Kulmbach
Mikroplastik

Ist Kunstrasen gefährlich für die Umwelt?

Kunstrasen ist ein Traum für viele Fußballer. Auch in Kupferberg und Kulmbach will man solche Plätze bauen. Aber das Granulat ist in Verruf geraten. Zu Recht? Der TSV Neudrossenfeld und ein Bayreuther Wissenschaftler haben Zweifel.
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Fußball in Neudrossenfeld: Was hier schwarz aufstaubt, ist das Gummigranulat, das beim Kunstrasenplatz eingestreut wird. Foto: Alexander Muck
Fußball in Neudrossenfeld: Was hier schwarz aufstaubt, ist das Gummigranulat, das beim Kunstrasenplatz eingestreut wird. Foto: Alexander Muck
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Von den alten Fußballrecken des ATS Kulmbach ist der Spruch überliefert, dass auf dem Platz in der Mittelau sogar "das Hinfallen Spaß macht". Der Rasen im damaligen Georg-Hagen-Stadion in der Gummistraße (heute Brauereigelände) war ein Heiligtum. Er wurde gehegt und gepflegt. Ein Aufwand, den viele Vereine heute nicht mehr treiben wollen. Das Zauberwort heißt: Kunstrasen.

Der grüne Plastikteppich scheint ein Traum für Fußballer zu sein: bretteben, strapazierfähig, immer bespielbar, kicken bei jedem Wetter und geringere Unterhaltskosten. Das ist die Zukunft, heißt es bei vielen Sportvereinen. Damit habe man einen Standortvorteil. Aber es gibt offenbar auch Probleme - für die Umwelt. Kunstrasen ist nicht unumstritten. Stichort: Mikroplastik.

Vor vier Jahren gebaut

Der TSV Neudrossenfeld hat seit vier Jahren so einen Kunstrasenplatz. Der FC Kupferberg und die Stadt Kulmbach wollen einen bauen, vielleicht auch die Gemeinde Mainleus. Wir haben nachgefragt.

Neudrossenfeld bekam 2015 einen "Kunstrasen der neuesten Generation" (Vorsitzender Gerald Weinrich). Die Plastikhalme sind sechs Zentimeter lang, vier Zentimeter hoch ist der Platz mit Granulat befüllt.

In Verruf geraten ist jetzt das verwendete Gummigranulat auf Altreifenbasis. Es soll vor allem über die Drainagen in Flüsse und Meere ausgewaschen werden. Laut einer wissenschaftlichen Studie des Fraunhofer-Instituts Oberhausen sollen so jährlich 11 000 Tonnen Mikroplastik in die Umwelt gelangen. Kunstrasenplätze wären damit der drittgrößte Verursacher von Mikroplastik.

Beim FC Kupferberg will man im Herbst mit dem Bau des Kunstrasenplatzes beginnen. Er soll das Spielfeld ersetzen, das seit dem Einsturz eines alten Bergwerkschachts im Jahr 2011 nicht mehr zur Verfügung steht. Die Kosten werden auf 717 000 Euro geschätzt. Das Landratsamt hat die Baugenehmigung inzwischen erteilt.

Kollerer: "Ganz neu für uns"

Der Verein, so FC-Vorsitzender Stephan Kollerer, wartet noch auf eine Förderzusage des Bayerischen Landessportverbands. "Die Problematik mit dem Mikroplastik war uns bisher nicht bekannt. Das ist ganz neu für uns. Wir werden in der nächsten Sitzung darüber sprechen", erklärt Kollerer.

In Kulmbach plant die Stadt, einen Kunstrasenplatz zu bauen. Bisher gibt es aber weder einen Standort noch einen Termin, wann sich der Stadtrat mit dem Thema befasst. Laut Pressestelle werden derzeit Zuschussfragen geklärt: "Daher sind die Planungen noch nicht weiter fortgeschritten."

Ganz im Anfangsstadium ist man in Mainleus. Mehrere Vereine hätten es gern, wenn die Gemeinde einen Kunstrasenplatz bauen würde, den man gemeinsam nutzen könnte. "Wir wollen uns demnächst alle zusammensetzen", sagt Bürgermeister Robert Bosch, "aber das Thema hat derzeit nicht oberste Priorität."

"Ziemlich übertrieben"

Erfahrungen mit Kunstrasen hat im Landkreis Kulmbach bisher nur der TSV Neudrossenfeld. Die Ergebnisse der Fraunhofer-Studie, dass das schwarze Granulat tonnenweise ausgespült würde, kann zweiter Vorsitzender Alfred Wirth nicht bestätigen. "Ich will das Problem nicht kleinreden, hier wird aber nach unserer Erfahrung ziemlich übertrieben", sagt er.

Der Kunstrasenplatz werde intensiv genutzt, so Wirth. Neben den TSV-Teams habe auch die SpVgg Bayreuth in den vergangenen drei Wintern mit mehreren Mannschaften in Neudrossenfeld trainiert. Ein- bis zweimal pro Woche werde das Spielfeld abgezogen, um eine gleichmäßige Granulatverteilung zu erreichen. Bei regelmäßigen Kontrollen sei noch nie aufgefallen, dass etwas vom schwarzem Füllmaterial fehlt. "Wir haben in vier Jahren noch nicht einen Krümel Granulat nachgefüllt", versichert Wirth.

Würde etwas über die Drainagen ausgeschwemmt, müsste man Granulat in dem großen Auffangbecken finden, wo alles Wasser reinläuft. "Aber auch hier ist nichts drin", sagt Wirth, "normaler Regen macht dem Granulat nichts aus."

Kritik aus der Wissenschaft

Wie der TSV-Sprecher hat auch ein Wissenschaftler der Universität Bayreuth Zweifel, dass Kunstrasen der drittgrößte Verursacher von Mikroplastik sein soll. Martin Löder arbeitet am Lehrstuhl für Tierökologie I und hat dort an einer Studie mitgearbeitet, die erstmals eine flächendeckende Verschmutzung von Flüssen mit Mikroplastik in Bayern, Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Hessen nachgewiesen hat. Einen Punkt in der Fraunhofer-Studie sieht er kritisch: "Der Mikroplastikaustrag von Kunstrasenplätzen in der Studie beruht auf Hochrechnungen - um wirklich belastbare Daten zur Relevanz von Kunstrasen als Mikroplastikquelle zu haben wären umfangreiche Messungen notwenig ", sagt er.

Anders als beim Kunstrasengranulat hält es der Forscher beim Reifenabrieb für möglich, durch Hochrechnung und Bilanzierung auf relativ realistische Zahlen zu kommen. Reifenabrieb, so Löder, sei wahrscheinlich mit ein Hauptverursacher von Mikroplastikpartikeln. "Unsachgemäß entsorgter Plastikmüll hat aber wahrscheinlich auch sehr hohe Relevanz, allerdings gibt es hier zu den Mengen kaum verlässliche Daten."

Großer Forschungsbedarf

Bei den Forschungen seines Instituts sei ihm kein schwarzes Granulat aufgefallen. "Im Sediment der untersuchten Fließgewässer haben wir keine auffälligen Mengen schwarzer Partikel gefunden", sagt der Bayreuther Experte. "Allerdings steckt die Analytik von Partikeln aus Reifenabrieb und von Kunstrasen in Umweltproben noch in den Kinderschuhen. Hier besteht großer Forschungsbedarf."

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