Bayreuth
Protest

Jugendliche streiken auch in Bayreuth und Kulmbach fürs Klima

Die "FridayforFuture"-Streiks sind auch in der Region angekommen, etwa in Bayreuth. Am 29. März wird zum ersten Mal in Kulmbach gestreikt.
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Organisatorin Magdalena Schlags (rechts) bei der Endkundgebung des Streiks in Bayreuth.Franziska Sittig
Organisatorin Magdalena Schlags (rechts) bei der Endkundgebung des Streiks in Bayreuth.Franziska Sittig
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"Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Zukunft klaut!", "There's no planet B" oder "Keine Toleranz für Klima-Ignoranz" - mit solchen oder so ähnlichen Formulierungen prescht momentan eine Welle durch Deutschland, durch Europa, durch die Welt. Protest ist angesagt, ein bisschen erinnert es an die berüchtigten Studentenrevolten der 68er-Bewegung - jenes Phänomen, das man diese Tage vor der Münchner Feldherrenhalle, dem Berliner Bundestag, in den Städten Neuseelands und sogar an Wissenschaftsstationen am Südpol antrifft.

An jedem Freitagvormittag während der Schulzeit - am kommenden Freitag wird es erstmals auch in Kulmbach soweit sein. Und darin findet sich schon der erste und beliebteste Kritikpunkt an den "Fridays for Future"-Demonstrationen, die weitestgehend von Schülern auf Kosten ihrer Unterrichtsstunden geführt werden. Insbesondere nach dem internationalen Streiktag, der auch an Deutschland nicht spurlos vorübergegangen ist , häufen sich Vorwürfe vonseiten der Politik, die Schulschwänzen während der Unterrichtszeit nicht akzeptieren will und auch gar nicht kann.

Denn trotz des Demonstrationsrechts gelte ausnahmslos die Schulpflicht, betonten in den Tagen immer wieder verschiedene Schulministerien in Deutschland, die sich bezüglich der Konsequenzen für streikende Schüler während der Schulzeit bislang untereinander noch uneinig sind. Mittlerweile jedoch werden Verweise und Einträge im Zeugnis von den meisten Schulen verhängt.

Von Mut und echtem Engagement zeuge es also, wer solche Konsequenzen hinnehme und sich dennoch außerhalb des Klassenzimmers für die Umwelt einsetze, so die 16-jährige Magdalena Schlags. Als eine von fünf Organisatoren der "Fridays for Future"-Ortsgruppe in Bayreuth hat die Q11-Schülerin des Markgräfin-Wilhelmine-Gymnasiums auf jegliche zweiflerischen Stimmen gegenüber den Umwelt-Aktionen leidenschaftlich-überzeugte Argumente parat: "Wir schwänzen Schule an ein paar wenigen Stunden pro Woche, wohingegen die Politik jahrelang ihren Job versäumt hat. Man hätte sich etwa viel mehr auf die Einhaltung des Pariser Abkommens von 2015 fokussieren müssen, anstatt dem Verbrauch an schwindenden Rohstoff-Ressourcen immer tatenloser zuzusehen. Es ist einfach nicht fair, dass große Industrienationen benachteiligtere Regionen der Dritten Welt weiter ausbeuten und sich selbst aus Klima-Abkommen rausmogeln. Wir wollen, dass die Politik endlich handelt und schleunigst nachhaltige Handlungsweisen entwickelt. Dafür gehen wir auf die Straße!"

Mit "Wir" sind zum internationalen Streik am 15. März immerhin rund 250 Menschen in Bayreuth zusammengekommen, die mit selbst gebastelten Plakaten und viel Lärm durch die Innenstadt gezogen sind. Als einer der beauftragten Schüler-Ordner, die den Lauf koordiniert haben, vertritt Justin Brückner, 19 Jahre, bereits von Kindesbeinen an die Überzeugung, dass Mutter Natur mehr geachtet werden muss. " Schon in der Grundschule bin ich mit Unterschriftenpetitionen von Haustür zu Haustür gelaufen, um die Menschen zu ordentlicher Mülltrennung zu animieren. Auch meine persönliche Lebensgestaltung richte ich sehr stark an den nachhaltigen Faktoren aus, hebe zum Beispiel auf dem Heimweg herumliegenden Müll auf und entsorge ihn. Sehr strikt vermeide ich auch Flugreisen - einfach weil der Grad an Umweltverschmutzung mit einem einzigen Flug bereits ein ganzes Jahr sämtlicher Bemühungen, im Alltag umweltschonender zu leben, zunichtemachen kann".

Das Verbot von Inlandsflügen sei Justins Meinung nach eines der obersten Ziele, denen sich die deutsche Umweltpolitik zuwenden solle, um den schlimmsten Schaden noch abzuwenden. Wissenschaftlern zufolge steht die Welt nämlich bereits vor dem Point of no return, an dem der bereits der Umwelt zugefügte Schaden auch unter großen Bemühungen seitens der Menschheit nicht mehr rückgängig gemacht werden kann. Unter diesen Umständen könnten sogenannte "Kippelemente" das Klimasystem vollständig auf den Kopf stellen und unumkehrbare Ereignisse nicht absehbaren Schadens lostreten. Schwindende Eisschilde und Gletscher an den Polen, tauende Permafrostböden in Russland oder immer länger werdende Dürre- und Hitzeperioden sind nur einige von unzähligen Beispielen.

Genau wie Magdalena betrachtet Justin aus der Q12-Stufe des Graf-Münster-Gymnasiums in Bayreuth jene Vereinbarung des Pariser Klimaabkommens, die globale Erderwärmung auf unter zwei Grad zu beschränken, als unabdingbar. "Auf Dauer nutzt uns auch das stabilste Wirtschaftssystem nichts, wenn die Erde in Gefahr ist", so Brückner.

Doch werden sich internationale Akteure wirklich vom plötzlichen Protest demonstrierender, meist minderjähriger junger Leute beeindrucken lassen? Besitzen Umweltaktivisten mit der Schwedin Greta Thunberg als Gesicht überhaupt ausreichend Erfahrung und Kenntnisse, um für eine geschützte Zukunft einstehen zu können? "Die Schüler fangen in ihrem jungen Alter ja erst an, sich über die Folgen der Erderwärmung und die Folgen für ihre eigene Zukunft Gedanken zu machen. Daran zeigt sich, dass sie bereits jetzt merken, wie dringend der Schädigung unseres Lebensraumes ein Stopp gesetzt werden muss. Klar, wir Schüler nutzen auch Smartphones und andere Geräte, für die riesige Erdöl- und Kohlevorkommen aufgebracht werden. Der Vorwurf vonseiten vieler Politiker, nur verwöhnte Kinder zu sein und nach einem Streik vergnügt zu McDonald's zu gehen, Mengen an Verpackungsmüll zu produzieren und mit Internet-Surfen unbehelligt Strom zu verbrauchen, ist jedoch vollkommen überzogen", entrüstet sich Magdalena Schlags. "Deswegen ist es ja nicht weniger wert, auf der Straße zu demonstrieren - zumal bei den FFF-Streiks extra für eine klimaneutrale Anreise gesorgt ist". Zusätzlich zu den obligatorischen Streiks an Freitagvormittagen plane sie mit dem Orga-Team aus Bayreuth weitere Aktionen, etwa eine baldige 24-Stunden-ohne-Handy-Challenge, um zu zeigen, dass die Schüler nicht nur protestieren, sondern ihre eigenen Forderungen nach mehr Umweltachtsamkeit auch selbst in die Tat umsetzen könnten.

Auch persönlich versuche sie, so oft wie möglich auf das Auto zu verzichten und - ähnlich wie Justin, der bald eine längere "Plastikfastenzeit" einlegen möchte -, mehrmals dieselben Behälter zu benutzen, um unnötigen "waste" einzusparen.

Hinter einer solch ernsthaften Intention stehen die meisten Jugendlichen in Deutschland und im Rest der Welt: Zeigen, dass man sich für seine eigene und die Zukunft der Mitmenschen mit Leib und Seele einsetzt, anstatt nur ein paar Stunden weniger langweilige Unterrichtszeit pro Woche herauszuschlagen. Indem den Schülern vorgeworfen werde, das notorische Schulschwänzen als strategische Methode für öffentliche Aufmerksamkeit geschickt zu verwenden, werde die ganze Umwelt-Bewegung nur kleingemacht, da sind sich die beiden Oberstufenschüler Magdalena und Justin einig.

Dass auf Unwissenheit und Naivität von jungen Schülern ausgewichen werde, die angeblich gar nicht wüssten, was sie der Politik mit ihren Forderungen für den Klimaschutz abverlangen würden, sei ein offensichtlicher Ablenkungsversuch von der Tatsache, dass es im Schulleben an ebendieser notwendigen Auseinandersetzung mit Umweltschutz erheblich mangele - und in der Politik sowieso.

Den dort agierenden Profis, den Erwachsenen, solle doch bitte der Klimawandel überlassen werden, während Schüler erst einmal ihre Schulaufgaben zu erledigen hätten, so drückte es FDP-Bundesvorsitzender Christian Lindner kürzlich aus.

Im Gegensatz dazu haben sich bislang aber auch deutsche Politiker verstärkt für das Engagement der Schüler als wichtiges Erkennungsmerkmal freier demokratischer Willensbildung ausgesprochen -allen voran Bundeskanzlerin Merkel.

Infokasten

Mit der "Fridays for Future"-Bewegung plädieren Jugendliche seit Monaten für besseren Klimaschutz und eine verschärftere Umweltpolitik. Von der 16-jährigen Schwedin Greta Thunberg initiiert, die im August vergangenen Jahres erstmals an einem Freitagvormittag vor dem schwedischen Parlament in Stockholm offiziell streikte und nun für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen wurde, ist in den letzten Monaten eine internationale Massenbewegung erwachsen.

Ganz bewusst gehen vorwiegend Schüler freitags während der Schulzeit auf die Straße, um einerseits die Wichtigkeit des Klimaschutzes noch vor der Schulpflicht zu demonstrieren. Andererseits dient die durch das rechtlich verbotene Schulschwänzen umso höherer medialer Aufmerksamkeit, um für noch mehr Sensation zu sorgen und dadurch mehr Leute zum Klimaschutz zu animieren. Mit Erfolg: Mehr als eine Million Jugendliche in 2000 Städten von 125 Ländern beteiligten sich am ersten internationalen Streiktag am 15.März, allein 300.000 wurden in Deutschland gezählt. Hierzulande werden beständig Netzwerke unter den Jugendlichen erweitert: So ist die "Fridays for Future Germany"-Aktion in über 155 Ortsgruppen organisiert, die wiederum durch eigene WhatsApp-Gruppen vorrangig Vernetzung unter den Jugendlichen betreiben und Streiks in den jeweiligen Städten organisieren.

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