Kulmbach
Artenvielfalt

Fränkischer Gartenbau-Experte: Jeder kann etwas gegen das Insektensterben tun

Das Volksbegehren zur Artenvielfalt "Rettet die Bienen" war erfolgreich - und nun? Für den Kulmbacher Gartenbau-Experten Günter Reif steht fest: Jeder kann etwas tun gegen das Insektensterben. Wie genau das gehen soll, beschreibt Reif im Interview.
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Die Politik ist jetzt am Zug, wenn es zur Verankerung des erfolgreichen Volksbegehrens "Artenschutz - Rettet die Bienen" in einem Gesetz kommen soll. Für Günter Reif, den Kreisvorsitzenden der Kulmbacher Gartenbauvereine, kein Grund, selber die Hände in den Schoß zu legen und andere machen zu lassen. Der 69-Jährige ist vielmehr der Ansicht: Wir alle sind gefragt.

Frage: Herr Reif, Ihre Devise lautet: Jeder kann was tun gegen das Insektensterben. Aber was?

Günter Reif: Ich bin der Überzeugung: Die gesamte Gesellschaft muss ihren Beitrag leisten. Das fängt bei unseren Lebensmitteln an. Das Motto "Geiz ist geil" muss im Zusammenhang mit unserer Ernährung verschwinden. Unser täglich Brot muss uns wieder etwas wert sein, sonst haben wir die Quittung für jene Entwicklung, deren Folgen wir sehen: Weil der Verbraucher es in der Masse offenbar möglichst billig haben will, drückt der Handel die Preise, was wiederum die Erzeuger - die Bauern - zwingt, jeden Quadratzentimeter unter den Pflug zu nehmen, um zu überleben. Das lässt wenig Raum für natürliche Bereiche, die aber unsere Insekten brauchen.

Frage: Nutzt es da, angesichts der verhältnismäßig kleinen Fläche im eigenen Garten zu beginnen?

Reif: Ganz bestimmt. Fangen wir mit etwas Grundsätzlichem an: Schottergärten und Rasenroboter sind Dinge, die braucht es überhaupt nicht. Der englische Rasen sollte passé sein, ebenso das Düngen des Rasens. Und natürlich sollte der Unkrautvernichter außen vor bleiben. Wenn das Grundstück groß genug ist, sollte es möglich sein, in einer Ecke mal das Gras höher stehen zu lassen, nur zwei Mal im Jahr zu mähen und die Fläche abzumagern. Dann kommen auch nach einiger Zeit wieder Kräutlein und Wildblumen wie die Margerite und die Wiesenglockenblume, die so wichtig sind für Hummel & Co. Man sollte lernen, manches, was dem eigenen Ordnungssinn zuwiderläuft, zu dulden in dem guten Gewissen: Es dient unseren kleinen Mitgeschöpfen - und damit letztlich auch wieder uns.

Frage: Ohne Insekten, vor allem den Bienen, sähe es düster aus.

Reif: Allerdings, und damit sind nicht nur die Honigbienen gemeint, sondern vor allem ihre wilden Vertreter mit ihrer Bestäubungsleistung. Über 500 Arten gibt es in Bayern, viele sind gefährdet. Das liegt auch an der Verarmung in unserer Landschaft. Es gibt rund 140 Wildbienenarten, die jeweils auf eine einzige Pflanzenart angewiesen sind. Wenn diese fehlt, stirbt auch die Biene.

Frage: Wer aber keinen Garten hat, sondern "nur" einen Balkon: Was kann der tun? Hilft der Klassiker Geranie?

Reif: Die nutzt Insekten tatsächlich wenig. Ich denke aber, dass Kästen mit dieser Monobepflanzung auf dem Rückzug sind. Es gilt die Devise: Das anbauen und pflanzen, was einem selber gefällt - und zwar in einer möglichst großen Vielfalt. Es muss blühen vom zeitigen Frühjahr bis in den Spätherbst hinein, dann ist für alle der Tisch gedeckt. Jede Blüte zählt. Wobei: Gefüllte Blüten bringen Insekten nichts. Deshalb sollte man beispielsweise bei Rosen die ungefüllten Varianten bevorzugen. Es gibt wunderschöne Arten von Rosen, die dank ihrer tief wachsenden Wurzeln sogar mit trockenen Sommern wie im Vorjahr zurechtkommen. Eine prall gefüllte Edelrose hingegen ist für Bienen in etwa so viel wert wie eine Rose von der Schießbude.

Frage: Gibt es alte Sorten, die zu Unrecht vergessen sind?

Reif: In den Bauerngärten früherer Prägung fehlten die klassischen einjährigen Arten wie Tagetes oder Ringelblume nie. Im Staudenbeet war die Echinacea immer heftig umschwirrt, ebenso wie die Kugeldistel. Da war die Welt noch in Ordnung. Heute ist das oft anders. In den meisten Gärten herrscht im Sommer, was Blüten angeht, quasi Totenstille. Dabei ginge es relativ einfach: Warum nicht in einer Ecke den Boden etwas lockern und Sonnenblumenkerne ausbringen? Das sind Korbblütler, die lange und in wunderschönen Farben blühen. Es gibt auch kleinbleibende Sorten mit einer Höhe von rund 1,50 Meter, die bilden Seitentriebe, die wiederum bis in den Oktober hinein blühen.

Frage: Womit wir im Herbst angelangt wären. Was blüht uns da?

Reif: Bei den Stauden sind es klassischer Weise die Herbstastern. Bitte beachten: Die Sommerblumen sollten noch stehenbleiben. Es ist fatal, den Garten im September komplett abzuräumen. Selbst wenn an den Stängeln nur noch einzelne Blüten dran sind, sind sie wichtig bis in den November hinein, wenn die Hummel-Jungköniginnen vor dem Winterschlaf noch fliegen. Sie müssen sich volltanken und Reserven anlegen, soll es im nächsten Jahr ein neues Volk geben. Nicht zu vergessen: regelmäßig gießen, auch wenn es bisweilen nervt, wie im vergangenen Sommer ohne Regen über Wochen die Kannen zu schleppen.

Frage: Man kann Insekten nicht nur mit Lebendigem helfen, sondern kurioser Weise auch mit Abgestorbenem: mit Totholz.

Reif: Oh ja, das ist immer gut. Insekten finden dort Nahrung, viele Verstecke und Nistmöglichkeiten. Die Blauschwarze Holzbiene etwa nistet direkt im toten Holz. Trockensteinmauern werden ebenfalls sehr gern angenommen.

Frage: Was halten Sie von den Fertig-Blühmischungen aus dem Bau- oder Supermarkt, die so genannten Bienenweiden?

Reif: Es nutzt wenig, diese Mischung einfach in den Garten zu streuen. Vielleicht gehen zwei oder drei besonders robuste Sorten auf, aber der Rest nicht. Warum? Weil ich erst den Boden vorbereiten muss. Ich müsste zunächst die Grassode entfernen und die Erde am besten noch mit Sand abmagern. Der Nährwert muss deutlich runter.

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Frage: Haben Sie Hoffnung, dass wir die Trendwende schaffen?

Reif: Hoffnung habe ich immer. Ich möchte meinen Beitrag dazu leisten, dass unsere Urenkel nicht auf die Bäume steigen und das Obst von Hand bestäuben müssen wie die Chinesen. Es wäre schon viel geholfen, wenn wir in Sachen Natur etwas von unserem Sauberkeitsfimmel wegkämen. Wir müssen Umwelt auch mal zulassen. Das gilt für alle, da dürfen wir nicht einfach nur auf die Bauern zeigen und uns selber zurücklehnen.

Das Gespräch führte Jochen Nützel.

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