Laden...
Himmelkron
Prozess

Tod im Freibad: Im Vanessa-Prozess sagt eine Zeugin zum Tod der Achtjährigen aus

Am zweiten Verhandlungstag um den Unfalltod der achtjährigen Vanessa 2014 im Himmelkroner Freibad wurden am Amtsgericht die ersten Zeugen vernommen.
Artikel drucken Artikel einbetten
Juli 2014 ertrank die achtjährige Vanessa im Himmelkroner Freibad. Für den Tod des Mädchens, das nach sechs Tagen im Koma gestorben war, macht die Staatsanwaltschaft die damalige Badeaufsicht sowie eine Betreuerin des TSV Himmelkron mitverantwortlich. Der Vorwurf lautet auf fahrlässige Tötung.Archiv/Jochen Nützel
Juli 2014 ertrank die achtjährige Vanessa im Himmelkroner Freibad. Für den Tod des Mädchens, das nach sechs Tagen im Koma gestorben war, macht die Staatsanwaltschaft die damalige Badeaufsicht sowie eine Betreuerin des TSV Himmelkron mitverantwortlich. Der Vorwurf lautet auf fahrlässige Tötung.Archiv/Jochen Nützel

Wie konnte die achtjährige Vanessa am 22. Juli 2014 unbemerkt in die tiefere Zone des Beckens im Himmelkroner Freiband gelangen und dort auf den Grund sinken? Warum hatte das Mädchen in den entscheidenden Minuten offenbar niemand auf dem Radar? Wo war der Bademeister zu diesem Zeitpunkt? Hatten die Betreuerinnen womöglich ihre Aufsichtspflicht verletzt? Konnte Vanessa überhaupt schwimmen - und wenn ja: Konnte sie es gut genug, um sie ohne Schwimmflügel ins Wasser zu lassen? Wurde das mit den Eltern definitiv geklärt oder nicht? Welche unglückliche Verkettung von Umständen führten zum Tod des Mädchens, das sechs Tage nach dem Unfall im Klinikum Bayreuth starb, ohne das Bewusstsein wiedererlangt zu haben?

Zentrale Fragen, die auch am zweiten Verhandlungstag am Donnerstag vor Amtsrichterin Sieglinde Tettmann verhandelt wurden.Angeklagt wegen fahrlässiger Tötung sind eine Badeaufsicht der Gemeinde Himmelkron sowie die Leiterin der Kindergruppe des TSV Himmelkron, mit der Vanessa im Bad war. Staatsanwalt Daniel Götz wirft der Betreuerin der Turngruppe vor, sich nicht ausreichend über die schwimmerischen Fähigkeiten Vanessas informiert zu haben. Der Bademeister wiederum habe seine Aufsichtspflichten verletzt, so Götz. Die Anwälte der Angeklagten, Ralph Pittroff und Oliver Heinekamp, entgegnen, es handle sich um einen tragischen Unglücksfall, für den keiner schuldig gemacht werden könne.


Ehrenamtliche Helferin im Zeugenstand


Den Reigen der mehrstündigen Zeugenbefragung eröffnete eine ehrenamtliche Helferin der Kindergruppe des TSV Himmelkron, die am Unglückstag zusammen mit der angeklagten Betreuerin für die Gruppe verantwortlich war. Gegen die Übungsleiterin war anfangs ebenfalls ermittelt worden, doch wurde das Verfahren eingestellt.

Die Zeugin betonte zunächst , dass die Kinder beim Besuch des Bades dezidiert darüber unterrichtet worden seien, dass Nichtschwimmer nichts im Schwimmerbereich zu suchen haben. Was die Aufsicht anging, so gab die Frau an, sie habe sich mit ihrer Kollegin abgesprochen: Demnach hatte die Zeugin zum Zeitpunkt vor dem Unglück die Nichtschwimmergruppe im Blick, während die Angeklagte den Schwimmbereich eingesehen habe. Gefragt, wann sie Vanessa das letzte Mal wahrgenommen habe, sagte die Zeugin: "Da befand sich Vanessa an der Absperrung zwischen den Becken, aber noch im Nichtschwimmerbereich."

Gert Lowack, der Vanessas Mutter als Nebenklägerin vertritt, wollte von der Betreuerin wissen, inwiefern man sich von der Schwimmfähigkeit der Kinder überzeugt habe. Die Zeugin antwortete, man habe sich unter anderem auf Aussagen von Vanessa gestützt, die bekundet habe, das "Seepferdchen" erlangt zu haben. Dafür müsse man in jedem Fall mindestens 25 Meter schwimmen können. Zudem hätten alle Nichtschwimmer Schwimmflügel dabei gehabt, Vanessa aber nicht. "Wir sind davon ausgegangen, dass sie schwimmen kann. Ich kann aber nicht sagen, ob die Eltern explizit danach gefragt worden sind." Vanessas Mutter und Vater betonten, dass ihre Tochter nicht schwimmen konnte. Der Vater habe dies der Übungsleiterin 2013 mitgeteilt, im Jahr des Unglücks habe er sie deswegen auch nicht mehr extra darauf hingewiesen.

Die Zeugin wiederum führte aus: In den Wochen zuvor sei gegenüber den Eltern kommuniziert worden, den Kindern, die nicht schwimmen können, entsprechende Hilfen mitzugeben, wenn die Turnstunde ins Schwimmbad verlegt wurde. "Vanessas Vater, der da dabei war, muss diesen Hinweis gehört haben."

Fragen hatten das Gericht und die Anwälte auch zu den Minuten, nachdem das Mädchen leblos aus dem Wasser gezogen worden war. Die Betreuerin berichtete, dass sie mit der Herzdruckmassage begonnen habe. Die Bewusstlose habe daraufhin eine große Menge halbverdauter Nudeln erbrochen, aber kaum Wasser.

Und wo war der Bademeister? "Der kam dazu und holte den Defibrillator aus dem Aufenthaltsraum." Wie sich herausstellte, löst der "Defi" aber nicht aus, aus welchem Grund auch immer. Das Gerät habe aber weiterhin automatische Ansagen gemacht, wonach mit der Herzdruckmassage fortgesetzt werden sollte. Insofern stellte sich Anwalt Andreas Angerer, der Vanessas Vater vertritt, die Frage: "Wurde das Gerät womöglich falsch bedient? Immerhin gab es ja Anweisungen, insofern kann es nicht gänzlich versagt haben", gab er zu bedenken.

Hier klinkte sich der Gutachter des Gerichts kurz ein. "Es spielt hierbei letztlich nicht die entscheidende Rolle, ob der Defibrillator geht oder nicht. Der Herzstillstand von Vanessa war die Folge des Sauerstoffmangels infolge der Unterversorgung des Gehirns. Zu diesem Zeitpunkt war das zentrale Nervensystem bereits irreparabel geschädigt. Ein Elektroschock hätte nichts geändert."

Dass der Defibrillator keine Hilfe war, gab auch ein weiterer Zeuge an. Der Mann war am Unglückstag mit seiner Tochter im Bad und hatte die entsetzten Schreie der Kinder mitbekommen. Nachdem die angeklagte Betreuerin den leblosen Körper vom Grund des Beckens nach oben geholt hatte, habe er im Wasser geholfen, Vanessa über den Beckenrand an Land zu hieven. Wo sie die entscheidenden Minuten zuvor war und wie sie zu Boden sank, darüber konnte der Mann keine Angaben machen.

Wo aber hielten sich die beiden Betreuerinnen auf? Hier entlastete die Mutter jenes Mädchens, das Vanessa unter Wasser entdeckte, die Angeklagte. Sie habe in unmittelbarer Nähe des Beckens gestanden oder gesessen und das Becken im Blick gehabt. "Ich habe mich mit ihr am Beckenrand unterhalten. Sie bat mich, Eis für die Kinder zu holen. Sie gab mir Geld - und als ich es nehmen wollte, hörten wir die Schreie aus dem Becken. "

Ihre Tochter sowie die Tochter der zweiten Betreuerin hatten demnach laut Alarm geschlagen, dass Vanessa am Grund des Beckens liege. Wie die Zeugin ausführte, sei die Angeklagte daraufhin sofort ins Wasser gesprungen und habe Vanessa hochgeholt. "Ich selber hatte vorher noch die Köpfe durchgezählt, ob alle da sind. Ich muss aber sagen, dass Mädchen mit nassen Haaren im Wasser von außen betrachtet relativ ähnlich aussehen." Vanessa selber habe sie explizit nicht wahrgenommen. Später, als die Achtjährige geborgen wurde, sei ihr eine kleine aufblasbare Matratze aufgefallen, die an der Oberfläche getrieben sei.

Als klar war, was passierte, sei sie zum Bademeister ins Kassenhäuschen gelaufen. "Ich musste durch zwei Türen, ehe ich bei ihm war. Er hat dort an einem Tisch gesessen und verdutzt geschaut, als ich ihm gesagt habe, es gab einen Unfall und er soll schnell mit rauskommen." Auf dem Tisch habe eine Zeitung gelegen und eine Lesebrille, so dass der Verdacht besteht, der Mann habe womöglich gelesen und sei so seiner Aufsichtspflicht nicht nachgekommen.

Der Bademeister hatte indes angegeben, er habe die Zeugin bereits kommen sehen und sie an der Tür oder davor bereits in Empfang genommen. Zum Unglückszeitpunkt habe er keine Zeitung gelesen, sondern einen Katalog über Schwimmhilfen, den er einer Besuchern geliehen hatte, ins Kassenhäuschen zurückgebracht. "Das bewerte ich anders", erwiderte die Zeugin.

Ihre Tochter wurde ebenfalls vernommen. Die heute 13-Jährige gehörte damals zur Turngruppe des TSV. Sie war es, die Vanessa am Boden des Beckens erspähte. Sie gab zu Protokoll: "Ich war im Nichtschwimmerbereich und tauchte unter dem Absperrband durch. Da sah ich sie unten liegen. Ich kam wieder hoch und sagte zur Tochter der Betreuerin neben mir im Becken: ,Was macht denn die Vanessa da unten?'" Daraufhin habe das andere Mädchen sofort nach ihrer Mutter gerufen.

Vanessa habe auf der Seite gelegen, mit leicht angewinkelten Beinen, erzählte die junge Zeugin. Weder aus der Nase noch aus dem Mund des Mädchens seien Luftblasen aufgestiegen. "Sie hatte eine Taucherbrille auf", bestätigte sie, könne aber keine Angaben dazu machen, ob die Verunglückte habe schwimmen können oder nicht. "Davon weiß ich nichts, mir gegenüber hat Vanessa dazu nie etwas erwähnt."

Das Verfahren wird am Donnerstag, 1. März, fortgesetzt.