Mainleus
Ostbayernring

In Schimmendorf rücken die Strommasten weiter weg - aber genügt das?

Der Abstand der neuen Trasse zur Wohnbebauung in Schimmendorf wird größer - aber mindert das die Sorgen der Bürger? Sie wollen Antworten von Tennet.
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Die Stromtrasse  verläuft auf Schimmendorfer Gebiet bisweilen nur  50 Meter entfernt von der Wohnbebauung. Das soll sich mit dem Ersatzneubau des Ostbayernrings ändern. Wie das genau aussieht, darüber informiert Netzbetreiber Tennet am Montag, 3. Dezember, ab 17 Uhr bei einer Versammlung in der Aula der Mittelschule in Mainleus.Stephan Tiroch
Die Stromtrasse verläuft auf Schimmendorfer Gebiet bisweilen nur 50 Meter entfernt von der Wohnbebauung. Das soll sich mit dem Ersatzneubau des Ostbayernrings ändern. Wie das genau aussieht, darüber informiert Netzbetreiber Tennet am Montag, 3. Dezember, ab 17 Uhr bei einer Versammlung in der Aula der Mittelschule in Mainleus.Stephan Tiroch
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Wenn es leicht regnet, nieselt oder der Nebel durchs Tal zieht, dann knistert es am Rande von Schimmendorf. Ein "brzzbrzzbrzz" ist zu vernehmen. "Es ist deutlich hörbar", sagt Siegfried Münch. Er muss es wissen, denn der Ortssprecher wohnt nur etwa 50 Meter entfernt von dem Geräusch, das kein Poltergeist verursacht, auch wenn die Erscheinung buchstäblich überirdisch ist: Das Knistern kommt von den Leitungen der Stromtrasse.

Mehr als 100 Meter

Bald sind es mehr als 100 Meter, die der neue Ostbayernring (also der Ersatzneubau für die bestehende Trasse) an seinem Haus vorbeiführen wird. Ein Unbehagen bleibt. "Wir sind ja weiterhin deutlich unter der Solldistanz von 400 Metern. Es heißt zwar, dass die Masten höher werden und der Strom durch vier statt zwei Kabel laufen soll - aber es soll sich eben auch die Durchleitungskapazität erhöhen." Was das mit der Gesundheit der Anwohner macht? Siegfried Münch formuliert es so: "Solche elektrischen Felder sind sicher nicht förderlich für den menschlichen Organismus."

Der "Aufstand" im Mainleuser Ortsteil hält sich aber in deutlichen Grenzen. Ganz anders in Neuensorg bei Marktleugast, wo die Bürger mobil machen gegen die, wie sie es nennen, Umzingelung mit Masten und Leitungen. Selbst die CSU-Bundestagsabgeordnete Emmi Zeulner hat sich eingeklinkt und will von Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU), dass dort auf einigen Kilometern die Kabel in der Erde verschwinden.

"Bürger zweiter Klasse"

"Das würde ich mir auch für Schimmendorf wünschen", sagt Münch. Kontakte zu Emmi Zeulner wurden bereits geknüpft. Doch Münch verweist auf eine nach seinem Dafürhalten merkwürdige Einschränkung im Gesetz: "Für Bestandstrassen wie die unsere sind Erdkabel nicht vorgesehen. Ich sehe aber nicht ein, warum wir im Vergleich mit Menschen, in deren Umfeld ein kompletter Neubau entsteht, als Bürger zweiter Klasse dastehen. Wir möchten, dass diese Alternative dann auch für uns zum Tragen kommt." Voraussetzung sei freilich, dass die Grundstückseigentümer einverstanden sind und entsprechend entschädigt werden, wenn sie Flächen hergeben müssen.

Schlechte Karten habe man, so der Ortssprecher, sobald es um eine Änderung des Trassenverlaufs geht. Netzbetreiber Tennet habe, so Münch, gewisse Vorgaben einzuhalten - das fange bei den Kosten an und höre beim Naturschutz noch lange nicht auf. In diesem Fall der Schutz des Waldes.

Dafür geht es künftig über die Wipfel. "Waldüberspannung" heißt das im Fachjargon, wie Ina-Isabelle Haffke erklärt. Nach den Worten der Referentin für Bürgerbeteiligung beim Netzbetreiber Tennet in Bayreuth stehen auf dem Gemeindegebiet Mainleus sieben Masten. "Bei Schimmendorf kreuzen wir mit der neuen Leitung die bestehende, um den Abstand zu den Wohnhäusern zu vergrößern. Im Wald beantragen wir eine Überspannung. Wir hängen die Leiterseile wesentlich höher, dafür sind größere Masten vorgesehen mit Höhen von 80 bis 82 Metern." Der niedrigste Mast im Gemeindegebiet Mainleus (nicht nahe der Wohnbebauung) misst 58 Meter. Der höchste Träger des gesamten Ostbayernrings wird im Raum Stadtsteinach stehen und annähernd 98 Meter hoch sein.

Damit die Mainleuser Bürger ihrerseits Fragen an die Vertreter von Tennet stellen können, hat sich Siegfried Münch dafür eingesetzt, dass im Vorfeld der nächsten Marktgemeinderatssitzung am Montag, 3. Dezember, ab 17 Uhr in der Aula der Mittelschule eine Versammlung einberufen wurde. "Der Markt Mainleus unterstützt uns", lobt der Ortssprecher.

Einwendungen? Fehlanzeige

Bürgermeister Robert Bosch (CSU) erwartet sich "weitreichende Antworten" von Tennet. Noch bis zum 27. Dezember können Bürger gegen den Nordostbayernring Einwendungen vorbringen. "Bislang Fehlanzeige", wie es dazu aus der Mainleuser Verwaltung heißt. Dem Rathauschef zufolge ist es ruhig in der Gemeinde. Es habe bei der jüngsten Gemeindebeteiligung zum Thema lediglich eine Anregung gegeben, nach besagtem Marktleugaster Vorbild in Neuensorg zumindest einen Teil der Trasse unter die Erde zu legen.

Vor- und Nachteile abwägen

"Diese Variante hat Vor- und Nachteile, die es abzuwägen gilt", sagt Bosch. "Vorteil ist sicher: Man sieht von der Leitung nichts mehr, sprich die optische Beeinträchtigung fällt weg. Ich kann mir aber durchaus vorstellen, dass eine Erdverkabelung negative Auswirkungen auf den Boden hat. Womöglich sind die betroffenen Flächen - etwa für die Landwirtschaft - nicht mehr in der Weise nutzbar wie bisher. Ich persönlich empfände die Bodenvariante sogar als den größeren Eingriff in die Natur." Die elektromagnetischen Auswirkungen müssten Experten bewerten. Als große Chance beim Ersatzneubau sieht Bosch, "dass die Trasse weiter von der Wohnbebauung wegrückt".

Nichtsdestotrotz ist er der Ansicht: Die Aufgabe, Strom über weite Strecken durchs Land zu transportieren, sollte in öffentlicher Hand sein und nicht privatwirtschaftlich organisiert werden.

Von Grenzwerten und Gesundheitsgefahren

Mit Physik ist es so eine Sache - und mit physikalischen Einheiten erst recht. Wie schnell verschieben sich Werte, wenn man das Komma um eine Stelle verrückt? Darauf weist Ina-Isabella Haffke hin. "Es sind in der Debatte um den Ostbayernring leider aufseiten der Kritiker nicht immer korrekte Zahlen im Umlauf", sagt die Referentin für Bürgerbeteiligung beim Netzbetreiber Tennet.

Zunächst, so Haffke, gelte es zu unterscheiden zwischen den Grenzwerten für das elektrische und das magnetische Feld. "Beim elektrischen Feld liegt der Grenzwert bei 5 Kilovolt pro Meter, beim magnetischen Feld bei 100 Mikrotesla." Was ersteres angehe, so gebe es auch in der Bevölkerung die wenigsten Bedenken. "Das elektrische Feld lässt sich abschirmen. Bei der sogenannten magnetischen Flussdichte hingegen bestehen Befürchtungen in Sachen gesundheitlicher Belastung, denn das lässt sich nicht abschirmen." Solche elektromagnetischen Felder entstehen übrigens auch durch Handys oder Mikrowellengeräte.

Doch die 100 Mikrotesla seien lediglich ein hypothetischer Wert. "Sogar bei theoretisch maximaler Auslastung erreichen wir direkt unter der Leitung - gemessen wird ein Meter über dem Boden und unter dem Punkt, wo das Leiterseil am tiefsten durchhängt - etwa 40 Mikrotesla. In der Regel sind unsere Leitungen nur zu rund 60 Prozent ausgelastet. Das resultiert aus Sicherheitsvorgaben. Wenn ein Stromkreis ausfällt, muss der andere den Stromtransport mit übernehmen können. Eine volle Auslastung der Leitung erreichen wir nur an wenigen Tagen im Jahr."

Je weiter man sich von der Leitung entfernt, desto schwächer werde die Flussdichte, so Haffke weiter. "Zur Seite hin fällt das magnetische Feld rasch ab, so dass wir bei rund 150 Metern nur noch etwa 0,3 Mikrotesla erreichen - das ist eine geringere Stärke, als sie das natürliche Magnetfeld der Erde hat."

MRT belastet deutlich stärker

Sie dementierte Zahlen, die jüngst bei einer Protestaktion im Zuge des Besuches von CDU-Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier in Redwitz kursierten. Dort hatten Bürger aus Neuensorg, die nahe des Ersatzneubaus der geplanten Trasse ihre Häuser haben, bekundet, dass selbst bei einer Untersuchung im Magnetresonanz-Tomografen (MRT) die Strahlung mit 1,5 bis 3 Mikrotesla geringer sei als in unmittelbarer Nähe zur 380-kv-Leitung. Haffke widerspricht: "Beim MRT reden wir eben nicht von den genanten 3 Mikrotesla, sondern von 3 Tesla - also dem Faktor 1000 in Sachen Strahlenintensität."

Was Studien zu einer möglichen Gesundheitsgefährdung durch Trassen mit Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung (HGÜ) angeht, so ist es Forschern im Tierversuch bislang nicht zweifelsfrei gelungen nachzuweisen, ob - und wenn ja wie - sich Stromleitungen schädlich auf den menschlichen Organismus auswirken könnten. Es gibt allerdings auch keinen Gegenbeweis, dass sie unschädlich sind. Ohne erkennbar eindeutige Ergebnisse hat sich die Weltgesundheitsorganisation WHO daher entschieden, niederfrequente elektromagnetische Felder als "möglicherweise krebserregend" einzustufen. Damit stehen sie auf einer Stufe mit dem Unkrautvernichter Glyphosat, mit Laserdruckern - und mit Kaffee.

Häufungen nicht belegbar

Was aber ist von Vorwürfen aus Neuensorg zu halten, wonach es dort unverhältnismäßig viele Fälle von Leukämie sowie Missbildungen bei Säuglingen gebe? Camelia Sancu, Leiterin des Gesundheitsamts, sagt: "Über solche Zunahmen sind wir nicht informiert." Das bestätigt auch Patrick Muzzolini, Obmann der Kinderärzte. "Wir bewegen uns auf kompliziertem Terrain. Es gibt keine gesicherten Daten zu möglichen Zusammenhängen." Angebliche Häufungen ließen sich statistisch schwer fassen und erlaubten nicht automatisch Rückschlüsse auf Ursache und Wirkung. Bei den genannten Erkrankungen sei es zudem fragwürdig, einen einzigen Faktor wie ein magnetisches Feld als ausschlaggebend zu werten.

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