Kulmbach
Gesellschaft

In Kulmbach sind die Bufdis rar

Der Bundesfreiwilligendienst hat den Zivildienst abgelöst. Er ist deutschlandweit sehr gefragt. In Kulmbach sieht das anders aus: wenig Angebote, wenig Bewerber. Dabei bringt der freiwillige Einsatz viel - auch den Bufdis selbst.
Artikel drucken Artikel einbetten
Helfer aus Leidenschaft: Tim Rochholz leistet seinen Bundesfreiwilligendienst in der Bereitschaft des BRK in Kulmbach ab. Foto: Miriam Hegner
Helfer aus Leidenschaft: Tim Rochholz leistet seinen Bundesfreiwilligendienst in der Bereitschaft des BRK in Kulmbach ab. Foto: Miriam Hegner
Wenn der Piepser piept, muss Tim Rochholz alles stehen und liegen lassen. Runter in die Garage der Rettungs wache, Motor starten, Blaulicht an und los. Den Notarzt abholen und auf schnellstem Wege zum Einsatzort. "Die Arbeit ist manchmal nicht ganz einfach, körperlich und psychisch", erzählt der 21-Jährige, der seinen Bundesfreiwilligendienst in der Bereitschaft des Kulmbacher Roten Kreuzes ableistet. "Wenn man aber jemandem damit wirklich helfen kann - und diese Momente überwiegen - , dann weiß man, warum man das macht."

"Man lernt fürs Leben", sagt Jan Bodenschlägel. Der 18-Jährige ist ebenfalls Bundesfreiwilligendienstleistender. Er unterstützt den querschnittsgelähmten Kulmbacher Uli Weber im Alltag, fährt ihn zur Krankengymnastik, macht Frühstück, hält die Küche in Ordnung. "Man übt sich im Umgang mit Menschen. Uli und ich verbringen ja jeden Tag viel Zeit miteinander.
Und man wird aufmerksamer. Ich habe plötzlich Dinge bemerkt, die einem Fußgänger sonst gar nicht auffallen, wie Stufen oder Kopfsteinpflaster. Für einen Rollstuhlfahrer sind das riesige Barrieren."
  
44 500 Bufdis bundesweit

Der Bundesfreiwilligendienst, der den Zivildienst abgelöst hat, ist ein enormer Erfolg, meldet das zuständige Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben. Die Nachfrage nach Plätzen ist riesig, bundesweit sind momentan rund 44 500 Bufdis im Einsatz, bayernweit etwa 3500. In Kulmbach Stadt und Land aber nur fünf: vier beim Roten Kreuz und eine bei einer privaten Kita. Viele Einrichtungen der Region, darunter Awo, Caritas und Diakonie, bieten gar keine Bufdi-Stellen an.

"Wir decken die notwendigen Dienste zuverlässiger mit festen Mitarbeitern ab", erklärt Awo-Geschäftsführer Peter Konrad. "Bufdis fallen ja auch durch Lehrgänge immer wieder aus. Und wir müssten viele Zusatzleistungen erbringen, wie Fahrtkosten und Unterkunft oder Mietkosten. Außerdem hatten wir in den drei Jahren schlichtweg keine Anfragen." Bei der Kulmbacher Caritas blieben Bewerber ebenfalls aus. "Deswegen haben wir uns mit dem Thema Bundesfreiwilligendienst gar nicht näher befasst", erklärt Soraya Hebentanz vom Kreisverband. Thomas Grünke von der Diakonie, zu der auch die Geschwister-Gummi-Stiftung gehört, berichtet Ähnliches. "Als der Wehr- und damit auch der Zivildienst abgeschafft wurde, hatten wir eigentlich mit vielen Bewerbungen gerechnet", erzählt er. "Aber es kamen kaum welche. Deshalb hat es sich nicht gelohnt, Stellen einzurichten."

Auch das Rote Kreuz hatte mehr Stellen als Bewerber. "Wir hätten im laufenden Jahr drei Plätze im Bereich Pflege zu vergeben gehabt", erklärt Maximilian Türk vom Kulmbacher Kreisverband. "Aber nur einer konnte besetzt werden." Die drei Bufdi-Stellen im Rettungsdienst konnten alle vergeben werden. Das sei kein Zufall, so Türk. "Blaulicht-Fahren finden viele spannender."

Im Sozialbereich viele freie Stellen

"Die Nachfrage nach Stellen richtet sich natürlich nach dem Einsatzbereich", sagt Roland Hartmann vom Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben in Köln, das den Freiwilligendienst bundesweit koordiniert. "Natürlich gibt es Sahnestückchen, etwa die Seehundestation an der Nordsee. Die ist auf Jahre ausgebucht." Generell seien die Bereiche Natur- und Umweltschutz und Sport sehr beliebt, dort gebe es auch relativ wenig Stellen. "Anders sieht es im Sozialbereich aus, da gibt es immer freie Plätze." Auch gebe es ein Stadt-Land-Gefälle. "Sicher gibt es in einem Ballungsraum mehr Bewerber auf eine Stelle als in einer Flächengemeinde, wo die Anfahrtswege länger sind."

Allerdings müssten sich Einsatzstellen auch um Bewerber bemühen, so Hartmann. "Wer Bufdis sucht, muss selbst aktiv werden, Aushänge machen, Anzeigen schalten. Auf unserer Internetseite kann man zum Beispiel Plakatvorlagen herunterladen, wir schicken auch kostenlos Info-Flyer zum Auslegen zu."

Das Kulmbacher BRK bietet im kommenden Einsatzjahr, das sich grob nach dem Schuljahr richtet, auf jeden Fall wieder Bufdi-Stellen an. Maximilian Türk rechnet mit sechs Plätzen. "Über Bewerbungen würden wir uns freuen", sagt er.

Jan Bodenschlägel und Tim Rochholz würden den freiwilligen Dienst weiter empfehlen. "Man erweitert seinen Horizont", sagt Rochholz. "Man lernt den Umgang mit Menschen. Egal, ob jemand zehn ist oder 100, einen Arm hat oder zwei, laufen kann oder nicht - es sind alles nur Menschen, mit denen man ganz normal umgeht. Das ist sicher in jedem Beruf nützlich, auch wenn es kein sozialer ist. Diese Lebenserfahrung nimmt einem keiner."

Verwandte Artikel
was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren