Stadtsteinach
Geschichte

Klistiere, Aderlass und Zähneziehen

Bereits seit dem 18. Jahrhundert waren in Stadtsteinach Bader tätig.Waren sie anfangs noch die medizinischen Ansprechpartner für das einfache Volk, änderte sich das Berufsbild und Ansehen im Laufe der Zeit.
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In der Hauptstraße 20 befand sich die Praxis des Baders Stefan Weber. Über der Tür ragt das Nasenschild mit dem symbolischen Spiegel als ein Zunftzeichen der Friseure. Repros: Siegfried Sesselmann
In der Hauptstraße 20 befand sich die Praxis des Baders Stefan Weber. Über der Tür ragt das Nasenschild mit dem symbolischen Spiegel als ein Zunftzeichen der Friseure. Repros: Siegfried Sesselmann
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Welch vielfältiges Angebot können heute die Menschen in den westlichen Ländern nutzen, wenn die Gesundheit leidet, wenn Unfälle das Leben unterbrechen oder wenn das Altern beginnt, das Handeln einzuschränken. Es gibt Allgemeinärzte, Fachärzte in zahlreichen Fachrichtungen, Physiotherapeuten, Homöopathen, Heilpraktiker und unzählige Spezialisten für die gesamte Gesundheitspalette.
Ärzte und wissenschaftlich ausgebildete Mediziner waren im Mittelalter nur in Großstädten ansässig und nur für Hochgestellte greifbar. Auf dem Land war vielleicht nur ein Bader für die Wehwehchen der einzige Ansprechpartner und dann auch nur für Betuchte und ehrbare Bürger.

Ausbrennen der Pestbeulen

Im Mittelalter und bis zur Neuzeit oblag den Badern das Aufschneiden und Ausbrennen der äußerst schmerzhaften Pestbeulen und da in den Badeanstalten Krankheiten leicht übertragen wurden, waren sie in der Gesellschaft weniger geachtet. Doch in der Mitte des 19. Jahrhunderts bestanden die Hauptaufgaben in dem als Allheilmittel gepriesenen Aderlass und im Schröpfen mittels erhitzten Schröpfgläsern.

Man war damals überzeugt von der antiken Lehre der vier Körpersäfte Blut, Schleim, gelbe Galle und schwarze Galle. Wenn jemand krank war, war dies ein Zeichnen der Unordnung dieser vier Säfte und durch Blutentzug wollte man das Gleichgewicht wieder herstellen. Deshalb war das Verabreichen von Klistieren eine weitere Maßnahme, den Darm von verdorbenen, krankmachenden und überschüssigen Säften zu reinigen. Weitere Tätigkeiten waren auch das Ziehen von Zähnen, um Säftestau zu beheben. Nicht zu vergessen waren die Salben, die diese "Ärzte der kleinen Leute" selbst herstellten.

Badeordnung seit 1564

In Stadtsteinach existierte seit 1564 eine Badeordnung und man nimmt an, dass eine Badeanstalt mit einem Bader am Marktplatz Nummer 1 für das Wohl der Bürger zuständig war. Noch um 1840 nannte man eine Tür zur Staffel, nördlich des alten Schulhauses, das "Baadthürlein". Doch nach den 13 Punkten dieser Badeordnung schien es sich mehr um ein Bad, ohne große medizinische Eingriffe und Angebote, gehandelt zu haben.
Es werden um 1733 ein Bader Hans Nikolaus Wagner genannt, so wie um 1800 ein Georg Seyferth als Bader und Barbier im Dammweg 1 "uff dem Hügel in der Vorstadt".

Eine vollkommen neue Generation der Bader tauchte in Stadtsteinach auf, nachdem man 1838 in Bamberg eine Bader schule gründete. Deren Aufgaben waren nun vielfältiger, medizinischer Natur und weit angesehener. Die Geschichte eines der ersten approbierten Bader beginnt mit Friedrich Herrmann.

Abschluss mit Note 1

Er wurde 1809 in Kirchleus geboren, besuchte die Lateinschule in Kulmbach und absolvierte die Baderschule in Bamberg von 1836 bis 1838, also vier Semester lang. Er war einer unter weiteren 166 Kandidaten, der diese neueröffnete "Unterrichtsanstalt für das niedere ärztliche Personal" besuchen konnte. Der damals 27-jährige Friedrich Herrmann musste jedoch zuvor eine dreijährige Lehr- und eine einjährige "Servierzeit" bei einem Landarzt oder einem Chirurgen absolvieren. Mit einer erfolgreichen Approbationsprüfung mit der Note 1 beendete er diese Ausbildung.
Zuerst ließ sich Friedrich Herrmann in Kaulsdorf in Thüringen nieder, aber nachdem Kaulsdorf preußisch wurde, zog er wieder nach Bayern und übte seine Praxis um 1867 in Stadtsteinach. Er ging dann nach Schwarzenbach am Wald, weil in Stadtsteinach bereits ein anderer Bader tätig war. In einer Beschreibung der Ausbildung findet man "Kenntnisse einiger Theile der Anatomie und Physiologie, der niederen Chirurgie, die gerichtliche Leichen-Öffnungen, die gesammelte Geburtshülfe, die Krankenpflege und die Anleitung zu augenblicklichen Hülfen in Noth fällen bei Krankheiten bis zur Herbeirufung eines Arztes".

Bau des Krankenhauses

Etwa zur gleichen Zeit plante man den Bau eines Krankenhauses in Stadtsteinach, jedoch zögerten die Stadträte über 20 Jahre, bis endlich 1874 in der Spitalgasse 3 das Bezirkskrankenhaus gebaut wurde. Im neuen Krankenhaus sollten drei Zimmer mit je drei Betten entstehen und ein besonderes Zimmer für "epidemische" Krankheiten. Dieses Krankenhaus sollte also nicht nur die Bürger von Stadtsteinach als Krankenlager dienen, sondern für den gesamten ehemaligen Landkreis zur Verfügung stehen.
Als Ärzte fungierten der Bezirksarzt und der praktische Arzt in Stadtsteinach, damals ein Dr. Lemberg. Für die "Ausübung der niederen Chirurgie", wie etwa das Setzen von Blutegeln, den Aderlass oder das Klistieren, sollte der approbierte (staatlich genehmigter) Bader im Ort herangezogen werden. So war der Bader eine zusätzliche Hilfe für vielerlei Tätigkeiten, für die sich die Ärzte zu schade waren, und viele scheuten den Kontakt mit Blut. So hatten sie Aufgaben wie die Behandlung von Verletzungen, das Richten von Brüchen und die Versorgung offener Wunden, sowie chirurgische Eingriffe. Auf jeden Fall waren diese "Mediziner vor Ort" in ihrer Art das, was man heute als "ganzheitlich" bezeichnet und deshalb ihrer Zeit voraus. Sie behandelten ihre kranken Patienten in umfassenden Zusammenhängen von Natur, Körper, Ernährung, Seele und übersinnlichem Einflüssen.

40 Jahre in Stadtsteinach tätig

Um das Jahr 1864 zog ein Bader namens Andreas Balthasar Weber in die Kulmbacher Straße 11 (Sammethaus), der die dort wohnende Margareta Fießenig heiratete. Andreas Balthasar Weber wurde 1838 in Kirchleus geboren, wie Friedrich Herrmann. Als tüchtiger Sohn des Wegmachers Friedrich Weber besuchte er eine staatliche Baderschule und erhielt dort seine Approbation. Er starb im Jahr 1914 und war 40 Jahre für das Wohl der Stadtsteinacher im Einsatz.
Auch sein Sohn Stefan Weber (1865 - 1944) erlernte das Handwerk des Baders und er bezeichnete sich nach seiner Ausbildung auch als approbierter Bader und Zahntechniker. Er heiratete 1895 Barbara Hebentanz aus der Forstamtstraße 9 und als Witwer 1900 Margareta Rößner aus der Forstamtstraße 8.
Seine Praxis eröffnete er um 1900 in der Hauptstraße 20 in Stadtsteinach und auch sein Sohn Alexander Weber (1896 - 1973), der "Webersch Alex", erlernte den Beruf des Friseurs und sein anderer Sohn Georg (1906 - 1938) war Zahntechniker und auch Friseur. Viele Utensilien aus der Praxis des "Bouder-Steffas" sind im Heimatmuseum zu sehen, das im Hause seines Vaters in der Kulmbacher Straße 11 untergebracht ist. Mit ihm stirbt der letzte Bader, der vielfältige medizinische Dienst anbot, in Stadtsteinach aus.
Im Jahre 1911 heiratete der Dentist und Friseur Georg Ploner aus Herzogenaurach (1886 - 1951) Emma Hohner, die Tochter des Schusters und Gastwirtes Eduard Hohner aus der Kulmbacher Straße 5. Er eröffnete im Februar 1908 seinen Laden am Marktplatz 7 (Meseth) und zog 1927 in die Kulmbacher Straße 2 (Stark). Er bot nicht mehr wie seine Vorgänger die vielfältigen medizinischen Tätigkeiten an, sondern spezialisierte sich auf Zähne und Haare. Erst sein Sohn, der Friseurmeister Ludwig Ploner, zog 1951 in die Kulmbacher Straße 3, wo sich heute noch der Salon befindet.
Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeiteten in Stadtsteinach sieben selbstständige Friseure. Neben Ludwig Ploner und Alex Weber gab es noch in der Knollenstraße 3 Werner Neumann von 1956 bis 1963, im Dammweg 3a und später im Marktplatz 1 Charlotte Kreuzer und anschließend Josef Dreier.

Friseure früher und heute

Im Mühlbach 18 frisierte von 1946 bis 1959 Ilse Hackel, in der Kronacher Straße 18 Ludwig Plischke von 1951 bis 1953 und im Marktplatz 7 zog 1951 Josef Lubina ein, der 1961 seinen Laden im Elternhaus seiner Frau, im Mühlbach 4, eröffnete. Noch heute existieren das Friseurgeschäft Thomas Ploner in dritter Generation und das Friseurgeschäft Josef Lubina in der zweiten Generation. Das Angebot dreht sich nur noch um Haare, doch der Name "Bouder", der liebevoll verwendet wird, ist immer noch im Gebrauch, auch wenn ihr Beruf nicht mehr mit dem vor über 100 Jahren zu vergleichen ist.
Der Türstein über dem Tor der ehemaligen Praxis des approbierten Baders Stefan Weber zeigt nicht das Zunftzeichen der Bader. Es zeigt mit den Initialen JGM, dass der Metzgers Johann Georg Maurer dieses Haus 1640 neu errichtete, nachdem es 1634 abgebrannt war.
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