Neudrossenfeld
Interview

Hundetrainer Hans Ruckdeschel: "Die Basis ist Vertrauen"

Wie erzieht man einen Hund? Hans Ruckdeschel trainiert in Fohlenhof nach der Devise: Zuneigung statt Angst. Von TV-Hundeprofis hält er wenig.
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Hans Ruckdeschel leitet seit zehn Jahren seine eigene Hundeschule in Fohlenhof. Hier übt er mit Trainerin Vera Kürzdörfer und dem sechs Monate jungen Labrador-Rüden Dexter.Jochen Nützel
Hans Ruckdeschel leitet seit zehn Jahren seine eigene Hundeschule in Fohlenhof. Hier übt er mit Trainerin Vera Kürzdörfer und dem sechs Monate jungen Labrador-Rüden Dexter.Jochen Nützel

Seit mittlerweile 20 Jahren leitet Hans Ruckdeschel in Fohlenhof seine eigene Hundeschule. Warum er früher Angst vor Hunde hatte, wie er sich verantwortungsvolle Erziehung vorstellt und wieso er die Methoden von Cesar Milan & Co. skeptisch beäugt, erzählt er im Interview.

Hans Ruckdeschel und Hunde - das scheint eine lebenslange Symbiose zu sein.

Ehrlich gesagt, hatte ich ursprünglich eher Probleme mit Hunden. Ich bin als Kind mal vom Hund meiner Großeltern gezwickt worden und hatte großen Respekt vor diesen Tieren. Geändert hat sich das, als meine Frau - wir waren frisch verheiratet - den Wunsch nach einem Hund geäußert hat. Also haben wir uns einen belgischen Schäferhund angeschafft. Wäre das nicht gewesen, ich hätte womöglich bis heute nichts mit Hunden am Hut. So kam schließlich der Kontakt zu einer Züchterin in der Schweiz zustande, die Rettungshunde ausbildete. Das habe ich dann auch gemacht. Das war der Beginn.

Deswegen macht man aber nicht gleich eine eigene Hundeschule auf. Wie kam es denn dazu?

Besagte Züchterin, die auch Hundetrainerin ist, suchte vor 20 Jahren für Seminare ein größeres Gelände - und just zu dem Zeitpunkt wurde der Fohlenhof versteigert. Den habe ich dann erworben, damals habe ich mich sozusagen selbstständig gemacht und die Hundeschule eröffnet.

Hundeschulen boomen - und zwar vor allem die virtuellen, also die im Internet und im Fernsehen. Jeder zweite TV-Sender hält sich einen Hunde-Profi und Vier-Pfoten-Spezialisten. Ihre Meinung dazu?

Ich sehe das mit gemischten Gefühlen. Natürlich kann man sich Tipps holen, das Problem ist eher: Jeder Hund ist ein Individuum. Ich halte es für fragwürdig, irgendwelche Lehrmeinungen allgemeingültig über die gesamte Spezies stülpen zu wollen. Als Trainer brauche ich immer das Original vor mir - und zwar nicht nur den Hund, sondern vor allem den Mensch dazu. Was da bisweilen via Fernsehen geraten wird, ist oft höchstens das Herumdoktern an Symptomen.

Ein Klassiker: Der eigene Hund an der Leine bellt andere Hunde und Menschen an; also wird das Bellen abgestellt, zur Not sogar, indem der Hund plötzlich mit Wasser vollgespritzt wird. Mal abgesehen davon, dass das einen absoluten Schreckreiz für den Hund darstellt und zu einem herben Vertrauensverlust in Herrchen oder Frauchen führen kann, wird die Ursache für das Bellen an der Leine damit ja weder beachtet noch abgestellt. Ein solches Verhalten ist typisch für einen Hund, der unsicher ist, womöglich sehr unter Stress steht. Diese Unsicherheit müsste prinzipiell angegangen werden, dann ließen sich auch unliebsame Nebenerscheinungen von vornherein vermeiden. Oft aber reicht den Leuten, wenn ein Fehlverhalten nicht mehr stattfindet - aber zur Hundereziehung gehört eben mehr.

Als Heiland der Hundeerziehung gilt Cesar Milan mit einer weltweiten Fangemeinde.

Ihn finde ich bisweilen wirklich grenzwertig, weil er über den Schmerzbereich arbeitet. Wenn einer seiner Hunde etwa beim Leine-Gehen ein Fehlverhalten zeigt, werden ihm dünne Nylonoder Lederschnüre vom Hals über die Ohren gezogen und dann daran gezerrt, was unmittelbar auf die Nervenbahnen des Tieres drückt. So ein Hund kuscht natürlich, aber das hat mit Erziehung nichts zu tun. Das mag nach außen hin erfolgreich wirken, der Effekt mag der gewünschte sein - aber in meinen Augen ist das übel, weil es auf Schmerz und Angst aufbaut und nicht auf der existenziellen Zuneigung zwischen Mensch und Tier.

Wenn Sie draußen unterwegs sind, begegnen Ihnen fremde Hunde - Sie haben einen anderen Blick drauf. Wie viele Hunde sind nach Ihrem Dafürhalten so erzogen, dass sie auch in Ausnahmesituationen keine Gefahr für Artgenossen oder Menschen darstellen?

Wen ich etwa in der Eremitage laufe, begegnen mir manche Menschen, die einen etwas anderen Umgang mit ihren Vierbeinern pflegen, als ich das tun würde, aber das ist in Ordnung. Die allermeisten Hunde sind in keiner Weise gefährlich, schwere Angriffe haben nicht merklich zugenommen, auch wenn die mediale Aufmerksamkeit manchmal das Gegenteil nahelegt, vor allem wenn es um Kategoriehunde, also Kampfhunde geht. Es ist nicht verkehrt, wenn das publik wird, nur: Leider wird in solchen Fällen zwar der Hund einem Wesenstest unterzogen, mindestens genauso wichtig aber wäre es zu begutachten, wie sein Besitzer mit ihm umgeht, wie der Hund gehalten und gefüttert wird etc. Ein Beißvorfall passiert nicht urplötzlich, da hat sich im Vorfeld schon einiges aufgeschaukelt.

Das Problem ist also immer am oberen Ende der Leine zu finden?

Ja, das ist immer der Mensch. Ein Hund wird weder böse noch aggressiv geboren. Aber ein Hund ist begierig zu lernen.

Kann man das als Trainer den Leuten so offen und ehrlich sagen?

Ich muss ehrlich sein dürfen, ja. Ich hatte jüngst einen Kunden mit einem Junghund da, der kam aus einer anderen Hundeschule, in der noch körperlich gearbeitet wurde - heißt: Der Hund wurde auch mal unterworfen, also mit der Schnauze runtergedrückt. Mit Verlaub: Das braucht kein Hund, egal welche Rasse. Besagter Mann war selber ein sehr unausgeglichener Zeitgenosse. Diese negativen Spannungen übertrugen sich auf das Tier, daher sind solche Hunde von Haus auf emotional hochgefahren, was absolut nicht sein müsste. Das erste, was wir ihm gezeigt haben: entspanntes Laufen an der Leine und richtiges Belohnen. So kann man eigentlich alles korrigieren. Geduld und der passende Ton machen viel aus. Sich auf den Hund einzulassen, ist wesentlich.

Wie würden Sie Ihre Philosophie beschreiben?

Alles baut auf Vertrauen auf. Ich finde es bisweilen traurig, wenn Menschen mit der Grundeinstellung kommen, ihr Hund soll Gehorsam lernen, soll "funktionieren". Das aber ist nicht meine Welt. Ein Hund soll natürlich auch draußen gut abrufbar sein, aber das geht nur auf Vertrauensbasis. Wenn die geschaffen ist, muss ich auch nicht dauernd mit "Nein" und sonstigen Verboten arbeiten. Jeder Besitzer muss sich fragen: Wie werde ich als Mensch so wertig für meinen Hund, dass er auf mich hört? Und zwar nicht, weil er dazu wie eine Maschine konditioniert wurde oder gar aus Angst reagiert, sondern aus freiem Antrieb folgt. Jeder Hund, ob Welpe oder älterer Vierbeiner, nimmt dankbar an, wenn er spielerisch motiviert und einfühlsam geführt wird.

Die Hundeschule

Hans Ruckdeschel hat seit 1985 Erfahrungen als privater Hundeführer und war unter anderem Ausbilder für Rettungshunde beim THW Bayreuth/ /Marktredwitz und der Bergwacht Bayreuth. Seine Hundeschule im Neudrossenfelder Ortsteil Fohlenhof besteht seit 2009. Dort halten er und weitere Trainer Kurse für Hunde aller Altersklassen, Hans Ruckdeschel beherbergt zudem Pensionshunde. Weitere Infos finden sich online unter www.hundeschule-ruckdeschel.de.

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