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Kulmbach
Kundgebung

Klimaneutraler Protest: Bauernfamilien empfangen Umweltminister mit Tret-Bulldogs

Als Umweltminister Thorsten Glauber Sonntagfrüh in Kulmbach ankommt, wird er von 70 Tretbulldogs und vielen Bauernfamilien empfangen.
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Umweltminister Thorsten Glauber (rechts) kam ins Gespräch mit den Bauernfamilien und nahm sich auch Zeit für die Kinder, die mit rund 70 Tret-Bulldogs dabei waren.Jochen Nützel
Umweltminister Thorsten Glauber (rechts) kam ins Gespräch mit den Bauernfamilien und nahm sich auch Zeit für die Kinder, die mit rund 70 Tret-Bulldogs dabei waren.Jochen Nützel
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Wie oft kommt es vor, dass ein Politiker durch ein Spalier von Protestierenden geht und dabei lächelt? So geschehen gestern Vormittag: Als Bayerns Umweltminister Thorsten Glauber (Freie Wähler) auf dem Weg zum Neujahrsempfang seiner Partei in der "Kommunbräu" ist, empfängt ihn ein Traktor-Korso - aber in diesem Fall handelt es sich um die absolut CO2-freie Form, denn es sind Kinder, die auf ihren Tret-Bulldogs den hohen Besuch aus München geleiten. Vorletzten Freitag hatten Tausende Landwirte an einer großen Bauern-Demo in Nürnberg teilgenommen, bei der Nazi-Banner an einzelnen Traktoren für Ärger sorgten.

Die Mini-Trecker tragen Transparente wie die großen Vorbilder. Sebastian Erlmann stellt auf seinem Schlepper die Frage: "Mein Uropa: Bauer. Mein Opa: Bauer. Mein Papa: Bauer. Ich ???" 250 Jungen und Mädchen mit ihren Eltern sind es, die den Minister auf ihre Sorgen und Nöte aufmerksam machen wollen. Glauber nimmt sich trotz Termindrucks Zeit für die Kinder, fragt nach ihren Familien und will wissen, was das alles für Gefährte sind, mit denen sie angerollt kommen.

Mit ihrem "Positionspapier" bewaffnet, erwarten die beiden Organisatoren und Unterstützer der Kundgebung, Tobias Weggel und Heiko Kaiser von der Initiative "Land schafft Verbindung", den Minister. In dem Schreiben soll es dezidiert nicht um die "großen Räder" gehen, nicht um Düngemittelverordnung und Gebietskulissen, sondern gezielt um die Herausforderungen des Landwirtschafts- und Lebensmittelstandorts Kulmbach.

Ferkelkastration: Was kommt?

"Als Schweinehalter beschäftigt mich vor allem das Kastrationsverbot von Ferkeln, welches am Ende des Jahres ansteht", sagt Heiko Kaiser. Es müsse eine praktikable Lösung gefunden werden. Die bisherige Begasung bei der Kastration mit einem Betäubungsmittel sei fragwürdig. "Es gibt die andere Möglichkeit der Betäubungsinjektion, die viele Vorzüge hat: Sie ist für das Tier schonender, einfacher in der Anwendung - und sogar unterm Strich günstiger für den Landwirt." Andere EU-Länder praktizierten bereits unter dieser Maßgabe. "Dazu bräuchten wir in Deutschland aber eine Änderung des Betäubungsmittelgesetzes. Das jedoch kann nur die Politik veranlassen."

Kaiser betonte, von solchen Vorgaben hingen ganze Wertschöpfungsketten ab. "Es beginnt mit der Auslastung des Schlachthofs, weil geklärt sein muss, ob noch genügend Schweine aus der Region angeliefert werden, geht weiter über die Zukunft der Fleischforschung und der Technikerschule bis hin zum Bestand der lokalen Metzger. Das Veterinärwesen fällt in Herrn Glaubers Ressort - daher sind wir hier, weil es viele offene Fragen gibt."

Der Minister entgegnet, das Thema sei auf Bundesebene seit Jahren nicht wirklich bearbeitet worden. "Oft hat man nur versucht, Zeit und Land zu gewinnen. Es gibt diverse Studien dazu, für viel Geld in Auftrag gegeben vom Bund - und diese Studien müssen ja irgendwann einmal zu einem Ergebnis kommen." Da nehme er Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner in die Pflicht, den Landwirten zu sagen, welcher Weg der gangbare ist. "Was nicht geht ist, dass wir als Land Bayern Hausaufgaben für andere machen. Wenn wir die Auswertungen haben, können wir auch die Entscheidung treffen."

Planungssicherheit gefordert

Es gibt diverse solcher Entscheidungen, die im Positionspapier angesprochen werden und keinen Aufschub duldeten: von den Vorgaben zur Gülle-Lagerung und Biogaskleinanlagen über die Veterinärkontrollen auf den Höfen bis hin zu Regelungen beim Kälbertransport und den diversen Agrarumweltmaßnahmen. "Ohne das gibt es keine Planungssicherheit für uns", sagt Alexander Eber. Er bewirtschaftet einen Milchviehbetrieb in Höferänger und ist mit seinen drei Kindern vor Ort. Die Ungewissheit der bäuerlichen Zukunft und damit der Hofnachfolge ist ein Punkt, der ihn um- und letztlich auf die Straße treibt. "Dieser Protest heute zeigt doch deutlich: Hinter jedem Betrieb steht immer eine ganze Familie, die davon leben können muss. Das wollen wir unterstreichen."

Die Höfe im Landkreis seien kleinstrukturiert und würden bereits jetzt viel in Sachen Nachhaltigkeit und Umweltschutz tun. "Wir haben hier eine Sonderstellung. Es werden viele Programme mit ökologischem Hintergrund umgesetzt - aber das kostet uns Geld. Dazu brauchen wir die Unterstützung der Politik, auch was die Wertschätzung unserer Arbeit für die Öffentlichkeit angeht." Es könne nicht sein, so Eber, dass Kinder aus Bauernfamilien aufgrund der Tätigkeit ihrer Eltern gemobbt würden. Manche Kinder würden gehänselt und ausgegrenzt. Sogar Lehrkräfte hätten im Unterricht angedeutet, an welchen Fehlentwicklungen Bauern angeblich die Schuld trügen. "Es gab Fälle, die so gravierend waren, dass Kinder die Schule wechseln mussten. In einer Kleinstadt wie Kulmbach ist das zum Glück noch nicht so ausgeprägt, aber die Entwicklung stimmt doch bedenklich." Gegensteuern könne man am besten, "wenn Landwirte direkt in den Schulen die Hintergründe ihrer Produktionsweise den Kindern nahebringen".

Das sieht offenbar auch Thorsten Glauber so: "Es nutzt keinem, eine idealisierte Landwirtschaft darzustellen, sondern es muss um das wahre Leben gehen, wie es an 365 Tagen auf einem Hof stattfindet." Sebastian Erlmann stellt die Frage nach seiner Zukunft als Landwirt.

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