der Staat Deutschlands Wirte während der Corona-Krise hängen? Zwei fränkische Vertreter des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes machen der Politik heftige Vorwürfe.

Von Ralf Dieter & Diana Fuchs

Hotel- und Gaststättenverband in Franken: Kaum noch Hoffnung für die Branche

Wir erwischen Thomas Dauenhauer zwischen zwei Gesprächen am Telefon. Der Besitzer von zwei Hotels mit Gaststätte und einem Café in Dettelbach ist stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (DEHOGA) in Unterfranken - und hörbar frustriert. Mehr noch: Er macht sich kaum noch Hoffnungen für die gesamte Branche.

"Die Gastronomie ist am Ende", sagt der Chef von 40 Mitarbeitern. Ein bisschen optimistischer gibt sich sein oberfränkischer Kollege Stephan Ertl, der den DEHOGA-Kreisverband Kulmbach leitet und mit fünf Angestellten ein 22-Zimmer-Hotel führt. Aber auch er sieht ohne einen staatlichen Rettungsfonds für die Zukunft schwarz.

Wie haben Sie und Ihre Kollegen die Corona-Krise bislang überstanden?

Ertl: Um Ostern herum wären wir eigentlich ausgebucht gewesen. So aber hatten wir keinen einzigen Gast. Und wir erleben weiterhin tagtäglich Stornierungen, bis weit in den Oktober hinein. Ende Mai wird es vielleicht wieder gewisse Öffnungsmöglichkeiten geben, die werden aber sicher sehr eingeschränkt sein. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir zum Alltag, wie wir ihn kannten, dieses Jahr zurückkehren können.

Dauenhauer: Ich kann unsere Zukunftsaussichten gar nicht düster genug beschreiben. Falls Sie glauben, dass irgendjemand in diesem Sommer oder Herbst noch in einem Biergarten sitzen wird: Vergessen Sie es. Es wird keine Biergärten mehr geben.

Aber der Staat hat doch Hilfen versprochen.

Dauenhauer: Von denen kommt nichts an. Null. All die Versprechen der Politik können Sie vergessen. Das ist alles gelogen.

Ertl: Das sehe ich ein bisschen anders. Land und Bund haben aus meiner Sicht schon viel getan, um überhaupt ein Gastro-Überleben in dieser Situation zu gewährleisten. Auf Dauer wird das aber nicht reichen. Die laufenden Staatshilfen sind nur kurzzeitige Überbrückungsmöglichkeiten.

Das Kurzarbeitergeld fließt, oder?

Dauenhauer: Schön wäre es. Ich habe etwa 40 Mitarbeiter und gleich am Anfang der Krise Kurzarbeit beantragt. Geflossen ist noch nichts. Auf Nachfrage heißt es, dass die Anträge vielleicht im Mai oder Juni bearbeitet werden. Das Monatsende April ist in Sicht. Fragen Sie mich mal, wie ich die Löhne ausbezahlen soll.

Ertl: Ich habe auch Kurzarbeitergeld beantragt und innerhalb einer Woche den Bescheid bekommen. Natürlich ist die Auszahlung Minimum einen Monat zeitverzögert. Aber das Entgegenkommen meiner Bank ist groß - ich glaube, das ist bei fast allen Banken so. Niemand möchte, dass die Betriebe über den Jordan gehen.

Herr Dauenhauer, gibt es also nicht doch eine Chance?

Dauenhauer: Überhaupt keine. Wir kommen alle aus dem Wintergeschäft. Da ist in Franken nicht viel Geld zu verdienen. Im Frühjahr läuft die Hauptsaison wieder an. Aber im Frühjahr kam Corona. Wir hatten schon Vorräte gekauft und Mitarbeiter eingestellt.

Ertl: Das stimmt. Viele gehen nach den einkommensschwachen Monaten Januar und Februar schon mit einem belasteten Girokonto in die Saison. Normalerweise wird das Konto dann durch die Frühjahrsbelebung, durch Hochzeiten, Konfirmationen und Kommunionen, ausgeglichen. Das fehlt heuer. Einige Betriebe haben gesagt: Wir schließen jetzt komplett, um zumindest alle Nebenkosten zu sparen. Andere sagen: Wir fahren die Außer-Haus-Lieferungen hoch, um wenigstens ein bisschen was zu verdienen.

Was machen Ihre Mitarbeiter zurzeit?

Dauenhauer: Sie haben nichts zu tun, aber dürfen nicht heim. Wir haben Mitarbeiter aus 15 Nationen hier, von Polen bis Marokko. Die versorgt unsere Tochter noch zusätzlich mit Essen. Wir können sie ja nicht hungern lassen.

Ertl: Dieses Problem habe ich de facto nicht. Ich habe nur Mitarbeiter aus der Region. In dieser Hinsicht muss ich schon sagen: Größere Betriebe mit mehr Mitarbeitern haben es jetzt viel schwerer als kleine.

Seit sechs Wochen sind Hotels und Gaststätten geschlossen. Mit wie viel Verlust rechnen Sie?

Dauenhauer: Das kann ich Ihnen ganz genau sagen. Ende April werden uns mehr als 200.000 Euro Umsatz fehlen. Wir haben alle Rücklagen längst aufgebraucht. Sogar das Sparbuch der Oma ist leer. Wir stehen an der Wand. Und so geht es fast allen Kollegen, mit denen ich gesprochen habe.

Ertl: Unser Verlust liegt bei zirka 98 Prozent. Etwa zwei Prozent des Umsatzes fange ich aktuell mit Geschäftsreisenden auf. Ich habe deshalb mit den Strom-, Gas- und Wasserversorgern gesprochen und mit ihnen vereinbart, dass ich weniger Abschläge zahle.

Was ist mit versprochenen Soforthilfen?

Dauenhauer: Die werden nach Betriebsgröße gestaffelt. Vom Land Bayern habe ich 15.000 Euro erhalten. Bei Umsatzverlusten von rund 200.000 Euro können Sie sich ausrechnen, was mir das bringt.

Ertl: Die 5.000 Euro Soforthilfe für Kleinbetriebe mit bis zu fünf Mitarbeitern waren innerhalb von einer Woche auf dem Konto. Der Bund hat die Soforthilfe nachträglich auf 9.000 Euro erhöht; die 4.000 Euro vom Bund fehlen noch, aber der Bescheid ist da, also wird das Geld auch kommen. Die Behörden haben natürlich aktuell unglaublich viel zu tun.

Dauenhauer: Vom Bund ist bei mir noch gar nichts angekommen. Auf Nachfrage heißt es bloß, die Mitarbeiter seien alle überlastet.

Aber es gibt doch Darlehen, die man beanspruchen kann.

Dauenhauer: Ja, aber da gibt es so viele Hindernisse, dass sie kaum ein Betrieb wirklich beantragen kann.

Welche Hindernisse?

Dauenhauer: Zum Beispiel muss man in den letzten drei oder vier Jahren rückwirkend einen Gewinn angeben können oder ein gutes Ergebnis im Dezember vorweisen oder, oder, oder...

Es hieß immer, dass die Hilfen unbürokratisch zu erlangen sind.

Dauenhauer: Von wegen. Die Politik hat uns sogar von hinten ins Kreuz getreten.

Das müssen Sie erklären.

Dauenhauer: Wir haben vor rund 20 Jahren eine Versicherung abgeschlossen. 18.000 Euro Prämie pro Jahr haben wir bezahlt. Die würde jetzt greifen. In den ersten zwei Wochen wurde uns auch pauschal von der Versicherung die Hälfte der vertraglich vereinbarten 3.900 Euro ausbezahlt. Dann kam Wirtschaftsminister Aiwanger und meinte, die Rechtslage sei zu unterschiedlich. Er wolle lieber eine pauschale Lösung für alle Betriebe.

Die Konsequenz?

Dauenhauer: Statt 3.900 Euro sollten wir jetzt zehn Prozent, also 390 Euro, erhalten. Und dann hat uns die Versicherung das Messer auf die Brust gesetzt. Wir sollen diesem bayerischen Kompromiss zustimmen und für alle Zukunft auf Leistungen in Zusammenhang mit Corona verzichten. Jetzt stehen wir als Almosen-Bettler da. Eine absolute Katastrophe.

Ertl: Das muss man erklären. Was die Betriebsschließungsversicherung angeht: Hier bieten das bayerische Wirtschaftsministerium und der DEHOGA Bayern zusammen mit den Versicherungen vielen Betrieben eine möglichst schnelle und unbürokratische Lösung an. Aufgrund der verschiedenen Versicherungsbedingungen kann man ja nicht generell sagen, ob jeder Betrieb ein Anrecht auf eine Entschädigung durch seine Versicherung hat. Die sogenannte "bayerische Lösung" stellt somit ein für die Versicherung einseitig verpflichtendes Angebot dar. Zur Zeit- , Kosten- und Nerveneinsparung können die Betriebe dieses Angebot annehmen. Es steht ihnen jedoch auch frei, darauf zu verzichten und etwaige Ansprüche gegen die Versicherungen durchzusetzen. Die Entscheidung kann auf Grundlage der Erfolgswahrscheinlichkeit und der zu erwartenden Entschädigung basieren. Entschädigungen, die auf Grund der bayerischen Lösung gezahlt werden, werden nicht auf die Soforthilfen und das Kurzarbeitergeld angerechnet.

Die Mehrwertsteuer wird nun ein Jahr lang auf sieben Prozent gesenkt.

Dauenhauer: Das fordern wir seit Jahren. Warum zahle ich für die Bratwurst in der Gaststätte 19 Prozent und an der Imbissbude sieben Prozent? Das war noch nie einleuchtend. In der Vergangenheit hätte uns das etwas gebracht.

Jetzt nicht mehr?

Dauenhauer: Ich sehe keine Zukunft für die Gastronomie. Viele Kollegen werden schließen müssen. Kaum jemand hat Rücklagen gebildet. Wie auch? Ertl: Natürlich ist es so, dass größere Betriebe in dieser Krise stärker belastet sind als kleinere. Je größer der Betrieb, desto höher die Fixkosten.

Sehen Sie irgendeine Lösung?

Dauenhauer: Wir müssten ganz schnell wieder in die normale Geschäftstätigkeit zurückkehren. Und das Kurzarbeitergeld und die Soforthilfen müssten jetzt bezahlt werden. Jetzt heißt: in dieser Woche. Das gilt auch für Kredite. Die müssen sofort zur Verfügung gestellt werden. Und zudem müsste ein Hilfsfonds für die Gastronomie zur Verfügung gestellt werden, der echt Hilfe bringt. Vielleicht kommen dann doch noch einige Betriebe über den Sommer.

Ertl: Ich sehe das auch so: Wir brauchen dringend weitere staatliche Hilfen, einen Rettungsfonds für Gastronomie, egal ob auf Länder- oder Bundesebene. Anders als im Einzelhandel oder beim Friseur ist bei uns die Krise nicht vorbei, sobald die Ausgangsbeschränkungen gelockert werden. Wir sind total abhängig von der Wirtschaft: Werden Unternehmen heuer überhaupt wieder Gäste einladen? Wird die normale Bevölkerung genug Geld haben, öfter Essen zu gehen oder - zumindest innerhalb des Landes - zu verreisen? Diese Faktoren sind jetzt noch nicht zu überblicken.

Ihr mittelfränkischer Kollege, DEHOGA-Geschäftsführer Gerhard Engelmann, fürchtet, dass ein Drittel aller Gastro-Betriebe schließen müssen. Wie sehen Sie das?

Ertl: Für mich ist diese Zahl derzeit nur eine Mutmaßung. Sicher ist, es wird für viele in den nächsten zwei, drei Wochen kritisch. Wir haben ja auch viele Unternehmen, die schon seit längerem mit dem Gedanken spielen, ihren Betrieb einzustellen. Und wenn zum bekannten Gasthaussterben nun auch noch eine längere Krise kommt, dann gute Nacht.

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