Kulmbach
Rückblick

In Kulmbach wurden in den 80er Jahren entscheidende Weichen gestellt

Welche Themen beherrschen die Schlagzeilen der Bayerischen Rundschau in den 80er Jahren? - Die Jahresrückblicke des damaligen Redaktionsleiters Ottmar Schmidt geben darüber Aufschluss und sind Grundlage dieses Beitrags.
Artikel drucken Artikel einbetten
1980 übernimmt die Reichelbräu die ruhmreiche Sandlerbräu. Danach geht es für die Brauerei, die 1831 Kulmbachs ersten Bierexport bewerkstelligt hatte, schnell bergab. 1985 demontierte man am Schwedensteg den Gleisanschluss (Bild),  und 1986 werden die Gebäude abgebrochen. Foto: Archiv Stephan Tiroch
1980 übernimmt die Reichelbräu die ruhmreiche Sandlerbräu. Danach geht es für die Brauerei, die 1831 Kulmbachs ersten Bierexport bewerkstelligt hatte, schnell bergab. 1985 demontierte man am Schwedensteg den Gleisanschluss (Bild), und 1986 werden die Gebäude abgebrochen. Foto: Archiv Stephan Tiroch
+4 Bilder

Wirtschaft

Spannender als ein Krimi war in den 80er Jahren die Entwicklung des Brauereisektors in Kulmbach. 1980 übernimmt die Reichelbräu die Sandlerbräu, die Mönchshof-Bräu übernimmt den Vertrieb der Schultheißbrauerei Weißenbrunn. Vier Jahre später überrascht ein Kooperationsvertrag von Mönchshof-Bräu und Reichelbräu die Öffentlichkeit. Reichel und Eku zahlen 1984 starke 15 bzw. 18 Prozent Dividende. 1985 übernimmt die Eku die Nürnberger Tucher AG, ein Jahr später stößt die Eku-Gruppe mit einem Getränkeabsatz von 2,8 Millionen Hektolitern unter die Top Ten der Bundesrepublik vor. Eine positive Entwicklung gibt es auch bei der Reichelbräu AG, die durch die Ende Juli erfolgte Übernahme des Aktien-Pakets der Hypo durch die Paulaner AG, München, einen starken Partner gewinnt. 1987 kauft die Eku die Henninger-Bräu AG Frankfurt mit Tochterbrauereien in Mannheim, Karlsruhe und Frankenthal und wird zum zweitgrößten deutschen Brauereikonzern. Die Stadt Kulmbach steigt aus der Meußdoerffer-Holding aus (für drei Millionen Mark) aus, die Paulaner Salvador Thomas Brauerei AG, München, erwirbt knapp die Hälfte der Reichelbräu AG. Zwei Jahre später scheidet Dieter von Schau aus der Geschäftsführung der Mönchshof-Bräu aus - damit endet in der Kulmbacher Brauindustrie die Ära Meußdoerffer. Der Mehrheitsaktionär der Eku, die März KG, Rosenheim, wird in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Die Wirtschaft insgesamt wird von Krisen geprägt, die auch zahlreichen Firmen in der Region die Existenz und vielen Arbeitnehmern den Job kosten (Ebena-Schuhfabrik in Presseck und Rugendorf schließt- 45 Arbeitslose, Schuhfabrik Obermain AG in Burgkunstadt entlässt 100 Arbeitnehmer, Schließung Papierfabrik Stadtsteinach mit 70 Arbeitsplätzen, Aufgabe Stückfärberei der Firma Textilveredelung Pöhlmann in Kulmbach mit 55 Entlassenen, Produktionseinstellung der Steinach Pelzindustrie KG in Stadtsteinach - 22 Entlassungen, Schließung der Thurnauer Schuhfabrik). Um ihre Existenz kämpft die Kulmbacher Spinnerei, deren Geschäftsfeld nach und nach wegbricht. Die Arbeitslosenquote steigt von acht Prozent Anfang der 80er Jahr auf den Rekordwert von 16,4 Prozent (1984) und geht Ende des Jahrzehnts wieder auf unter fünf Prozent zurück.

Bau

Zahlreiche Neubauprojekte sorgten für Verschönerungen des Stadtbilds oder Verbesserung der Lebensumstände der Bürger. Das Stadt- und Kreiskrankenhaus (heute Klinikum) wird für mehr als 40 Millionen Mark ausgebaut, außerdem erfolgt der erste Spatenstich für die Tiefgarage. 1987 wird die neue Krankenpflegeschule am Krankenhaus eingeweiht, zwei Jahre später legt Staatsminister Gebhard Glück den Grundstein für den Neubau des Stadt- und Kreiskrankenhauses. 1985 wird der Grundstein für Tiefgarage und Stadthalle (Volumen: 20 Millionen Mark) gelegt, die 1988 im Beisein von Staatsminister von Waldenfels und Entertainer Thomas Gottschalk übergeben werden. Auch Sozialverbände investieren Millionensummen: 1986 ist das Richtfest für das Seniorenhaus der Bürgerspitalstiftung (2,2 Millionen Mark), 1988 wird das neues Senioren- und Pflegeheim der Arbeiterwohlfahrt am Rasen seiner Bestimmung übergeben und 1989 wird das Schüler- und Jugendwohnheim des Roten Kreuzes in der Flessastraße eingeweiht. Doch auch der Freistaat Bayern lenkte Investitionen in die Region: 1986 ist Richtfest für das Landesamt für Umweltschutz und die Fachschule für Lebensmitteltechnik. Schon damals wurde auch in die Schulen investiert: So wurde das Caspar-Vischer-Gymnasium und die Berufsschule (zu einer der modernsten Bayerns) erweitert, Realschule, Markgraf-Georg-Friedrich-Gymnasium und Max-Hundt-Schule erhalten neue Freisportanlagen.

Innenstadt

Die Innenstadt verändert sich stark. 1980 erfolgt der viel diskutierte zweispurige Ausbau des Gasfabrikgässchens, Umbauarbeiten am Schießgraben sorgen ebenso für andere Verkehrsführungen wie Änderungen im Bereich Grabenstraße und Sutte in Verbindung mit dem Bau der Tiefgarage. Doch auch außerhalb der Stadt tut sich einiges, so beginnen beispielsweise die Erschließungsmaßnahmen am Goldenen Feld. 1983 schließt das KDM, 1985 wird das Vereinshaus wegen Baufälligkeit gesperrt und 1987 schließt das Union-Theater. Impulse für die Entwicklung Kulmbachs geben die Gründung der Kulmbacher Akademie für gesunde Ernährung und der Kulmbacher Werbegemeinschaft (1986). 1987 wird die Akademie für Neue Medien gegründet, Vorsitzender ist BR-Verleger Horst Uhlemann, Studienleiter Wolfgang Protzner. Nur Planungen bleiben vom jahrelang diskutierten Schrägaufzug zur Plassenburg als Touristenattraktion. Der Bau des Parkhotels wird wegen Zahlungsunfähigkeit der Betreibergesellschaft 1989 eingestellt.

Verkehr

In den 80er Jahren wird die Infrastruktur insbesondere für den Autoverkehr ausgebaut. Größtes Projekt ist die Maintal-Autobahn (A 70), die aus der Bundesstraße 505 entsteht. Zahlreiche Ortsdurchfahrten werden entlaste, etwa durch die Umgehungsstraße von Ziegelhütten (1980) oder Neudrossenfeld (1985) oder Brückenbauwerke, etwa in Kauernburg oder zwischen Burghaig und Melkendorf. 1987 wird der Geh- und Radweg zwischen Kulmbach und Mainleus übergeben. Die Postbuslinien werden durch die Bundesbahn übernommen.

Landkreis

Auch im Landkreis tut sich viel: 1980: Renovierung des Thurnauer Schlosses und Unterbringung des Forschungsinstituts für Musiktheater der Uni Bayreuth, Fertigstellung der Umbauarbeiten am Schloss Himmelkron und der Rathausneubauten in Wirsberg und Marktleugast; 1981: die Gemeinde Grafengehaig ist trotz des verlorenen Prozesses weiter gegen Verwaltungsgemeinschaft Marktleugast; 1982: Einweihung des Töpfermuseums Thurnau, der Altenpflegeschule Stadtsteinach und des Naturbadeweihers Rugendorf, 1984: das DDM wird in buchstäblich letzter Minute gerettet, 1985: die Burgruine Nordeck in Stadtsteinach wird renoviert, 1986: die Wiederherstellung der Baille-Maille-Allee in Himmelkron beginnt, 1987: Konrad Schübel vermacht seiner Heimatstadt Stadtsteinach 1,5 Millionen Mark, 1988: neue Rathäuser werden in Neudrossenfeld und Thurnau übergeben, ebenso ein neues Feuerwehrgerätehaus in Mainleus, 1989: in Presseck wird das erste Windrad auf dem Gelände einer Firma aufgestellt, die Partnerschaft zwischen Pilisszentivan in Ungarn und Marktleugast wird besiegelt und in Stadtsteinach wird das Heimatmuseum übergeben.

Politik

In der Region dominieren zwei große Kommunalpolitiker: Herbert Hofmann, der bis 1984 für die CSU im Landtag sitzt und danach Nachfolger von Kurt Held als Landrat wird, und Oberbürgermeister Dr. Erich Stammberger, der Kulmbach enorm prägt. 1982 kommt Günter Verheugen, vormals FDP-Generalsekretär, hinzu, den die SPD zum Bundestagskandidaten macht und damit bundesweit für Schlagzeilen sorgt. Sein Gegenspieler auf CSU-Seite - der Abgeordnete Lorenz Niegel - setzt sich zwar immer wieder gegen ihn durch, polarisiert aber durchaus vor allem im Kreis Kulmbach. Neu auf der politischen Bühne sind ab Mitte der 80er Jahre die Grünen, die je ein Mandat in Stadtrat und Kreistag gewinnen. Damals wird nach einem Volksentscheid der Umweltschutz in die bayerische Verfassung aufgenommen. 1986 gibt es eine Resolution gegen das Waldsterben, die von 27 Vereinen und Verbänden unterzeichnet ist, und an Bundeslandwirtschaftsminister Ignaz Kiechle übergeben wird. 1988 schließlich führt die Kreisgruppe des Bund Naturschutz im Stadtsteinacher Freibad den ersten Solarenergietag durch.

Kriminalität

Morde, Raubüberfälle und die Drogenkriminalität sorgen für Schlagzeilen in den 80er Jahren. 1984 müssen gleich vier, zum Teil bestialische Mordfälle in der Region registriert werden, von denen einer - der Mord an den 42-jährigen Kulmbacher Tankstellenbesitzer Herbert Dippold - bis heute ungeklärt geblieben ist. Bereits 1981 hatte in Marktschorgast ein Sohn eine Mutter erstochen. 1985 wird ein Kulmbacher in Rosenheim von einem Arbeitskollegen erstochen, eine Mainleuserin wird in einem Nürnberger Cafe erschossen. Und 1987 bringt ein 28-jähriger Kölner seine 71-jährige Großtante in Marktleugast um. 1985 liegt Kulmbach an der Spitze der oberfränkischen Kriminalitätsstatistik - Raubüberfälle auf Hypo-Bank, ein Lebensmittelgeschäft und einen Supermarkt, eine Reihe von Einbrüchen - unter anderem werden einem Juwelier am Holzmarkt aus der Auslage Waren im Wert von 40 000 Mark gestohlen - sorgen dafür. Bereits 1980 ist Kulmbach trotz harter Strafen gegen die Dealer ein Schwerpunkt der Drogenszene in Oberfranken. 1987 hatte ein Bankräuber in Rugendorf eine Frau als Geisel genommen - er und sein Komplize werden rasch gefasst. Ein Jahr später erbeutet ein Bankräuber bei einem Überfall auf die Raiffeisenbank in Untersteinach 100 000 Mark - später wird der Täter aus Hof zu einer Freiheitsstrafe verurteilt. 1989 wird ein Bankräuber aus Stadelhofen, der die Sparkasse in Presseck überfallen hatte, gemeinsam mit seinem Komplizen aus Pegnitz gefasst. Die Ordnungshüter sind wachsam - 1982 hatte Stadtsteinach wieder eine eigene Polizeiinspektion erhalten, 1988 wird der Grundstein für ein neues Polizeigebäude in Kulmbach gelegt. 1983 kommt es zu einer Explosion im Ausstellungsraum der Avia-Tankstelle der Firma Ruckdeschel in Kulmbach - ausströmendes Butan sorgt für Explosionsgefahr in einem Großteil des Kanalnetzes, so dass stundenlang höchste Alarmstufe herrscht. 1987 kommt es zu einem Erdrutsch in der Lindauer Straße in Trebgast - ein Gerätehaus wird mitgerissen, ein Großteil des Gartens unter den Erdmassen begraben. Feuerwehr und Technisches Hilfswerk sichern den Hang, es entsteht ein sechsstelliger Millionenschaden.

Und sonst so

1980: Installierung von Notruftelefonen an den Bundesstraßen, 1981: bei einer Gerichtsverhandlung wegen eines Sittlichkeitsdelikts in Kulmbach erklären Täter und Opfer plötzlich, dass sie heiraten wollen, 1982: in Hohenberg kommt es zu einem zehnstündigen Bürgeraufstand wegen der Verwendung des Schulhauses als Obdachlosenasyl, 1983: 50 Störche landen bei Marienweiher, 1984: Hochzeit des Jahres in Wirsberg zwischen Graf Karl Alexander von Bismarck (Urenkel des "Eisernen Kanzlers) und der Studentin Ulrike Prange mit dem Jet-Set aus ganz Europa, 1985: Waschbären werden in Kupferbergs Wäldern gesichtet, 1986: Ludwig Freiherr von Lerchenfeld und Cornelia Schicker schließen in einer Traumhochzeit in Presseck den Bund fürs Leben, 1987: Polizei-Hostessen beginnen, Parksünder zu jagen, 1988: die Unfallflucht des Bundestagsabgeordneten Lorenz Niegel (CSU) bei Oberlangheim (Landkreis Lichtenfels) sorgt bundesweit für Schlagzeilen, 1989:ein Minensuchboot der Bundesmarine wird auf den Namen "Kulmbach" getauft.

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren