Kulmbach
Landgericht

Heugabel-Attacke: Täter ist krank

Die Bayreuther Kammer hat die Unterbringung des 75-Jährigen angeordnet, der eine 51-Jährige mit der Heugabel angegriffen und verletzt hat. Der Mann muss aber nicht in die Psychiatrie, sondern darf im Seniorenheim bleiben.
Artikel drucken Artikel einbetten
Mit einer Heugabel hat ein heute 75-Jähriger eine Nachbarin attackiert. Symbolbild: Alexander Hartmann
Mit einer Heugabel hat ein heute 75-Jähriger eine Nachbarin attackiert. Symbolbild: Alexander Hartmann
Seelenruhig sitzt der Mann im Gerichtssaal. Er quittiert sogar das Urteil mit einem ganz lockeren "Passt scho". Dass der 75-Jährige schon mehrfach ausgerastet ist, eine Nachbarin sogar mit einer Heugabel attackiert und verletzt haben soll - man mag es kaum glauben, wenn man den Rentner sieht, der dem Prozess gestern fast apathisch folgt.
Bei der Verhandlung am Landgericht steht der 75-Jährige, der seit vielen Jahren unter paranoider Schizophrenie und einer organischen Persönlichkeitsstörung leidet, unter beruhigendem Medikamenten-Einfluss. Weil der Mann die für seine Behandlung erforderlichen Tabletten zur Tatzeit nicht genommen hatte, war es am 18. August 2012 zu einem Ausraster gekommen. Mit blutigen Folgen.
Eine Nachbarin wurde am Kopf verletzt, hatte Todesangst.

"Wollte auf mich einstechen"

Der damals 74-Jährige war unvermittelt auf die Frau losgegangen, die mit ihrem Fahrrad auf der Straße stand und auf einen Landwirt wartete. Sie habe den Beschuldigten im Augenwinkel auf sich zukommen sehen, stellt die 51-Jährige fest, die als Zeugin aussagt. Dieser habe sie mit der Heugabel attackiert, deren Zinken in Richtung ihres Kopf gezeigt hätten. "Er hat versucht, auf mich einzustechen", sagt die Frau, die mit einer reflexartigen Bewegung ausgewichen ist. Sie habe um Hilfe gerufen, die Heugabel dann festgehalten. Es sei zu einem Gerangel gekommen, in dessen Folge beide gestürzt seien, teilt die Zeugin mit, die eine Platzwunde am Kopf, eine Halswirbelverletzung sowie eine Prellung am Daumen erlitt.

"Dich stech' ich ab"

Erst einem Passanten gelang es, dem Täter die Heugabel zu entreißen. Der Beschuldigte soll diesen und später den Ehemann des Opfers mit einem Taschenmesser bedroht haben. Dabei soll der Ausspruch "Dich stech' ich auch ab" gefallen sein.
Dass sich die Dinge im Großen und Ganzen so abgespielt haben, dementiert der Beschuldigte nicht. "Ich kann mir nur vorstellen, dass es ein Kurzschluss war", sagt der Mann, der sich von der Frau mit den Worten "Du fauler Hund" gereizt gefühlt haben will.
Ein Ausspruch, der wohl nie gefallen ist. Der Beschuldigte fühle sich - ohne Medikamente - oft bedroht, werde dann von szenischen und akustischen Halluzinationen gequält, sagt Gutachter Professor Klaus Leipziger. So habe er in der Nacht vor der Tat ein Sirenengeräusch gehört, mit dem ihn die Nachbarn belästigt hätten. Der 75-Jährige habe wenig Gespür für die Dimension seiner Erkrankung. Er habe schon lange vor der Tat offenbar keine Medikamente mehr genommen, die Tat unter einer Wahnvorstellung begangen. Seine Steuerungs- und Einsichtsfähigkeit sei nicht mehr vorhanden gewesen.

"In betreuter Situation"

Nach der Tat - während seines Aufenthalts im Bezirkskrankenhaus und nach der Entlassung in ein Senioren- und Pflegeheim - sei er unter sichergestellter Medikation nicht mehr verhaltensauffällig geworden. Leipziger hält die Unterbringung in ein psychiatrisches Krankenhaus für angebracht, rät dem Gericht aufgrund der Erfahrungen der letzten Monate aber, diese zur Bewährung auszusetzen. "In einer betreuten Situation sind keine gewalttätigen Exzesse zu erwarten", erklärt der Gutachter, dessen Einschätzung Staatsanwaltschaft, Verteidigung, aber auch der Nebenklage-Vertreter Folge leisten.
Die Kammer unter Vorsitz von Michael Eckstein ordnet die Unterbringung an, setzt die Vollstreckung aber für fünf Jahre zur Bewährung aus. Das Gericht gibt dem 75-Jährigen zahlreiche Weisungen. So darf er das Senioren- und Pflegeheim, in dem er seit wenigen Wochen lebt, nicht ohne Begleitung verlassen. Außerdem muss er den ärztlichen Anweisungen des Forensischen Instituts des Bezirkskrankenhauses Folge leisten, die Medikamenteneinnahme gegebenenfalls überprüfen lassen.

Tötungsabsicht?

Ob der Verurteilte bei der Tat eine Tötungsabsicht hatte, sei schwer zu beurteilen, so der Vorsitzende Richter, der von einer vollendeten vorsätzlichen Körperverletzung sprach.
Das Opfer kann wieder beruhigt schlafen. "Ich hatte große Angst, wenn er wieder kommt", hat die Frau in ihrer Zeugenvernehmung erklärt. Wieder kommen wird der Mann nicht. Auch deshalb, weil das Gericht ihm auferlegt hat, zum Wohnhaus des Opfers künftig mindestens 100 Meter Abstand zu halten.
was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren