Kulmbach
Konflikt

Kein Frieden bei Auto Scholz

Der Streit um einen Haustarifvertrag geht weiter. Jetzt sprechen die Beschäftigten und kritisieren den Geschäftsführer. Der kontert mit scharfen Worten.
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Das gab es in der 125-jährigen Firmengeschichte von Auto Scholz zuvor noch nie: Die Mitarbeiter am Standort Kulmbach in der Albert-Ruckdeschel-Straße streikten. Ihr Ziel war und ist bis heute: eine Neuauflage des Ende 2018 ausgelaufenen Haustarifvertrags. Foto: Archiv/IG Metall
Das gab es in der 125-jährigen Firmengeschichte von Auto Scholz zuvor noch nie: Die Mitarbeiter am Standort Kulmbach in der Albert-Ruckdeschel-Straße streikten. Ihr Ziel war und ist bis heute: eine Neuauflage des Ende 2018 ausgelaufenen Haustarifvertrags. Foto: Archiv/IG Metall

Der Frust sitzt tief bei den Beschäftigten von Auto Scholz. Acht Männer und eine Frau sitzen in Pötzingers Gaststube in Bayreuth und machen ihrem Ärger Luft. Dieser richtet sich in erster Linie gegen den Geschäftsführer des Unternehmens, der seit dem Auslaufen des bisherigen Haustarifvertrags Verhandlungen über eine Neuauflage ablehnt und ihn durch individuell vereinbarte Einzelverträge ersetzen will.

Die Beschäftigten macht das wütend. "Wir nehmen bereits seit 2003 Lohnverzicht und unbezahlte Mehrarbeit in Kauf. Wir haben das ohne Murren gemacht, weil es dem Unternehmen nicht gut ging", sagt ein Betriebsrat. "Aber jetzt macht die Firma wieder Gewinn, und da ist es doch nur fair, wenn auch die Mitarbeiter ein kleines Stück vom Kuchen bekommen." Doch das Gegenteil sei der Fall: Arbeitsbelastung und Krankenstand steigen, die Motivation ist im Keller. "Man geht nicht mehr gerne auf die Arbeit."

Mit dabei ist bei dem Gespräch auch Robin Schoepke, bei der IG Metall Ostoberfranken zuständiger Sekretär für den Betrieb. Er hat das Treffen mit Journalisten organisiert. Es wurde Anonymität vereinbart, da die Mitarbeiter Repressalien befürchten, wenn ihr Name in der Zeitung steht.

Seit Anfang Juni sorgt Auto Scholz mit Sitz in Bamberg und Standorten unter anderem in Kulmbach (rund 50 Mitarbeiter) und Bayreuth (etwa 120 Mitarbeiter) für Schlagzeilen. Mit Warnstreiks verliehen die Mitarbeiter ihrer Forderung Nachdruck. In Kulmbach waren die Beschäftigten Anfang Juni auf die Straße gegangen, ein Novum in der 125-jährgen Geschichte des Unternehmens. Mitte Juli beteiligten sie sich an einem zweiten Warnstreik in Bamberg, wenig später an einem Mittagspausen-Protest in Bayreuth.

Warum wollen die Mitarbeiter unbedingt einen Haustarifvertrag? "Das gibt Sicherheit", sagt ein Kulmbache Mitarbeiter. "Wir wollen dass Vereinbarungen eingehalten und die Leistungen der Mitarbeiter wertgeschätzt werden, auch finanziell. Das ist bisher nicht der Fall. Und wir möchten nicht, dass jeder zum Einzelkämpfer wird."

Aktuell sind die Fronten verhärtet: Michael Eidenmüller, Eigentümer und Geschäftsführer von Auto Scholz, lehnt weitere Verhandlungen mit der Gewerkschaft radikal ab. "Für Verunsicherung ist nicht das Unternehmen verantwortlich, sondern die IG Metall, die mit Hetzkampagnen und Lügen Stimmung gegen uns macht." Er bezahle Löhne über dem Bundesdurchschnitt aller Mercedes-Benz-Vertragspartner. Mehr ist nicht drin."

Der Lügen-Vorwurf, den Eidenmüller schon einmal gegenüber der BR geäußert hatte, war der Grund dafür, dass sich jetzt die Mitarbeiter zu Wort gemeldet haben. "Das lassen wir nicht auf uns und auch nicht auf der IG Metall sitzen", sagen sie. "Wir arbeiten 39 statt 36 Stunden ohne Lohnausgleich, Weihnachtsgeld gibt es nicht, Urlaubsgeld nur zu Hälfte, und die Bezahlung liegt inzwischen 13 Prozent unter dem Flächentarif."

Dieser gilt nach Auslaufen des Haustarifs wieder: Für mehr als 50 Gewerkschaftsmitglieder hat der Firmenchef derzeit Geltendmachungen für die Entlohnung geleisteter Überstunden auf dem Tisch. Zahlt er nicht, sieht man sich vor Gericht wieder.

Volker Seidel, Bevollmächtigter der IG Metall Ostoberfranken, kann sich Eidenmüllers harte Haltung nicht erklären. Über Jahre sei man sich immer einig geworden. "Wir sind nach wie vor zum Gespräch bereit."

Doch Michael Eidenmüller stellt klar: "Ich verhandle nicht mehr mit der IG Metall!" Hat er keine Angst, dass er mit seiner starren Haltung dem Unternehmen schadet und wertvolle Mitarbeiter verliert? Allzu besorgt zeigte sich der Geschäftsführer nicht. Die Mehrheit der Beschäftigten ist seiner Einschätzung nach "sehr zufrieden".

Doch in der Belegschaft tragen sich nicht wenige mit dem Gedanken an einen Wechsel. Fachkräfte sind gesucht: "Wenn ich morgen früh kündige, kann ich mittags in einer anderen Firma anfangen und verdiene dort sogar mehr", sagt ein Mechaniker. Warum er nicht einfach geht? Aus Solidarität. "Wir sind ein tolles Team, und ich fühle mich meiner Firma verbunden", sagt er. Doch wenn sich nichts ändert? "Dann ist nächstes Jahr ein Drittel der Kollegen weg, vielleicht auch mehr..."

Tarif oder Einzelverträge:

Wie sieht es bei anderen aus?

Bei Auto Scholz kämpfen die Mitarbeiter für einen Tarifvertrag, der in ihrem Haus lange Tradition hat. In anderen Häusern der Branche gab es noch nie Tarifverträge. Darauf stützt sich auch Michael Eidenmüller. Von den 1300 Beschäftigten seines Unternehmens betreffe die aktuelle Diskussion nur 300 Mitarbeiter.

Mehr als 90 Prozent der Autohäuser haben keinen Tarif, sagt er. Stimmt das? Scholz-Mitarbeiter berichten, dass es in anderen Betrieben zwar keinen Tarifvertrag gebe, aber dennoch nach Tarif oder besser bezahlt werde.

Die IG Metall hält sich in dieser Frage bedeckt. Im Fall Auto Scholz möchte Bevollmächtigter Volker Seidel Vergleiche vermeiden. "Wenn andere Unternehmen nie einen Tarifvertrag hatten, ist das kein Grund, sich von diesem Konzept zu verabschieden, wenn das eigene Haus eine lange Tarifhistorie hat. Tatsache ist, dass ohne Tarifvertrag das Einkommensniveau drastisch sinkt. Deshalb ist unser Ziel, dass die Tarifbindung wieder zunimmt."

Kommentar:Verfahrene Situation mit vielen Verlierern

Eiszeit bei Auto Scholz: ein Chef, der auf stur schaltet, Mitarbeiter, die unzufrieden sind, eine Gewerkschaft, die das Beste für ihre Mitglieder herausholen will, das aber nur kann, wenn letztere erstens zahlreich und zweitens standfest sind.

Wer hat Recht? Was ist die beste Lösung, mit der alle Beteiligten gut leben könnten? Das lässt sich im Fall Auto Scholz von außen nicht beurteilen. Da steht Aussage gegen Aussage. Und auf manche Fragen bekommt man offiziell gar keine Antwort. Zu groß ist die Sorge, dass die Wahrheit Probleme verschärfen und die eigene Verhandlungsposition schwächen könnte. Unternehmen und Gewerkschaften lassen sich nicht in die Karten schauen.

Was man als Beobachter dennoch beurteilen kann, sind die Auswirkungen, die solche Konflikte mit sich bringen. Sie zerstören das Wir-Gefühl, den Willen, mehr zu leisten als verlangt wird. Geld ist dabei sicher nicht alles, aber wenn Mitarbeiter in schlechten Zeiten Abstriche machen, sollten sie guten Zeiten belohnt werden. Statt dessen drohen gerichtliche Auseinandersetzungen.

Eine verfahrene Situation, bei der es letztlich nur Verlierer gibt, wenn keine Lösung gefunden wird. Die Mitarbeiter haben keine Freude an der Arbeit, werden krank oder kündigen. Ohne gute Leute kann das Unternehmen nicht erfolgreich sein. Und die Gewerkschaft verliert an Bedeutung, wenn sie nicht mehr am Verhandlungstisch sitzt.

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