Niederndobrach
Privatmuseum

In Niederndobrach leben die alten Zeiten wieder auf

Hans-Otto Straubinger ist bekannt - als Sportlehrer, früherer Faustballtrainer, Oldtimer-Fahrer. Dass er ein kleines Museum hat, wissen aber die wenigsten.
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Eingang zum kleinen Vintage-Museum von Hans-Otto Straubinger in Niederndobrach. Die beiden Schaufensterpuppen, die ihm seine Tochter Hanna geschenkt hat, staffierte er mit Kleidungsstücken seiner Eltern aus.Peter Müller
Eingang zum kleinen Vintage-Museum von Hans-Otto Straubinger in Niederndobrach. Die beiden Schaufensterpuppen, die ihm seine Tochter Hanna geschenkt hat, staffierte er mit Kleidungsstücken seiner Eltern aus.Peter Müller
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Der Besucher wird von zwei mannshohen Schaufensterpuppen begrüßt. "Er" trägt Motorrad-Klamotten aus den 50er Jahren und hält einen "Kobold"-Staubsauger, "Sie" ist mit Lederhose und Pelzmantel bekleidet. "Eine gewagte Kombination", gibt Hans-Otto Straubinger zu, "aber es ist ja auch nur als Gag gedacht." Der 67-Jährige, der im Kulmbacher Stadtteil Niederndobrach direkt neben dem Sägewerk Götz wohnt, hält die Erinnerung an seine Vorfahren und an die Zeit, in der sie gelebt haben, mit einem kleinen privaten Museum wach.

"Beim Boochhans" heißt es in Anspielung auf die Dobrach, die durch das Grundstück fließt. Dass in der Doppelgarage, die auch einen Renault Alpine-Sportwagen aus dem Baujahr 1976 und einen Steyr-Puch 850 TR beherbergt, unzählige Vintage-Exponate aus den 50er/60er Jahren und älter zu einer liebevoll gestalteten Ausstellung zusammengetragen wurden, wissen die wenigsten.

Ansonsten ist Hans-Otto Straubinger vielen Kulmbachern ein Begriff - als pensionierter Sportlehrer, Ex-Trainer der ATS-Faustball-Damen oder Oldtimer-Liebhaber. Ebenso wie seine Eltern Alfred und Anneliese Straubinger, die als Turnübungsleiter beim ATS bekannt und beliebt waren.

Als Letztere im Jahr 2010 starben, begann gewissermaßen die Geschichte des kleinen Museums. "Als ich mein Elternhaus in der Hagleite 24 ausräumen musste, reifte langsam der Gedanke, die Sachen aufzuheben", so Straubinger, der heute fast bereut, dass er damals einen Garagen-Flohmarkt veranstaltete: "Da habe ich ein paar Sachen verkauft, die ich heute noch gerne hätte."

Alles begann mit der Küche

Immerhin: rund 95 Prozent der Exponate stammen aus seinem Elternhaus. Alles begann mit der Küche, die zunächst in der Garage abgestellt, dann aber um die Essecke und das Wohnzimmer erweitert wurde. Und um viele Regale, auf denen Hans-Otto Straubinger dann Dinge wie Gläser, Bierkrüge, Figuren oder alte Familienfotos platzierte. Auch Röhrenradios und Werkzeuge, die sein Opa Hans Lauterbach als gelernter Schreiner benötigte. Und weil der Opa "so ziemlich alles geraucht" hatte, finden sich aus seinem Bestand noch dicke Zigarren Berliner Fabrik F. August Schmidt (gegründet 1883) und Raucherutensilien mit Seltenheitswert in dem kleinen Museum.

Exponate von Opa und Uropa

Der Opa väterlicherseits, Konrad Straubinger aus der Hohen Flur, war ein passionierter Fotograf, der seine Bilder selbst entwickelt und seinem Enkel verschiedene Apparate hinterlassen hat, unter anderem auch eine Agfa-Box - ein Exemplar aus einer Serie von Kameras im Negativformat 6 mal 9 Zentimeter, die zwischen 1930 und 1957 von der Firma Agfa Gevaert produziert wurde.

Eines der ältesten Stücke ist der Gründerzeit-Schrank im Wohnzimmer, der an Urgroßvater Matthäus Schneider erinnert - ein bekannter Mann, der Straubingers Elternhaus erbaut hat und nach dem in Kulmbach eine Straße benannt worden ist (siehe unten stehenden Artikel).

Den größten ideellen Wert für den 67-Jährigen hat ein Holzspielzeug - ein stattliches Feuerwehrauto. "Das habe ich zu meinem sechsten Geburtstag geschenkt bekommen", erinnert er sich. "Ich musste es kürzlich restaurieren, aber jetzt ist es wieder voll funktionsfähig."

Das gute Stück stammt von der bis 1980 existierenden Firma Hedo (Herbert Dohnalek) im Westerwald, deren Erzeugnisse heute bei Sammlern sehr begehrt sind.

Langsam wird der Platz knapp

So richtig fertig wird das Museum nie, auch wenn der Platz in der Doppelgarage langsam knapp wird. "Es ändert sich ständig etwas, so wie bei einer Modelleisenbahn", sagt Straubinger, dem auch manchmal Ausstellungsstücke angeboten werden.

Und wie zum Beweis dafür klingelt gegen Ende unseres Besuchs das Telefon. "Eine Bekannte, die eine alte Tütenlampe hat. Die muss ich heute Nachmittag gleich holen."

Das kleine Museum erinnert auch an Matthäus Schneider

Das kleine private Museum "Beim Boochhans" ist untrennbar mit dem Namen Matthäus Schneider verbunden. Er war der Urgroßvater von Hans-Otto Straubinger und hat einst dessen Eltern- und Geburtshaus in der Hagleite 24 erbaut. Die Straße, die von der Hagleite zum gleichnamigen Restaurant abzweigt, ist nach ihm benannt.

Aus gutem Grund: Schneider, am 15. November 1877 in Kasendorf geboren, war ein prominentes Opfer des Nationalsozialismus. Der einstige Landtagsabgeordnete der SPD und Magistratsrat in Kulmbach kam aus der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung. Als Sohn eines Tagelöhners war er zunächst selbst als Landarbeiter und Dienstknecht tätig, später als Arbeiter in der Brauerei Pertsch.

Wegen seiner ausgleichenden und besonnenen Haltung war er Verunglimpfungen seitens der Radikalen in seiner eigenen Partei ausgesetzt, wie aus alten Aufzeichnungen hervorgeht.

Stets kritisch gegenüber den nationalistischen Tönen Hitlers, erkannte Schneider aber nach und nach, dass das System eine tödliche Gefahr birgt. Deshalb gab er seine politische Betätigung auf.

Dennoch wurde ihm seine ablehnende Haltung zu den totalitären Ansprüchen der Nazis und sein Eintreten für die sozialen Belange der Arbeiter zum Verhängnis: Als Geschäftsführer des Kopfblatts der "Fränkischen Volkstribüne", ein Nachrichtenblatt der SPD für Bayreuth, Kulmbach, Stadtsteinach, Pegnitz und Auerbach, wurde er im März 1933 mehrere Monate lang in Schutzhaft genommen, danach stand er ein Jahr unter Hausarrest. 1944, nach dem Attentat auf Hitler, kam er als Schwerkranker erneut in Schutzhaft und starb nach wenigen Wochen am 29. September im KZ-Dachau.

"Angeblich an Herzversagen", wie sein Urenkel und Museumsbesitzer Hans-Otto Straubinger erzählt, der dieser Version natürlich keinen Glauben schenkt.



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