Kulmbach
Imkerei

Honig- gegen Wildbiene: Tobt ein Existenzkampf um jede Blüte?

Sind Honigbienen, wie sich auch Hermann Lochner aus Katschenreuth hat, eine fatale Konkurrenz für bedrohte Wildarten? Eine Studie sagt: Ja!
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Hermann Lochner in seinem Bienenhaus in Katschenreuth. Foto: Sonny Adam
Hermann Lochner in seinem Bienenhaus in Katschenreuth. Foto: Sonny Adam
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Summ, summ, summ - im Bienenstock geht der Sensenmann um! Und die Welt reagiert besorgt. Sobald das Wort "Bienensterben" fällt oder in den Medien auftaucht, werden viele hellhörig. Dass die Bestäuber seit Jahrzehnten mit der Varroa-Milbe kämpfen und dem Pestizideinsatz durch die Landwirtschaft, ist mittlerweile sogar Gesprächsstoff außerhalb einschlägiger Imkerkreise. Selbst der sperrige Begriff "Neonicotinoide" (das sind Insektizide und Saatgut-Beizmittel, die offenbar den Orientierungssinn der Tiere beeinflussen) geht den Disku tanten fehlerfrei über die Lippen.

Nun aber behauptet eine Studie der britischen Universität Cambridge: Eine weitere Gefährdung für das - nach Schwein und Rind - drittwichtigste Nutztier der Deutschen könnten die Imker selbst sein! Wohlgemerkt eine Gefahr nicht für die Honigbiene, sondern deren natürliche Verwandte, die Wildbienen. "Wer an die so elementare Bestäubungsleistung denkt, denkt an die Honigbienen. Doch wenn es um Artenschutz geht, greift das viel zu kurz", schreibt Biologe Jonas Geldmann in einem Aufsatz, der in der renommierten Wissenschaftszeitung "Science" erschienen ist und viel Staub aufgewirbelt hat.


In Sorge um die "Falschen"?

Für Geldmann und seine Forscherkollegen steht demnach fest: Es sei richtig, sich um Bienen Sorgen zu machen. "Es ist aber falsch, sich nur um die Honigbiene zu sorgen. Die ist wichtig für die Landwirtschaft und die Imker. Für die Natur aber spielt sie keine so große Rolle." Honigbienen seien vor allem Nutztiere, die nur auf landwirtschaftlichen Flächen Sinn ergäben. Und aufgrund ihrer zahlenmäßige Stärke könne sie anderen Bestäubern Probleme bereiten. "Honigbienen sind effizient, daher können sie große Kolonien bilden. Sie fliegen kilometerweit aus, um Nahrung suchen. Und sie können ihren Nestgenossinnen effektiv mitteilen, wo gute Nahrungsquellen zu finden sind. Dort treffen dann sehr rasch sehr viele Honigbienen ein. In natürlichen Lebensräumen treten sie auf diese Weise in direkte Konkurrenz mit wilden Bestäubern."

Wildbienen seien auf Pollen von Pflanzen einer bestimmten Gattung angewiesen, manche sammeln nur an einer Art, um ihre Nachkommen aufzuziehen. Honigbienen machten ihnen Nektar und Pollen streitig. Aber nicht nur das: Honigbienen können Krankheitserreger auf ihre wilden Verwandten übertragen - was die Populationen zusätzlich schwäche. Geldmanns radikale Forderung lautet: "In natürlichen Biotopen mit hohem ökologischen Wert und ohne Landwirtschaft haben Honigbienen nichts zu suchen."

Otto Boecking, Biologe am Institut für Bienenkunde in Celle, will Imkern deswegen ins Gewissen reden: "Ein Imker hat den Vorteil, dass seine Völker mobil sind. Das gilt für die Wildbienen nicht, die kann man nicht irgendwie woandershin transferieren. Die sind lokal, wenn sie vorhanden sind, auf ihre Umgebung angewiesen."


"Nicht mehr Völker als früher"

Diese Konkurrenz und deren beschriebene Folgen sieht Hermann Lochner in dieser Form nicht. Seit 1974 ist der heute 68-Jährige Imker, seit vielen Jahren Vorsitzender der Imkervereinigung Kulmbach. Er selber hat 15 Völker, ein Drittel davon summt und brummt in seinem Bienenhaus in Katschenreuth. Von einer "Invasion der Zuchtbiene", von der etwa die Tierschutzorganisation Peta warnt, könne nicht die Rede sein, sagt er. "Der Bestand an Honigbienen beispielsweise bei uns in er Region ist in den vergangenen Jahren nicht größer geworden."

Die momentan 65 aktiven Mitglieder der Vereinigung hielten rund 350 Völker. "Gerade auf den Dörfern gab es früher so viel mehr Bienenvölker - und trotzdem hatten auch die Wildbienen noch ihr entsprechendes Auskommen."Manche Pflanzenarten wie einigen Kleesorten seien für Honigbienen auch gar nicht zu bestäuben, sagt Hermann Lochner. "Aufgrund der Tiefe des Blütenkelchs kommen meine Bienen mit ihrem Saugrüssel gar nicht an Pollen und Nektar heran, Hummeln und Wildbienen hingegen sehr wohl."


Futterengpässe bleiben nicht aus

Das aber bedeutet nicht, dass nicht auch Hermann Lochners Honigbienen bisweilen am Hungertuch nagten. "Das größte Problem für die Bienen ist, von Frühling bis Herbst durchgängig ein ausreichendes Nahrungsangebot zu finden. Die Landschaft wird, was Blühpflanzen angeht, immer eindimensionaler. Hinzu kommt, dass in Jahren wie diesem durch die warme Witterung schon Vieles im Mai abgeblüht ist. Den Bienen fehlt die Grundlage für die kommenden Wochen. Ein extremes Beispiel sind die Linden: Die Bäume haben jetzt schon geblüht, dabei wäre Anfang Juli normal."

Ob sich als mögliche Quelle der so genannte Blatthonig einstellt, sei fraglich, sagt der Experte. "Wir hoffen es natürlich." Dabei nutzen die Bienen die zuckerhaltigen Ausschwitzungen von Blatt- und Schildläusen, die die Blätter der Bäume anstechen und den Zellsaft aussaugen. Der Rest wird als Honigtau wieder ausgeschieden - und dient den Bestäubern als Mahlzeit.

Dabei kann jeder Gärtner seinen Beitrag leisten, den Bienen den Tisch zu decken - auch den Wildarten. "Die offenen Sorten der Pfingstrosen werden sehr gerne angenommen." Wer es nicht ganz so "aufgeräumt" mag im Garten, kann wilden Klee stehen lassen. Waldweidenröschen und die Blüten der Himbeere ziehen die Brummer ebenfalls an. Zu den sogenannten Bienenweiden gehört die Phacelia, die auch Büschelschön genannt wird; sie bietet reichlich Pollen und Nektar. "Ein weiterer Vorteil: Sie blüht lange, von Anfang Juni bis Mitte September, und schließt so eine Trachtlücke, also einen Nahrungsengpass, wie er typischer Weise im Sommer auftritt." Aufgrund dieser positiven Eigenschaften trägt die Pflanze auch den Beinamen "Bienenfreund".


Kleine Bienen-Kunde

Vielfalt "Die" Biene gibt es nicht. Wer an die Brummer denkt, hat in den allermeisten Fällen die Honigbiene im Sinn. Wer weiß aber, dass es 550 einheimische Wildbienen-Arten gibt - wie etwa die Hahnenfuß-Scherenbiene oder die Zaunrüben-Sandbiene?

Staatenbildung Honigbienen sind staatenbildende Insekten und leben in Volksstärken von bis zu 40 000 Individuen und einer Königin. Bei den Wildbienen kommen sowohl staatenbildende Arten (einige Hummelarten), aber auch solitär lebende Arten vor. Ein Hummelstaat kommt auf lediglich 50 bis 500 Individuen.
Ursprung Die ursprünglich als einzige in Mitteleuropa heimische Honigbienenart war die sogenannte Dunkle Honigbiene (Apis mellifera mellifera). Sie ist heute in Deutschland so gut wie ausgestorben. Dabei galt sie als robuste Art, die relativ kleine Volksstärken bildete. Wer heute von Honigbienen spricht, meint importierte, vielfach gekreuzten Zuchtrassen aus verschiedenen Ländern.

Vorteil Wildbiene? Kritiker der Honigbienenzucht führen ins Feld: Wildbienen würden durch natürliche Regulationsmechanismen (Klima, Parasiten, Krankheiten, Nahrungsangebot) in ihrer Populationsgröße beschränkt. Durch das Wirken des Imkers hingegen werde ein natürliches Gleichgewicht gestört - zu Ungunsten der natürlichen Arten.

Bestäubungsleistung Es gibt vermehrt Biologen, die die Leistung der Honigbiene als Bestäuber für unsere Breitengrade sogar für überbewertet halten. Die Wildbiene sei gerade aufgrund ihrer hohen Effizienz und den vergleichsweise geringen Ausfällen durch Parasiten und Krankheiten die bessere Alternative. So werden Hummeln und Mauerbienen statt Honigbienen gezielt zur Bestäubung von Obstbaumkulturen eingesetzt. Es gibt dazu statistische Erhebungen. Pro Hektar Apfel- oder Mandelbäume werden demnach rund 400 Mauerbienenweibchen und 400 bis 600 Männchen (bei Wildbienen bestäuben beide Geschlechter) zur effektiven Bestäubung benötigt. Für die gleiche Fläche veranschlagt man bis zu drei Bienenvölkern mit je 20 000 Arbeiterinnen pro Volk. Und: Bei der Nektar sammelnden (nicht Pollen sammelnden) Honigbienen wurden nur in 19 Prozent aller Blütenbesuche die Narbe berührten - demnach blieben 81 Prozent der besuchten Blüten unbestäubt.
Quelle: "Wildbienenschutz" von Antonia Zurbuchen


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