Kulmbach
Interview

"Kinder sollten es uns wert sein!"

Yvonne Wiesenmüller leitet den Kindergarten Höferänger. Die Arbeit findet sie erfüllend, doch die Rahmenbedingungen bereiten ihr Kopfzerbrechen.
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Yvonne Wiesenmüller (45) ist seit Frühjahr 2011 die Leiterin des evangelischen Kindergartens in Höferänger.  Derzeit gehören zum Team acht Mitarbeiterinnen im pädagogischen Fachpersonal. Sie kümmern sich in vier Gruppen um insgesamt 79 Kinder. Laut Wiesenmüller ist das "schon über der Obergrenze".privat
Yvonne Wiesenmüller (45) ist seit Frühjahr 2011 die Leiterin des evangelischen Kindergartens in Höferänger. Derzeit gehören zum Team acht Mitarbeiterinnen im pädagogischen Fachpersonal. Sie kümmern sich in vier Gruppen um insgesamt 79 Kinder. Laut Wiesenmüller ist das "schon über der Obergrenze".privat

Das Arbeiten mit Kindern: Für Yvonne Wiesenmüller ist es nicht allein Beruf, sondern Berufung. Dennoch stellt sich die Leiterin des evangelischen Kindergartens in Höferänger viele Fragen. Eine davon: Wie steht es um die Fachkräfte von morgen - angesichts der hohen Anforderungen bei vergleichsweise geringem Einkommen in diesem Job? Frau Wiesenmüller, wie stellt sich Kindergartenarbeit aktuell dar? Sind Kinder anders geworden? Oder Eltern?

Yvonne Wiesenmüller: Die Kindergartenarbeit ist viel komplexer, wird täglich auf eine Art Prüfstand gestellt und mit den enormen Erwartungen der Eltern, der Bildungspläne und des Qualitätsmanagements abgeglichen. Außerdem kommen immer mehr zeitaufwendige Aufgaben hinzu.

Ob Kinder anders geworden sind? Nein.Kinder sind schon von Natur aus ein Phänomen, wollen mit großer Neugier und Wissensdurst die Welt ganz unvoreingenommen erkunden. Unsere Aufgabe ist es, unsere Kinder liebevoll ein Stück des Weges bei ihrer Entwicklung zu begleiten, ihnen Fähigkeiten und Fertigkeiten an die Hand geben, um sie gefestigt und vorbereitet in die Schule zu entlassen. Kinder an sich haben sich nicht verändert - jedoch das eigene soziale Umfeld von Eltern und Kindern, familiäre Konstellationen, Freizeitangebote werden immer mehr, der Leistungsdruck in der Schule ist gestiegen, aber auch der Medienkonsum von Kindern und Eltern. Das prägt die Kinder, fordert zugleich auch Eltern und verändert sie. Zu beobachten ist allgemein, dass Kinder oft mit Computer-/Handyspielen etwa im Wartezimmer bei Ärzten, beim Essen, in Bus/Bahn/Auto ruhiggestellt werden. Das Stichwort Medienkonsum ist gefallen. Täuscht das Gefühl, oder wird die Aufmerksamkeitsspanne bei Kindern geringer?

Der Eindruck täuscht nicht. Wir haben ja auch eine Schulkindbetreuung für die erste bis dritte Klasse bei uns, und da merkt man es bisweilen auch. Die Jungen und Mädchen sind mit Computerspielen vertraut und wissen, was da angesagt ist. Solche Kinder nutzen auch Spiele, die für ihr Alter eigentlich nicht geeignet sind, unter anderem kommen sie durch ältere Geschwister dran, aber auch über die Eltern, die Zocken als Hobby und Entspannung nutzen. In Maßen ist das Okay, und ich verurteile das nicht, stelle aber fest: Kinder sind nervöser, hibbeliger, manchmal gereizter, aggressiver, bewegen sich nur ungern oder unter Protest und haben Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren oder ihre Freizeit abseits von Medien zu gestalten.

Wie kann man im Kindergarten auf die Herausforderung reagieren?

Was Mediennutzung angeht: Man kann sie nicht gänzlich fernhalten, da es selbst bei uns, in der Schule und überall dazugehört. Aber: Man kann Kindern zeigen, wie Freizeit anders zu gestalten geht, vielfältige Angebote in der Natur zum Ausgleich anbietet, ein gutes Vorbild ist und ein Gespräch oder Spaß mit einem "echten" Freund draußen in der Natur mehr Abenteuer bringt, als anonym am Handy zu zocken oder zu chatten.

Hilft ein Verbot?

Mir geht es eher darum, ein Bewusstsein im Kind zu wecken und es mit in eine Entscheidung einzubeziehen und dafür Regeln zu erarbeiten. Am besten ist, wenn Kinder selber zu einer Erkenntnis kommen, das fruchtet mehr. Hinzu kommt: Mit dem christlichen Fundament unserer Arbeit hier in Höferänger und dem achtsamen Umgang miteinander kann man bei Kindern viel erreichen. Das wiederum überträgt sich in der Gruppe, denn Kinder untereinander regeln vieles von alleine.

Dennoch braucht es natürlich Personal. Ist es einfach oder schwer, gute Fachkräfte zu bekommen?

Momentan sind wir zum Glück sogar überdurchschnittlich gut aufgestellt. Das ist auch eine gute Vorgabe unseres evangelischen Kindergartenvereins, der sich das einiges kosten lässt. Aber ich schaue natürlich über den Tellerrand und weiß, dass es in Bayern für unsere Arbeit an Personal mangelt. Die Themen bleiben: Gut ausgebildete und belastbare Fachkräfte fehlen; dazu kommen schlechte Rahmenbedingungen, höhere Anforderungen, schlechte Bezahlung, die hohe Fluktuation von Mitarbeiterinnen. Das hat in erster Linie einen an sich erfreulichen Grund, nämlich eine Schwangerschaft. Doch es ist für den Arbeitgeber schwierig, sofort - also ab dem Beschäftigungsverbot - neues Personal zu finden und mitten in der Planung umzustellen. Kollegen müssen diese Personalstunden kompensieren. Nicht zu vergessen: Der Fachkraftschlüssel ist einzuhalten, um staatliche Förderungen nicht zu verlieren.

Wie steht es um die Ausbildung?

Die Ausbildung einer Kinderpflegerin/pädagogischen Ergänzungskraft an der Kinderpflegeschule und einer Erzieherin unterscheiden sich gravierend. Als Kinderpflegerin verdient man in den ersten beiden Jahren tatsächlich gar nichts, macht also sozusagen ein unbezahltes Praktikum einmal pro Woche oder Blockpraktikum in einer Einrichtung. Wer das trotzdem machen möchte, braucht finanziellen Rückhalt aus dem Elternhaus.

In der Erzieherinnenausbildung ist es so, dass immerhin festgeschriebene Sätze gezahlt werden, die aber wieder abhängig sind vom Träger der jeweiligen Einrichtung. Man kann an einer Fachschule für Sozialpädagogik die Erzieherausbildung anstreben. Dann muss man den Weg durchlaufen, sprich mit der Kinderpflegeausbildung beginnen. Sollte man dann die Prüfung zur Erzieherin nicht schaffen, hat man immerhin eine abgeschlossene Ausbildung in der Tasche. Wer es bis zum Schluss schafft, kommt auf fünf Jahre: zwei Jahre Vorpraktikum, dann die Ausbildung und danach das Berufspraktikum als Erzieherin. Als pädagogische Ergänzungskraft an der Kinderpflegschule sind es zwei Jahre Ausbildung.

Konkret gefragt: Kann man von dem Gehalt überhaupt leben?

Ich sage mal so: Wenn eine Frau damit als Zweitgehalt das Familieneinkommen aufbessert, mag es gehen. Aber wer alleine davon klarkommen muss, hat es schwer. Gerade Männer in diesem Beruf schreckt das ab. Für das, was man leisten muss, ist es nicht angemessen bezahlt - und für das, was alles erwartet wird, ist es schon gleich dreimal nicht angemessen bezahlt.

Ich selber bin zufrieden mit der Entlohnung, denn ich habe in diesem Beruf meine Berufung gefunden. Ich liebe diese Arbeit und nehme dafür auch weniger Einkommen in Kauf. Man trägt viel Verantwortung.

Die Rahmenbedingungen, die angemessene Bezahlung und auch der Betreuungsschlüssel für U3/Krippenkinder gehören auf den Prüfstand. Der Betreuungsschlüssel entspricht nicht den Anforderungen. Da wird kein Unterschied gemacht, wie alt die Krippenkinder sind.

Haben Sie Einflussmöglichkeiten?

Eine Handhabe habe ich in erster Linie über unseren Träger, den evangelischen Kindergartenverein. Da habe ich zum Glück den Rückhalt des Vorstandes, um genügend Personal einzustellen. Politisch dauert es leider ganz lange. Immerhin hat Sozialministerin Franziska Giffey sich des Themas angenommen. Die Bürokratie ist, wie fast überall, auch bei uns eine Krux. Dabei sollte der Staat ohne Wenn und Aber in Kindergärten und Schulen gleichermaßen intensiv und für alle Kinder gleich investieren. Die Kinder sollten uns das wert sein. Andere Länder sind da weiter.

Hand aufs Herz: Würden Sie den Beruf wieder ergreifen - und würden Sie jungen Menschen dazu raten?

Ich selbst würde diesen Beruf jederzeit wieder wählen. Beim Empfehlen bin ich vorsichtig und gebe zu bedenken: Es ist ein Job mit Stress und Lärm, den man aushalten können muss, dazu mit geringerem Geld auskommen und hohen Anforderungen und mit bisweilen mangelnder Wertschätzung. Das muss jeder für sich abklären. Wer sich in der Kinderbetreuung sieht, der sollte es mit viel Liebe, Herz, Hand und Verstand versuchen.

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