Marktschorgast
Geschichte

Höllenfahrt auf der Schiefen Ebene endet glimpflich

Der Marktschorgaster "Kini"-Spezialist Rudolf Kurz spricht bei einem Open-Air-Vortrag am Goldbergsee über die Baugeschichte der ältesten Steilrampe Europas.
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Horrorszenario auf der Schiefen Ebene: So, wie es die Illustration zeigt, wäre es um ein Haar am 18. November 1848 gekommen. Der Zeichner wollte vor den Gefahren der modernen Technik warnen.  Repro: Wolfgang Schoberth
Horrorszenario auf der Schiefen Ebene: So, wie es die Illustration zeigt, wäre es um ein Haar am 18. November 1848 gekommen. Der Zeichner wollte vor den Gefahren der modernen Technik warnen. Repro: Wolfgang Schoberth
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Nur zwei Wochen nach Inbetriebnahme der Schiefen Ebene hätte es um ein Haar die größte Katastrophe ihrer Geschichte gegeben. Ein Zug fuhr am 18. November 1848 mit über hundert Fahrgästen besetzt in Neuenmarkt ab. Kurz vor dem Erreichen von Marktschorgast bemerkte der Maschinist, dass er nicht mehr genug Dampf hatte. In seiner Aufregung hatte er den Dampfhebel zu früh geschlossen. Hektisch riss er ihn noch einmal herum.

Der Zug machte einen gewaltigen Satz, die Kupplung zwischen dem zweiten und dritten Wagen brach und die 14 hinteren Wagen begannen, immer schneller werdend, abwärts zu rollen. In Panik sprang der Bremser, der in sich in seinem Bremserhäuschen am Gepäckwagen aufhielt, ab.

Tollkühner Balanceakt

In dieser Situation reagierte der Zugschaffner Wagner tollkühn. Er balancierte außen an den wild schlenkernden Waggons entlang bis zum Gepäckwagen und zog mit letzter Kraft die Bremse. Die Geschwindigkeit verebbte erst allmählich, doch die größte Gefahr war gebannt. Viele Fahrgäste hatten Blessuren oder standen unter Schock. Zugschaffner Wagner ist zeitlebens wegen seines Einsatzes geehrt worden. König Maximilian II. selbst hat ihm mit dem Zivilorden der bayerischen Krone ausgezeichnet. Seine Nachkommen in Hegnabrunn verwahren noch Urkunde und Ehrenzeichen.

Die Beinahe-Todesfahrt auf der Schiefen Ebene regte die Fantasie der Zeitgenossen in nah und fern an. Technik-Skeptiker hatten ihre große Stunde und ergingen sich in Horrorszenarien, wie die Illustrationen oben zeigt.

Technische Bravourleistung

Der Marktschorgaster Historiker Rudolf Kurz, Spezialist für das bayerische Königshaus, hat sich intensiv mit der Schiefen Ebene beschäftigt. Er hat viele bisher unbekannte Aspekte zu Tage gefördert und kann bei seinem Vortrag am 13. September am Goldbergsee interessante Bilder zeigen, die Jürgen Schiphorst, Roland Fraas, Gernot Dietel und das Stadtarchiv Hof zur Verfügung gestellt haben.

"Die Fränkische Linie zwischen Neuenmarkt und Marktschorgast zu überwinden, war eine der größten Herausforderungen für die Ingenieure und Bauarbeiter in der Mitte des vorletzten Jahrhunderts. Das Ergebnis ist großartig: Die Schiefe Ebene ist die älteste Steilrampe in Europa", sagt Kurz.

Zahlen hat er jede Menge parat: Der Bau der insgesamt 566 Kilometer langen Ludwig-Süd-Nord-Bahn von Lindau über Augsburg, Nürnberg, Hof an die sächsische Grenze kostete 107 Millionen Gulden. Ein großer Teil ist in die Schiefe Ebene mit den gewaltigen Erdbewegungen, den Brücken, Durchlässen und Stützmauern geflossen.

Steine vom Schneeberg

Die Steine für die Rampe mussten vom Schneeberg durch waldreiches und sumpfiges Gebiet 20 Kilometer mit Pferde- oder Ochsen-Gespannen transportiert werden. Für den Gleisbau wurde Schotter aus der näheren Umgebung bezogen.

Die technisch optimale Lösung gelang erst nach langer Suche, als man sich entschloss, statt britischen Loks mit starrem Fahrwerk das "amerikanische System" zu verwenden, das heißt Dampfloks mit Drehgestellen und gekuppelten Antriebsrädern, für die enge Kurvenradien und starke Steigungen kein unüberwindliches Hindernis bedeuteten. Allerdings waren eine Vorspann- und Schiebelok erforderlich, um die 58 Meter zwischen der Tal- und der Bergstation zu überwinden.

Im Herbst 1843 wollte sich der bayerische König Ludwig I. vor Ort ein Bild vom Fortschritt der Bauarbeiten an der Strecke machen. Bis Neuenmarkt fuhr er mit der bereits fertig gestellten Bahn, danach stieg er mit seiner Gattin Therese von Sachsen-Hildburghausen in die Kutsche um. In Hof wollte er mit dem König Georg von Sachsen über die Weiterführung der Bahnlinie verhandeln.

Gesellschaftliches Ereignis

Das zweitägige Treffen der Monarchen geriet zu einem gesellschaftlichen Ereignis: Die Stadt wurde festlich herausgeputzt und illuminiert; Therese mischte sich unter die Leute, besuchte Krankenhäuser, Schulen, Kirchen und Armeneinrichtungen.

Die feierliche Einweihung "seiner" Bahn in Lindau jedoch erlebte Ludwig I. nicht mehr. Er musste im Frühjahr 1848 wegen seiner Affäre mit der spanischen Tänzerin Lola Montez zurücktreten. Sein Sohn Maximilian übernahm diese Aufgabe.

Marktschorgaster bekamen König nicht zu sehen

So freudig der Besuch Ludwigs I. ausfiel, so enttäuschend verlief der seines Enkels Ludwigs II. zumindest für die Marktschorgaster: Am 13. November 1866 kam der gerade 21-jährige "Kini" mit seinem eigens für die Reise gebauten Hofzug in Neuenmarkt an. Die Lok "Tristan" musste zur Weiterfahrt über die Schiefe Ebene Kohlen aufnehmen und Wasser fassen. Viele Schaulustige säumten den Bahnhof und die Schiefe Ebene.

Als der Zug in den festlich herausgeputzten Marktschorgaster Bahnhof einfuhr, erhofften die Leute, einen Blick auf den jugendlichen "Märchenkönig" werfen zu können. Doch der verließ den Zug während des 45-minütigen Aufenthalts nicht. Mehr noch: Ludwig II. ließ sich nicht einmal am Fenster seines Reisewagens blicken.

Termin Das Open-Air-Event am Goldbergsee beginnt am Freitag, 13. September, um 18 Uhr. Die Power-Point-Präsentation findet vor dem Kiosk auf dem Badegelände statt. Für Getränke und einen Imbiss ist gesorgt.

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